Zu Ostern: Fortsetzung des Gesprächs mit Mirjam

  • April 6, 2019
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Liebe Mirjam!

Wir hatten letztes Mal ein sehr interessantes Gespräch. Könntest du mir jetzt vor Ostern auch ein paar Fragen beantworten?

Gerne, aber was ist Ostern?

Ostern nennen wir das christliche Passafest, das Fest, an dem wir daran denken, dass dein Sohn gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Du hast uns erzählt, wie euer Familienleben ausgesehen hat. Aber wie war es, als Jeschua von zu Hause weggegangen ist?

Jeschua hat nicht geheiratet und wohnte zu Hause bis er 30 Jahre alt war. Er war uns eine große Hilfe, vor allem in der Werkstatt. Er hat sich aber auch für andere Sachen interessiert. Er jätete Unkraut in unserem Gemüsegarten und störte sich daran, dass manchmal auch die noch jungen Pflänzchen aus Versehen mit ausgerissen wurden. Manchmal half er bei unserem Nachbarn im Weinberg. Er schaute mir sogar beim Flicken von alten Kleidern zu. Ja, reich waren wir nicht.

Dann sammelte er um sich eine Gruppe von jüdischen Männern, die er lehrte. Sein Leben und auch unser Familienleben haben sich sehr verändert. Ich werde nie vergessen, wie wir uns bei einer Hochzeitsfeier getroffen haben. Es war in Kana. Er kam mit seinen Jüngern dorthin. Bis dahin hatten wir uns wunderbar verstanden.

Als ich sah, dass den Gastgebern der Wein ausgegangen war – das war eine sehr unangenehme Situation – habe ich ihn darauf aufmerksam gemacht. Es war nur eine Bemerkung. Aber er wusste sofort, dass ich mir eigentlich wünschte, dass er für sie etwas tut, vielleicht sogar ein Wunder. Und so hat er mir geantwortet: „Was hat das mit mir und dir zu tun? Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Johannes 2,4). Dann hat er ihnen aber doch geholfen. Die Geschichte ist eigentlich bekannt. Nachdem die Feierlichkeiten vorbei waren, habe ich mich für ein paar Tage ihm und seinen Jüngern angeschlossen. Aber dann musste ich wieder zurück nach Hause zu meinen Pflichten.

Nach dieser Hochzeit in Kana haben sicher einige Menschen gedacht, dass Du bei Jeschua Protektion hast.

Tatsächlich haben es manche gedacht und kamen zu mir mit ihren Problemen und Wünschen.

Hat jemand mal darum gebeten, dass Jeschua seine Wasserfässer in Wein verwandelt?

(Lacht) Das ist mir, Gott sei Dank, nie passiert. Aber einmal haben wir – Schimon Jehuda und ich – uns entschieden, dass wir zu ihm gehen werden, um Rat zu suchen. Nicht nur in dieser Hinsicht, aber auch wegen anderer Sachen. Außerdem haben wir ihn vermisst. Als er einmal nach Nazareth kam, schlug Schimon vor, dass wir in das Haus gehen, in dem er gerade Menschen heilte. Das Haus war wie immer überfüllt. So sandten wir ihm eine Nachricht, dass wir draußen warten. Aber er ist nicht zu uns gekommen. Stattdessen sagte er, dass seine Mutter, Brüder und Schwestern diejenigen sind, die den Willen seines Himmlischen Vaters tun.

Hat Dich das nicht getroffen?

Natürlich hat es mir wehgetan. Aber wir wussten schon, dass er nicht uns gehört. Seit dem er von Zuhause weggegangen ist und Jünger um sich sammelte, hat sich unsere Beziehung verändert. Als er anfing an der Öffentlichkeit zu wirken, waren um ihn nicht nur seine Jünger, sondern ganze Mengen von Menschen.

Es begann eigentlich schon damals im Tempel. Als Jeschua zwölf Jahre alt wurde, ist er uns auf dem Weg von einer heiligen Versammlung in Jerusalem verloren gegangen. In so einer Menge von Menschen verloren zu gehen, war nicht schwer. So dachten Josef und ich zuerst, dass er mit jemand anderem aus unserer Familie unterwegs war. Von Galiläa waren einige Verwandte mitgegangen. Erst abends, als wir ihn immer noch nicht im Familienkreis gefunden haben, fingen wir an, uns Sorgen zu machen. Beide konnten wir die ganze Nacht kaum ein Auge zudrücken und mit dem Sonnenaufgang sind wir dann gleich aufgestanden und haben uns auf den Weg gemacht, den Berg hinauf nach Jerusalem. Wir fanden ihn erst nach drei Tagen!!! Er saß im Tempel unter den Schriftgelehrten.

Damals habe ich ihm Vorwürfe gemacht. Ich sagte: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Die Angst, die wir ausgestanden hatten und der beschwerliche, doppelt so lange Weg…! Er hat sich aber nicht entschuldigt. Er war echt erstaunt, dass wir in dieser Situation aufgehört hatten, Gott zu vertrauen und Angst hatten. Damals hat er uns zum ersten Mal wirklich spüren lassen, dass er nicht „unser“ Kind ist.

Ich hoffe, dass ihr versteht, was ich meine. Nach allen Erscheinungen, Offenbarungen und Wundern um seine Geburt und auch nach der beschwerlichen Flucht nach Ägypten, lebten wir ein ganz gewöhnliches Leben. Wir hatten die Hände voll zu tun. Wie jede Mutter machte ich mir Sorgen um ihn. Seine Antwort „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ war der erste Schwertstich, von dem Schimon damals im Tempel gesprochen hat. Bis dahin hat uns Jeschua nur Freude gemacht.

Ich habe immer viel nachgedacht. Später habe ich es verstanden. Sein eigentliches Zuhause war der Tempel Gottes, das Haus des Gebets. Er liebte Verse aus den Psalmen seines Urvaters David, wie etwa: „HERR, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt“ (Psalm 26,8) Oder: „Eines bitte ich vom HERRN, das hätte ich gerne: dass ich im Hause des HERRN bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die Schönheit des HERRN und seinen Tempel zu betrachten“ (Psalm 27,4).Zuhause haben wir oft miteinander die biblischen Lieder gesungen.

Vergib mir, dass ich dich nach so einer schmerzhaften Sache frage, aber: Hat Josef das Ende von Jeschua erlebt?

Habe keine Angst zu fragen. Wir wissen doch, dass er lebt! Die Kreuzigung unseres Sohnes hat Josef nicht mehr miterlebt. Auf der einen Seite habe ich ihn furchtbar vermisst. Ich hatte in den schrecklichsten Augenblicken meines Lebens niemanden, an den ich mich anlehnen konnte. Auf der anderen Seite war ich froh, dass er nicht dabei war. Josef, der uns von Anfang an beschützt hat, sich um unser Wohl gekümmert hat… ob das bei der ungewöhnlichen Geburt war oder auf der Flucht nach Ägypten. Er hätte es einfach nicht ertragen.

Der Schmerz, der mich unter dem Kreuz durchstach, ist unbeschreiblich, genau wie der Frieden Gottes, der mich erfüllte. Physisch stützte ich mich damals auf Jochanan. Er liebte Jeschua so sehr und stand mit mir unter dem Kreuz. Er hat mich in seinem Arm gehalten. Aber auch Abba, der himmlische Vater, hat mich im Arm gehalten. Er sagte: „Es tut schrecklich weh. Ich weiß wie sehr es weh tut!“ Es war, wie wenn wir in diesem Schmerz eins gewesen wären, in diesem elterlichen Schmerz und der Hilflosigkeit, wenn man dem Leiden des eigenes Sohnes zuschauen muss, ohne helfen zu können. Auf einmal habe ich verstanden: Aus diesem Schmerz wird das Heil der ganzen Welt geboren.

Das fiktive Gespräch mit der Mutter Jesu führte Krista Gerloff.

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