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Der Midrasch[1] Tehilim überliefert wie Rabbi Jehuda Bar Schimon in Psalm 87,4 eine Zukunft voraussieht, in der die heidnischen Völker Geschenke nach Jerusalem bringen. Bei näherem Hinsehen scheint sich der Midrasch dann aber plötzlich unsicher. Fast unmerklich in einem Halbsatz nimmt der rabbinische Schriftgelehrte eine inhaltliche Wendung vor: Sind diese Nichtjuden tatsächlich „Heiden“? Sind sie tatsächlich „gott-los“?

Zweifelsfrei, es sind „Völker der Welt“ (אומות העולם/Umot Ha‘Olam). Aber sie huldigen dem König Messias, dem König von Israel. Dadurch identifizieren sich „diejenigen, die dort in ihren Ländern geboren wurden“, mit „Israel“. Intuitiv spüren die jüdischen Ausleger, was im Folgenden „zu Zion“ über dieses erstaunliche Phänomen gesagt wird (Psalm 87,5):

Zu Zion sagt man: …

Amos Chacham[2] beobachtet das Futur in den Worten „wird gesagt“ (יֵאָמַר/Ye‘Amer)[3]. Das beschreibt einen ständigen, „imperfekten“, nicht abgeschlossenen Zustand in der Gegenwart, wie schon das „ich rufe ins Gedächtnis“, „ich erinnere“ (אַזְכִּיר/Askir) im vorangegangenen Vers.

„Ein Mann und ein Mann ist in ihr geboren.

Ein Frohbotschafter

„Mann Mann“ (אִישׁ אִישׁ/Isch Isch; 3. Mose 17,3.10.13) oder „Mann und Mann“ (אִישׁ־וָאִישׁ/Isch VaIsch; Esther 1,8) bedeutet zunächst einmal „Mann für Mann“, „einer nach dem anderen“, „ein jeder“ oder „alle“. Der Ausdruck unterstreicht einen „progressus in infinitum“, ein „Weiterschreiten ins Unendliche“: Unablässig wird einer an den anderen gereiht.[4]

Mezudat David[5] sieht in diesem Vers einen Botschafter, der Zion verkündet: „Sieh da, es wird gebracht ein Mann nach dem anderen, der in ihr geboren wurde.“ Die Worte dieses rabbinischen Schriftauslegers erinnern an die „Botschafterin Zions“, die in Jesaja 40,9 die Anordnung erfährt: „Steige auf einen hohen Berg, Freudenbotin Zions (מְבַשֶּׂרֶת צִיּוֹן/Mevasseret Zion). Erhebe deine Stimme mit Macht, Freudenbotin Jerusalems (מְבַשֶּׂרֶת יְרוּשָׁלִָם/Mevasseret Jeruschalajim), erhebe deine Stimme, fürchte dich nicht, sage den Städten Judas: Sieh da ist euer Gott!“

Rückkehr aus dem Exil

Im Buch des Propheten Jesaja ist diese Frohbotschaft an Israel untrennbar verwoben mit der Vision von der Rückkehr des Volkes Israel in das Land Israel, bei der nichtjüdische Menschen eine entscheidende Rolle spielen. Der Prophet beschreibt in Kapitel 49 wie der Messias „zum Licht der nichtjüdischen Völker“ und zum „Heil bis an die Enden der Erde“ wird (Vers 6).

Daraus entwickelt sich in den Versen 18-23 ein atemberaubendes Szenario: „Erhebe deine Augen ringsumher! Sieh! Alle sind versammelt. Sie kommen zu dir!“, um dann zu erklären: So wahr ich lebe – prophetischer Ausspruch des Herrn: „Diese alle wirst du wie einen Schmuck anlegen. Du wirst sie an dich binden, wie eine Braut“ – ‚wie eine Kalah‘ (כַּכַּלָּה/KaKalah), eine Erfüllung, eine ‚Vervollkommnung‘, die das Unvollkommene, das Unfertige vollkommen macht. „Dein verwüstetes, zerstörtes und verheertes Land wird jetzt zu eng werden vor der Menge der Bewohner. Die dich verschlingen müssen weichen. Noch einmal werden die Kinder deiner Kinderlosigkeit in deine Ohren sagen: Zu eng ist mir dieser Ort. Mache mir Raum, damit ich mich niederlassen kann!“

Das deprimierte Gottesvolk

Bei aller Begeisterung ignoriert dieser Botschafter aber die Realität nicht. Er kennt die Niedergeschlagenheit, die Verfassung des zerstreuten und gedemütigten Gottesvolks und weiß: „Du aber wirst in deinem Herzen sagen: Wer hat mir diese geboren? Ich bin doch kinderlos, einsam, vertrieben und verstoßen! Wer soll diese Leute aufgezogen haben? Sieh doch, ich bin völlig allein gelassen! Woher kommen alle diese Menschen?“ Wenige Atemzüge zuvor, im Vers 14 desselben Kapitels 49, hatte „Zion“ ihren ganzen Frust und ihre Enttäuschung in die Welt hinausgeschrieen: „Der Herr hat mich verlassen! Der Herr hat mich vergessen!“

Darauf hatte der prophetische Botschafter lediglich versichert, dass Gott sein Volk niemals vergessen könne – genauso wenig, wie eine Mutter das Kind an ihrer Brust vergessen könnte (Vers 15). Jetzt, ab Vers 22, darf der Prophet als Erklärung für seinen fröhlichen Optimismus die Vision von einem Szenario skizzieren, in dem Juden und Nichtjuden, Israel und Heiden gemeinsam in das Land Israel hinaufziehen: „So spricht Gott der Herr: Siehe, ich erhebe meine Hand zu den nichtjüdischen Völkern, in Richtung der Nationen richte ich mein Banner auf. Dann werden sie deine Söhne in den Armen herbeibringen, deine Töchter tragen sie auf den Schultern. Könige werden deine Adoptivväter sein und ihre Fürstinnen deine Pflegemütter. Mit der Nase auf der Erde werden sie dir huldigen – dich anbeten! – und den Staub deiner Füße lecken. Da wirst du erkennen: Ich bin der Herr, nicht zuschanden werden, die auf mich hoffen!“

Fürstinnen und Könige huldigen Israel

Interessant ist, dass die demütige Huldigung der nichtjüdischen „Könige“ und „Fürstinnen“ eine entscheidende Schlüsselfunktion beim geistlichen Erwachen des Volkes Israel ausübt.

Der Midrasch erklärt den Satz „einer nach dem anderen, der in dir geboren wurde“ in Psalm 87,5 – genau wie zuvor schon Raschi[6] – mit Jesaja 66,20: „Sie werden all eure Brüder bringen aus den nichtjüdischen Völkern.“ Und der Malbim[7] weiß: „Zion gleicht mit seinen einzelnen Gliedern einem lebenden Wesen. Wenn auch nur ein einziges Glied fehlt, ist das eine Behinderung, ein Mangel des ganzen Körpers. Deshalb vollendet ‚ein Mann nach dem anderen‘ die Vollkommenheit des Ganzen. Wenn auch nur einer fehlt, fühlt man diesen Mangel im gesamten Ganzen.“

Kein Einziger darf fehlen

Die Einstellung des Messias Jeschua ist hier sichtbar, der wegen eines einzelnen verlorenen Schafs die ganze Herde stehen lässt; wegen einer einzelnen verlorenen Münze das ganze Haus auf den Kopf stellt (vergleiche Lukas 15,1-10). Wenn auch nur ein Glied in der Kette fehlt, wenn nicht wirklich „Mann und Mann“ aneinandergereiht werden, ist die gesamte Kette zerstört. Deshalb weiß Paulus, dass einmal „ganz Israel“ gerettet werden wird (Römer 11,26).

Radak[8] versteht das „ein Mann und ein Mann“ (אִישׁ וְאִישׁ/Isch VeIsch) von Psalm 87,5 als „Israel, das heißt, Priester und Levit“, um dann aber gleich wieder Jesaja als Ausleger zu Rate zu ziehen. Der Prophet fährt im oben zitierten Kapitel 66 fort und schreibt in Vers 21 über die Nichtjuden, die Israel als „Minchah“ (Opfergabe, Weihgeschenk) für den Herrn zurück ins Land bringen: „Auch aus ihnen werde ich Priester und Leviten nehmen“ – nämlich aus denen, die bringen, und aus denen, die gebracht werden.

Von der Schöpfung zur Neuschöpfung

Rabbi Mosche Alschich aus Zfat[9] sieht die Grundlage für all dies in den Anfängen der Schöpfung, wenn er die rhetorische Frage stellt: „Stammen denn nicht alle Nationen vom ersten Menschen ab?“ Mit Bezug auf eine Aussage des Rambam[10] verbindet Alschich die Erschaffung des Menschen mit dem Tempel in Jerusalem: Adam, der erste Mensch, wurde „vom Ort des Altars geschaffen!“ Woraus er folgert: „Wenn dem so ist, dann wurden alle Kinder der Welt in Zion geboren.“

Der von der europäischen Romantik und Aufklärung geprägte neo-orthodoxe Rabbiner Samson Raphael Hirsch erklärte zu Psalm 87,5: „Zion ist die Mutter jeder geistigen Grösse, die in Israel gelebt und gewirkt, ja – wir können heute sagen, – jede geistige Grösse, die auch weit über Israel hinaus wahrhaft bildend und erleuchtend im Kreis der Menschen gelebt und gewirkt, deren geistige Wiege hat – bewusst oder unbewusst – in Zion gestanden, Funken des Wortes aus Zion waren es, die ihren Geist und ihr Gemüt entzündet und sie zu seinen Herolden an die Menschheit geweiht“.[11]

Geburt aus Wasser und Geist

Christliche Ausleger sehen in diesem Zusammenhang eine erste Andeutung auf die πολιτεία τοῦ Ἰσραὴλ/politeia tou Israel, „das Bürgerrecht Israels“, das Paulus in Epheser 2,12 erwähnt. Diese „israelische Staatsbürgerschaft“ setzt einen geistlichen Wandel voraus, den das Neue Testament als „Neugeburt aus Wasser und Geist“ (Johannes 3,5) beschreibt.[12]

Der britische Theologe Derek Kidner unterstrich, dass diese Leute nicht bloße „Proselyten“ sein können. Sie wurden „in Zion geboren“ und können eben darauf verweisen – genau wie Paulus betonte, dass er sein römisches Bürgerrecht durch Geburt erworben hatte (vergleiche Apostelgeschichte 22,28). Dass „einer nach dem anderen“ in Zion geboren wird, zeigt tatsächlich familiäre Bande, eine verwandtschaftliche Beziehung an[13] – unter denen, die von derselben Mutter geboren werden, genauso wie zwischen den Geborenen und Zion. Kidner kommt zu dem Schluss: „Das ist das Zeitalter des Evangeliums, nichts weniger!“[14]


[1] Der Begriff „Midrasch“ (מדרש) ist abgeleitet von der hebräischen Wurzel „darasch“ (דרש), die „suchen, fragen“ bedeutet. „Midrasch“ ist also wörtlich „Forschung, Studium, Auslegung, Lehre“, wird aber hier als umfassender Begriff für die rabbinische Auslegung gebraucht, die in der Antike mündlich, später in schriftlicher Form weitergegeben wurde. Als literarisches Genre folgen die „Midraschim“ als Auslegung dem biblischen Text, während der „Talmud“ Sachfragen behandelt und dementsprechend angeordnet ist. Der „Midrasch Tehilim“ ist die Auslegung des Buchs der Psalmen.

[2] 1921-2012, wurde in Israel bekannt als Gewinner des ersten israelischen und weltweiten Bibelquiz. Sein behinderter Vater, Noach Chacham, war ein jüdischer Bibellehrer, der 1913 von Wien nach Jerusalem übergesiedelt war. Er hatte den einzigen Sohn aus Angst vor einem Sprachfehler nicht an eine öffentliche Schule geschickt, sondern in äußerst ärmlichen Verhältnissen selbst ausgebildet. Das Bibelquiz im August 1958 offenbarte sein Genie und begründete seine legendäre Laufbahn als Schriftausleger. Seine Auslegungen liegen mir nur in hebräischer Sprache vor.

[3] עמוס חכם, ספר תהלים, ספרים ג-ה, מזמורים עג-קן (ירושלים: הוצאת מוסד הרב קוק, הדפסה שישית תש”ן/1990), קכו.

[4] Vergleiche C.F. Keil und F. Delitzsch, Psalms 84-150, Commentary on the Old Testament vol.5/3. Translated by Francis Bolton (Peabody, Massachusetts/USA: Hendrickson Publishers, 1986), 20.

[5] Ein Bibelkommentar von David Altschuler, der im 18. Jahrhundert in Jaworow in Galizien lebte. Während seine Auslegung Mezudat Zion einzelne Worte erklärt, beleuchtet Mezudat David die Bedeutung des Texts.

[6] Rabbi Schlomo Ben Jizchak (1040-1105) oder auch „Rabbi Schlomo Izchaki“ wurde im nordfranzösischen Troyes geboren, studierte zehn Jahre in Mainz und Worms, bevor er wieder nach Troyes zurückkehrte, wo er sich als Richter und Lehrer auszeichnete. In seinen letzten Lebensjahren erlebte er die Judenverfolgungen der Kreuzzüge mit. Raschi gehört zu den ganz großen Auslegern jüdischer Schriften und ist der Erste, der Bibel und Talmud umfassend ausgelegt hat. Seine Grundanliegen waren, die Heilige Schrift unters Volk zu bringen, die Einheit des jüdischen Volkes zu fördern und die theologische Auseinandersetzung mit dem Christentum. Raschi unterschied scharf zwischen „Pschat“ (wörtlicher Auslegung) und „Drasch“ (übertragener, allegorischer Auslegung), wobei der Pschat den Ausschlag gibt. Seine Schriftauslegung hat den Reformator Martin Luther entscheidend geprägt. Obwohl seine Kommentare bis heute zum Standard gehören, schreibt er nicht selten „das weiß ich nicht“.

[7] Meir Leibusch Ben Jechiel Michael Weiser (1809-1879) stammte aus der Ukraine und wirkte als Rabbiner, Talmudist, Bibelausleger und Prediger. Während seiner Zeit als Rabbiner in Kempen, Posen, (1845-1859) erhielt er den Beinamen „Kempner Maggid“. Als unerbittlicher Gegner der Reformbewegung und der jüdischen Aufklärung geriet der Malbim in Konflikt mit jüdischen wie nichtjüdischen Instanzen, wurde verleumdet und verhaftet. Er amtierte als Oberrabbiner von Rumänien, Königsberg und Mecklenburg. Seine Bibelauslegung konzentriert sich auf die „Tiefe der Sprache“ und die „grundlegende Bedeutung des Textes“ „basierend auf genauen linguistischen Regeln“.

[8] Rabbi David Ben Josef Kimchi (1160-1235), der so genannte „Radak“, war der Erste unter den großen Schriftauslegern und Grammatikern der hebräischen Sprache. Er wurde im südfranzösischen Narbonne geboren. Sein Vater starb früh, so dass David von seinem Bruder Mosche Kimchi erzogen wurde. Radak erlaubte philosophische Studien nur denjenigen, deren Glaube an Gott und Furcht des Himmels gefestigt sind. Öffentlich setzte er sich mit Christen auseinander und griff vor allem deren allegorische Schriftauslegung und die theologische Behauptung an, das „wahre Israel“ zu sein.

[9] 1507/08‑1593, auch „der heilige Alschich“ genannt, stammte aus Adrianopel, dem türkischen Edirne, unweit dem heutigen Dreiländereck Türkei-Bulgarien-Griechenland, wo er an der Talmudschule des Rabbi Josef Karo studierte. 1535 wanderte er ins Land Israel aus, wo er sich in Zfat in Obergaliläa niederließ. Als ihm ein Jahr später sein Lehrer Josef Karo folgte, war er bereits einer der rabbinischen Richter in der Stadt. In der Folgezeit profilierte sich Alschich als Prediger und Ausleger der Bibel und des Talmuds. Einer Legende zufolge soll sein Sohn als Kind entführt und Muslim geworden sein. Alschich liegt in Zfat begraben, wo in der Altstadt heute noch eine alte Synagoge den Namen „Beit HaKnesset HaAlschich HaKadosch“ trägt.

[10] Rabbi Mosche Ben Maimon (1135/1138‑1204), auch „Maimonides“ genannt, wurde in Cordoba, das heute in Spanien liegt, geboren. Er stammte aus einer alten rabbinischen Familie die den Namen „Ibn Abd Allah“, „Ben Ovadia“, trug und ihre Wurzeln über Rabbi Jehuda HaNasi, der im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Mischna zusammenstellte, bis auf König David zurückverfolgte. Im Jahr 1148 floh die Familie vor Verfolgungen nach Nordafrika. Nach zehn Jahren des Umherirrens ließ sie sich im marokkanischen Fes nieder. Doch der muslimische Judenhass ließ sie nicht zur Ruhe kommen. So gelangte die Familie 1165 schließlich nach Akko ins Land Israel, wo es damals eine große jüdische Gemeinde gab. Letztendlich ließ sich die Familie des Rambam aber in Ägypten nieder, wo es Rabbi Mosche Ben Maimon zum „Rais al-Yahud“, zum Oberhaupt der jüdischen Gemeinde brachte. Als hervorragender Arzt gewann er großen Einfluss am Königshof. Das Ansehen, das dieser Schrift- und Talmudausleger, Philosoph und Arzt bis heute im Judentum genießt, kommt am besten zum Ausdruck durch das Sprichwort: „Von Mose [der die Tora am Sinai empfangen hat] bis Mose [Ben Maimon] stand niemand auf wie Mose.“

[11] Samson Raphael Hirsch, Psalmen (Basel: Verlag Morascha, 2. Neubearbeitete Auflage 2005), 465.

[12] C.F. Keil und F. Delitzsch, Psalms 84-150, Commentary on the Old Testament vol.5/3. Translated by Francis Bolton (Peabody, Massachusetts/USA: Hendrickson Publishers, 1986), 19.

[13] עמוס חכם, ספר תהלים, ספרים ג-ה, מזמורים עג-קן (ירושלים: הוצאת מוסד הרב קוק, הדפסה שישית תש”ן/1990), קכו.

[14] Derek Kidner, Psalms 73-150, TOTC 14b (Leicester, England/Downers Grove, Illinois, U.S.A.: Inter-Varsity Press, 1975), 315.

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By Published On: Januar 26, 202111.1 min read

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