Zum Gipfel von Scharm El-Scheikh

  • Februar 13, 2005
idea

EDITORIAL FÜR IDEA-SPEKTRUM

Liebe Leser,

unter welchen Bedingungen kann die radikal-islamische Hamas-Bewegung einen jüdischen Staat Israel anerkennen? Hamas-Sprecher Sami Abu Soghri beantwortet die Frage in Gaza, kurz und ohne Umschweife: „Hören Sie auf zu träumen!“

In Israel macht sich kaum jemand Illusionen, der die Islamisten kennt, dass ein echter Friedensschluss mit ihnen je möglich wäre. Ihre Religion verbietet ihnen, sich damit abzufinden, dass Juden über Muslime herrschen. Unumstritten ist auch, dass die korantreuen Fanatiker die einzigen auf der politischen Bühne des Nahen Ostens sind, die ihre Versprechungen im Zusammenhang mit den Abkommen von Oslo eingehalten haben, nämlich „niemals an diesem Spiel teilzunehmen“ und jeden Versuch, mit „den Zionisten“ Frieden zu schließen, in einem Meer von Blut zu ertränken.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sich Politiker, die von der jüdisch-christlichen Kultur geprägt sind, nicht darum bemühen, jede Möglichkeit wahrzunehmen, die Situation erträglicher zu gestalten. Der Apostel Paulus ermahnt seinen Schüler Timotheus, „für alle Obrigkeit“ zu beten, „damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können“ (1. Timotheus 2,2).

So trafen sich am 8. Februar der israelische Premierminister Ariel Scharon und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in Scharm el-Scheich an der Südspitze der Sinaihalbinsel unter ägyptischer und jordanischer Schirmherrschaft. Die palästinensische Seite erklärte sich bereit, jeden Terror gegen Israel einzustellen. Israel will dafür palästinensische Gefangene freilassen, sich aus den Gebieten der Palästinensischen Autonomie zurückziehen und alle Militäraktionen einstellen.

Inwieweit dieser Gipfel tatsächlich ein Wendepunkt im Nahostkonflikt ist, bleibt abzuwarten. Allerdings hat er schon jetzt greifbare Ergebnisse vorzuweisen. Erstmals in der Geschichte des Staates Israel saßen der ägyptische Präsident, der jordanische König, der Chef der Palästinensischen Befreiungsbewegung PLO mit einem Regierungschef Israels an einem Tisch – ohne dass Kindermädchen aus dem westlichen Ausland die Streithähne zur Raison riefen. Die augenfällige Abwesenheit westlicher Diplomaten in Scharm ist ein Novum.

Und dann ist da ein entscheidender persönlicher Erfolg des israelischen Premierministers zu verzeichnen. Bislang wurde es nur unter der Hand auf arabischen Straßen gehandelt und wenn man es als Journalist zu schreiben wagte, wurde es als „rechtsradikal“ vom Tisch gewischt. Seit Scharm el-Scheich ist es in der Presse der westlichen Welt zu lesen: Wenn ein israelischer Politiker mit den Arabern Frieden schließen kann, dann ist es Ariel Scharon.

Damit ist jetzt aber noch lange nicht gesagt, dass die Pläne israelischer Politiker zum Frieden führen werden. Ob der geplante Rückzug aus dem Gazastreifen Menschenleben rettet, ist umstritten. Immerhin könnte er von den islamischen Fanatikern auch als Erfolg gewertet werden und somit zu weiterem Terror ermutigen. Die Behauptung Scharons, wer für einen Volksentscheid, wie ihn seine Kritiker verstärkt fordern, ist, sei gegen den Trennungsplan, deutet darauf hin, dass er sich vielleicht doch nicht ganz so sicher ist, den Willen des israelischen Volkes zu verwirklichen.

Frieden für Israel wird nur der bringen, der den Frieden in der Höhe schafft. Das singt das jüdische Volk in dem zum Volkslied mutierten Schluss des Kaddischgebets. Und der Friede von oben kommt nur, wenn das Wort Gottes Richtschnur für das Verhalten der Menschen ist. Deshalb betonen orthodoxe Rabbiner, dass das Volk Israel nach der Tora kein Recht hat, das Land, das Gott ihm anvertraut hat, an Heiden abzugeben. Denn das Land Israel gehört Gott.

Mit herzlichem Schalom grüßt Sie aus Jerusalem

Johannes Gerloff

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