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„Liebe Freunde und Wegbegleiter,“ ich könnte auch schreiben: „Lieber Karl, lieber Paul, lieber Ralf oder lieber Rolf“ – oder: „lieber Theophil!“ – wenn ich im biblischen – genauer gesagt „lukanischen“ – Sprachgebrauch bleiben will.[1]

„So einfach ist das nicht!“, habt Ihr mir immer wieder vorgehalten, wenn ich vom Bibellesen geschwärmt und darauf verwiesen habe, dass die Bibel das lebendige „Wort Gottes“ ist; dass für mich das gilt, was „geschrieben steht“; dass das, was mein Vater im Himmel sagt, alles entscheidend und unumstößlich ist – während wir über alle anderen Fragen gerne unterschiedlicher Meinung sein und diskutieren können. Und Ihr habt natürlich Recht: So einfach ist das nicht!

… auf eine Reise

Deshalb möchte ich Euch auf eine Reise einladen – konkret, zu einer Serie von Artikeln, die noch nicht geschrieben ist, und entscheidend im Gespräch mit Euch entstehen soll.

Meine Überlegungen zur „Hermeneutik“ sind eine Reise, die nicht erst jetzt beginnt. Sie hat vor Jahrzehnten begonnen. Vielleicht muss ich da anfangen, als der Großvater uns Enkeln aus der großen Familienbibel vorgelesen hat; der Vater uns Teenager zum Bibellesen am Esstisch festgehalten hat; ich während meiner Volontärszeit in Israel zum ersten Mal die ganze Bibel an einem Stück durchgelesen habe; oder dann mit den nächtelangen Diskussionen als Theologiestudent in Tübingen.

Hermeneutik hat immer etwas mit Biographie zu tun; damit, was jemand erlebt hat; damit, wie jemand sein Leben gestaltet. Gespräche mit Afrikanern und Amerikanern und das Kennenlernen ihrer total anderen Sichtweisen waren ebenso prägend, wie das Miterleben des Geschehens hier im Nahen Osten und die Erkenntnis, dass Juden oder Muslime ganz anders mit einem Text oder einer Tradition leben, als wir, wenn unser Denken grundlegend von Renaissance und Aufklärung geprägt ist.

Auf jeden Fall ist meine Frage nach der Hermeneutik eine Reise, die noch nicht abgeschlossen ist. Ich selbst bin dabei, verstehen zu lernen. Ich bin auf dem Weg, entdecke immer wieder Neues im Nachdenken über das, was mich geprägt hat: der schwäbische Pietismus, die Tradition des Luthertums, die darbystisch-dispensationalistische Brüderbewegung, charismatische, mennonitische, katholische, anglikanische und orthodoxe Geschwister. Und ich freue mich auf Eure Reaktionen, Eure „Ja, aber…“, weil ich dadurch lerne.

Was ist „Hermeneutik“?

Vielleicht sollte ich damit beginnen, dieses Fremdwort, „Hermeneutik“, zu erklären, das ich gerade so selbstverständlich in den Raum geworfen habe.

Der Begriff „Hermeneutik“ kommt aus dem Griechischen. Die „ἑρμηνεία/Hermeneia“ oder das „ἑρμήνευμα/Hermeneuma“ ist zunächst einmal die Fähigkeit zu sprechen, die Sprache, Ausdruck(sweise), Darstellung oder Erklärung. Im Neuen Testament bezeichnet der Apostel Paulus mit diesem Wort die Gabe, eine Zungenrede zu übersetzen oder auszulegen.[2]

Das Wörterbuch[3] belehrt mich, dass „der Hermeneus“ (ὁ ἑρμηνεύς), „Hermeneutes“ (ἑρμηνευτής) oder auch „Dihermeneutes“ (διερμηνευτής) ist, „wer Auskunft über etwas gibt“, konkret: ein „Herold, Ausleger, Erklärer, Deuter, Dolmetscher“, aber gelegentlich auch ein „Tempelhüter“ oder „Küster“. Das Verb ἑρμηνεύειν/hermeneuein oder διερμήνευειν/dihermeneuein bedeutet so viel wie „auslegen, erklären, deuten, Aufschluß geben; verdolmetschen, übersetzen, auseinandersetzen, verkündigen, darstellen“.

Im Neuen Testament wird diese Wortwurzel gebraucht, wenn eine Übersetzung erklärt wird[4], oder wenn Jeschua den beiden so genannten Emmaus-Jüngern auslegt (διερμήνευειν/dihermeneuein) was, angefangen von Moses und den Propheten, in allen Schriften über ihn gesagt war (Lukas 24,27).

Hermeneutik ist also die Lehre vom Verstehen. ἡ ἑρμηνευτική/he Hermeneutike ist die Kunst der Auslegung. Es geht um das richtige Darlegen dessen, was vermittelt werden soll, um die Frage: „Wie kann ich es anstellen, von meinen Zuhörern oder Lesern richtig verstanden zu werden?“

Ganz schnell steht da dann aber die Frage im Raum: „Habe ich selbst eigentlich verstanden, um was es geht?“ – Laut dem antiken griechischen Philosophen Platon ist ἡ ἑρμηνευτική τέχνη/he hermeneutike Techne die „Kunst, ein Gegebenes richtig aufzufassen“.[5]

Wenn ich dann als Theologe – oder auch Journalist! – schriftliche Quellen verwende oder Augenzeuge befrage, muss im Rahmen der Hermeneutik schließlich noch die Frage gestellt werden: „Haben die Augenzeugen und die Autoren der schriftlichen Quellen eigentlich verstanden, was sie da gesehen oder gehört oder gelesen haben?“

In den ersten zwei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts war ich als Journalist und Nahostkorrespondent unterwegs und musste die Theologie deshalb notwendigerweise etwas zurückstellen. Ich habe dann allerdings bald festgestellt, dass das Handwerkszeug eines Theologen und Bibellesers eigentlich dasselbe ist, wie das eines Journalisten. Tatsächlich ist die beste Beschreibung des Journalistenberufs, die ich kenne, der so genannte Lukas-Prolog (Lukas 1,1-4):

Nachdem [schon] viele Hand angelegt haben, einen Bericht zusammenzustellen über die Geschehnisse, die sich unter uns begeben haben, wie uns überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen waren und [so] Diener des Wortes wurden, erscheint es auch mir [richtig], nachdem ich von Anfang an alles akribisch nachverfolgt habe, dir alles der Reihenfolge nach aufzuschreiben, wertester Theophilos, damit Du die Zuverlässigkeit der Worte erkennst, in denen du unterrichtet wurdest.

Es geht um die Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit der Worte, die unser Leben prägen, in einer Zeit, in der „fake news“ gemeinhin akzeptiert sind. Das verbindet Theologen und Journalisten, Bibelleser und Medienverbraucher. Deshalb brauchen wir eine Hermeneutik, die klar nachvollziehbar, einsichtig und deshalb hilfreich ist.

 

Fußnoten:

[1] vergleiche Lukas 1,3; Apostelgeschichte 1,1.

[2] 1. Korinther 12,10.30; 14,4.13.26.27.28.

[3] Hermann Menge, Langenscheidts Großwörterbuch Griechisch Deutsch unter Berücksichtigung der Etymologie (Berlin, München, Wien, Zürich: Langenscheidt, 25. Auflage 1984), 287.

[4] Matthäus 1,23; Markus 5,41; 15,22.34; Johannes 1,38.41.42; 9,7; Apostelgeschichte 4,36; 9,36; 13,8; Hebräer 7,2.

[5] Gerhard Maier, Biblische Hermeneutik (Wuppertal und Zürich: Brockhaus, 1990), 7.

Der Autor

By Published On: März 9, 20244,4 min read

3 Comments

  1. Dieter Kuhl März 13, 2024 at 10:37 am - Reply

    Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Dieter

  2. Ralf Förthmann März 12, 2024 at 4:10 pm - Reply

    Bin mal gespannt was da kommt,🙂
    Ist gerade ein wichtiges Thema für mich. Aufgebrochen 1977 in einer Jesus People -Gemeinde, die geprägt war von einem wortwörtlichen evangelikalen Verständnis der Bibel, weiter in eine relativ extreme charismatische Richtung und nun seit vielen Jahren in einer moderneren evangelisch-lutherischen Gemeinde nach dem Weg zu einem entspannten Bibelverständnis zwischen Postevangelikal, lutherisch und charismatisch suchend.
    LG
    Ralf Förthmann

  3. Hubert Eisold März 11, 2024 at 5:45 pm - Reply

    Lieber Johannes,
    du bist doch mit deiner EInleitung oder Erklärung noch nicht am Ende, oder?

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