Ursula und Friedrich Hänssler blicken dankbar auf ein erfülltes Leben zurück und freuen sich auf die himmlische Heimat.

Über den Verleger, Theologen, Musiker, Evangelisten und Leiter vieler Gremien wurde viel geschrieben. Selbst hat er auch einiges aus seinem reichen Leben veröffentlicht. Im persönlichen Gespräch während ihres Urlaubs im Kibbuz Ein Gedi am Toten Meer hat das Ehepaar Hänssler einiges zu erzählen.

„Früher sind wir viel in Israel gereist. Heutzutage sind wir nur noch am Toten Meer”, sagt das Ehepaar Hänssler. Wie wenn es die selbverständlichste Sache der Welt wäre, dass sie mit 87 und 89 Jahren noch nach Israel reisen. „In den Siebzigerjahren haben wir an Schiffsreisen des Württenbergischen Christusbundes teilgenommen. Wir waren in Banjas im Norden und in Eilat im Süden. Wir lieben Israel, weil es das Land ist, in dem sich die alttestamentlichen Geschichten abgespielt haben, in dem Jesus geboren wurde und wohin er auch wieder kommt.“

„Ich liebe Israel mit allem“, schmunzelt Friedrich Hänssler. „Ja, auch mit all dem Negativen. Wenn sie uns am Flughafen bei der Passkontrolle so elend lange warten lassen und dann drängen sich noch junge orthodoxe Männer ganz frech vor. Auf der anderen Seite“, wird Friedrich nachdenklich, der als kaum Sechzehnjähriger in die deutsche Wehrmacht eingezogen worden war, „habe ich eine Menge Israelis kennengelernt, die uns das Vergehen an den Juden gar nicht angerechnet und uns sogar in Deutschland besucht haben.“ Aus diesem Blickwinkel erscheint das freche Vordrängen am Flughafen eine Woche nach dem Holocaustgedenktag nicht mehr schwerwiegend.

„Einmal“, erzählt er weiter, „sprach mich im Spa am Toten Meer ein Israeli auf Deutsch an. Ich wollte ihm Freude machen und sagte auf Hebräisch das ‚Schma Israel‘ – ‚Höre Israel‘ – auf. Da bekam ich von ihm einen schmatzenden Kuss auf die Backe.“

Seine Frau Ursula hat beim Baden im Toten Meer einen deutschen Mann angesprochen. Wie sie so ist, hat sie ihm gleich eine Bibel angeboten. Er antwortete, dass er sich nur eine besonders schöne wünschen würde, damit er sie aufs Regal stellen kann. „Dafür wäre mir eine Bibel viel zu schade“, erwiderte sie.

Auf die Frage, wie ihre Beziehung angefangen hat, fängt Ursula Hänssler an zu erzählen: „Nach dem Krieg war mein Vater Pfarrer in Kleinbottwar. Er war dort für die Gemeinde und ein Flüchtlingslager zuständig. Manchmal hat ein junger Mann, der in diesem Lager arbeitete, unsere Organistin vertreten. Er war groß von Gestalt und hat sehr gut Orgel gespielt. Alle Register hat er erklingen lassen. Bis heute höre ich in seiner Ausführung die Melodie von einem Missionslied ‚Zieht fröhlich hinaus zum heiligen Krieg‘. Im neuen Gesangbuch ist diese Lied nicht mehr.“

„Dieser begabte Musiker war der Sohn des Komponisten Friedrich Hänssler, der 1919 einen Verlag gegründet hatte, um unter anderem Musikhefte und Gesangbücher zu veröffentlichen. Aus diesen Gesangbüchern hatte ich viel auf dem Klavier gespielt, etwa ‚Auf Adelers Flügeln getragen‘. Ich glaube, dass mein Klavierspielen auch einen Eindruck auf Friedrich gemacht hat. Damals waren wir beide noch sehr jung und unsere Wege haben sich noch einmal getrennt.“

„Auf der Mädchenschule, auf die ich ging, hat uns ein gläubiger Lehrer gesagt: ‚Wenn Ihr einmal heiraten möchtet, gibt es den Mann schon jetzt irgendwo auf der Welt. Deswegen könnt ihr für ihn beten, auch wenn ihr ihn noch gar nicht kennt.‘ Ich liebte Jesus und wollte für ihn leben und nicht für einen Mann. Deshalb habe ich darüber nachgedacht Diakonisse zu werden. Aber dann habe ich doch angefangen meinen künftigen Mann zu segnen, für den Fall, dass es doch Gottes Wille sein sollte, dass ich heirate. Ich hatte drei Bedingungen, die ich mir von Gott als Zeichen erbeten habe: Er muss in der Nachfolge Jesu leben und mit mir Bibel lesen und beten können und wollen. Er sollte musikalisch und auch nicht dumm sein. Er sollte ein Akademiker sein.“

„Meine Frau sollte auch in der Nachfolge Jesu stehen und lange Haare haben“, ergänzt Friedrich. Beide erinnern sich, dass damals der Bubikopf große Mode war. Dann fährt Friedrich fort: „Ich war 27 Jahre alt und lag sterbenskrank mit Tuberkulose im Krankenhaus. Ich war so schwach, dass ich gar nicht mehr beten konnte. Ich sagte zu Gott nur: ‚Dein Wille geschehe, ob Du mich zu Dir nimmst oder leben lässt. Hauptsache, Dein Wille geschieht‘. Ab da ging es mit mir aufwärts. Dann wurde mir klar, dass ich für meinen Dienst eine Ehefrau brauche. Und da kam mir auf einmal Ursula in den Sinn.“

„Als ich meinem Vater von ihr erzählte, hat er sich gleich bereit erklärt zu ihr nach Hause zu fahren. Ich kannte ihren Bruder, wusste aber nicht, ob sie nicht schon verheiratet oder verlobt war. Sie war noch ledig, obwohl sie einige Bewunderer hatte.“

Ursula erinnert sich: „Als Friedrich zu Besuch kam, wollte er mit mir musizieren. Er am Klavier und ich mit der Querflöte. Weil er mir aber nicht gleichgültig war, wollte ich mich nicht blamieren und habe eine Ausrede gefunden. Ich sagte: ‚Bach ist für mich zu schwer, wenn ich Händel-Noten hätte, dann könnte ich spielen‘.“

Daraufhin hat Friedrich über ihren Bruder Ursula Händel-Noten geschickt – und wartete ungeduldig auf eine Antwort. Jeden Tag lief er zum Briefkasten. Als er sie dann später fragte: „Wäre es Dir recht, wenn ich bei Deinem Vater um Deine Hand anhalten würde?“, antwortete sie ganz cool: „Das wäre mir nicht unrecht.“

Das gemeinsame Gebet war dem Ehepaar Hänssler von Anfang an und später der ganzen Familie sehr wichtig. Ursula erinnert sich, wie bei der Familienandacht einmal einer ihre Söhne schnell sagte: „Ich möchte aber anfangen, sonst betet mir der Frieder alles weg!“ Das jüngste und sechste ihrer Kinder ist behindert. Schon als kleiner Junge lerne er schnell alle Gebete. Wenn Mama abends noch beschäftigt war, fand sie ihn im Bettchen mit gefalteten Händen. Er liebt Lobgesang und kennt viele Lieder auswendig. Er betet treu für andere Menschen, auch für die, die einmal zu Besuch gewesen und vom Rest der Familie bereits vergessen worden waren.

Ursula war oft mit ihren Kindern alleine, so dass ihr Mann sie mit Humor, aber auch mit Bedauern eine „alleinerziehende Mutter“ nennt. Ihr sechstes Kind wurde mir Down-Syndrom geboren. Damals galten in Krankenhäusern sehr strenge Regeln. Sie hätte ihr Baby gerne in den Arm nehmen wollen, durfte es aber nur durch eine Glaswand anschauen.

Das Kindchen war zu schwach zum Saugen. Sie musste es mit dem Löffel füttern. Das erforderte eine Engelsgeduld von einer Mutter, die gleichzeitig noch fünf Kinder zu versorgen hatte. Trotzdem hat ihr Mann öfters Gäste nach Hause gebracht, darunter Besuch aus dem Ausland.

Obwohl ihr Leben alles andere als einfach war, redet Ursula Hänssler viel von Gottes Führung und Gottes Plan. Sie zitiert aus Psalm 16: „Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche; mir ist ein schön Erbteil geworden.“ Friedrich ergänzt: „Gerade vor ein paar Tagen hat sie mir erneut versichert, dass sie mich sofort wieder heiraten würde!“

Beide lieben Deutschland als ihre Heimat. Friedrich ist aber wichtig zu sagen, dass er hier ein Fremdling ist und dass er auf die eigentliche Heimat bei Gott wartet.

Als dann die Rede kurz auf meine tschechische Heimat kommt, bemerkt Friedrich: „Ich bete sehr oft ein Gebet von Jan Amos Comenius:

Herr, auf ewig mir gewäre,
dass ich Dir ganz angehöre,
dass kein anderer die Rechte,
die Du auf mich hast anfechte.
Dass ich Dich voll Hoffnung fasse,
nie von Dir mich trennen lasse.
Du bist Burg und Zufluchtsstätte,
sich‘rer Hafen, Ankerkette