Auf der Suche nach den Wurzeln

  • November 8, 2020
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Schnell kam die Rede auf Tschechien, wo Rachel Alon Margalit einen Sprachkurs absolviert hatte, obwohl wir bei unserem ersten Treffen in einem Café saßen, von dem aus man die Mauern der Jerusalemer Altstadt sehen konnte. In Gedanken waren wir in Dobruschka, einem kleinem Ort im Nordwesten der Tschechischen Republik. Man hörte die Rührung in Rachels Stimme, als sie erzählte: „Ich schaute mich um und dachte: ‚Das hätte dein zu Hause sein können.‘“

Der Grund für Rachels Gedanken ist ihr Vater, der tschechisch-israelische Pilot Joe Alon. Ursprünglich hieß er Josef Placzek: „Meinen Papa habe ich verloren als ich erst fünf Jahre alt war. Er war zwischen 1970 und 1973 Attaché der israelischen Luftwaffe in Washington. Als er dort ermordet wurde, war er 44 Jahre alt. Nach seinem Tod kamen wir – meine Mama, meine beiden Schwestern und ich – zurück nach Israel. Wir wohnten in einem Dorf der israelischen Piloten.“

An diese Zeit denkt Rachel gerne zurück: „Die Straßen waren nach Vögeln benannt: Adlerstraße, Nachtigallenstraße, Lerchenstraße… Alle Kinder waren Pilotenkinder und wir waren alle guten Freunde. Wir hatten ein offenes Haus. Jeden Freitagabend hat meine Mama auf dem festlich gedeckten Tisch die Kerzen angezündet. Die großen Feste feierten wir bei Onkel oder Tante von Mutters Seite.“

„Als ich 18 Jahre alt wurde, schrieb ich meinem Onkel in Australien einen Brief. Darin fragte ich ihn nach meinem Papa. Onkel David war der Bruder meines Vaters. Von ihm wollte ich etwas über die Kindheit und Jugend meines Vaters erfahren. Zwischen uns entstand eine tolle Beziehung, die bis zu seinem Tode gehalten hat.“

Die Pioniere vom Kibbuz Beth Alfa

Ein anderes Mal sitzen Rachel und ich über den vergilbten Briefen ihrer Großeltern väterlicherseits, die sie von ihrem australischen Onkel bekommen hatte. Die meisten dieser Briefe sind deutsch, manche auf Tschechisch und manche in beiden Sprachen geschrieben. Gemeinsam versuchen wir weitere Puzzleteile des tragischen Schicksals von Tekla aus Paderborn und Siegfried aus Hustopetsch zu finden.

Rachels Großeltern haben sich im Kibbuz Beth Alfa in der Jesreel-Ebene kennengelernt. Als junge Zionistin entschied sich Tekla trotz des Widerstands ihrer Eltern Deutschland zu verlassen. Dort hatte der Antisemitismus spürbar zugenommen. Siegfried, der damals „Friedel“ genannt wurde, war voller kommunistischer Ideale. Er wollte eine neue gerechte Gesellschaft in der jüdischen Heimat aufbauen. Die Balfour-Erklärung der britischen Regierung hatte den Juden ein Heimstätte auf dem Gebiet des Mandats Palästina zugesichert.

„Meine Großeltern waren Pioniere“, erzählt Rachel stolz. „Sie kamen in die Jesreel-Ebene am Fuße des Berges Gilboa, um die felsigen Berge und die sumpfigen Täler in blühende Plantagen und urbare Felder zu verwandeln“, schrieb David Placzek in seinen Memoiren.[1]

Im Kibbuz wurden David und Josef geboren. Doch schon nach acht Jahren, im Jahr 1930, entschied sich Friedel mit der ganzen Familie wieder zurück nach Europa zu ziehen. Die Situation in Palästina hatte ihn sehr enttäuscht. Rachels Papa Josef Placzek war damals gerade zwei Jahre alt.

Zurück nach Europa

Nach einigem Suchen ließ sich die Familie in Teplice nieder, wo Friedel im Rat der deutschsprachigen jüdischen Gemeinde arbeitete. Seine beiden Söhne, die bis dahin Hebräisch und Deutsch kannten, sprachen jetzt Tschechisch und gingen in die tschechische Schule.

David schrieb in seinen Memoiren: „Vater glaubte, dass der beste Weg die ‚jüdische Frage‘ zu lösen eine Integration und Assimilation in die tschechische Gesellschaft seien. Seiner Überzeugung verlieh er Ausdruck, indem er in allen offiziellen Dokumenten die tschechische Nationalität eintrug. Dabei war die Tschechoslowakei eines der wenigen Ländern, das auch das Judentum als Nationalität anerkannte.“[2]

Die Nürnberger Gesetze veranlassten viele von Teklas Verwandten Deutschland zu verlassen. Sie versuchten Friedel zu überzeugen, nach Palästina zurückzukommen, aber vergeblich. Im Grenzgebiet, wo die Familie Placzek lebte, gab es damals täglich Auseinandersetzungen zwischen Tschechen und Deutschen.

Obwohl Rachels Großvater überzeugter Kommunist war und den Kindern zu Hause beibrachte, dass Religion Opium fürs Volk sei, gingen sie als Familie wegen seines Berufs in die Synagoge. Als David das Alter der religiösen Mündigkeit erlangte, lernte er seinen Wochenabschnitt aus der Thorarolle vorzutragen und feierte seine Bar Mitzwa. Das war überhaupt die letzte Bar Mitzwa in der Synagoge in Teplice. Danach ist die deutsche Armee in der im Sudentenland einmarschiert. Die Synagoge wurde zerstört.

Familie Placzek floh mit Vielen anderen nach Prag. Von dort aus suchten sie einen Weg zur weiteren Flucht. Aber es war zu spät. Der letzte Brief, der erhalten blieb, stammt aus dem Jahr 1941. Danach wurden beide Eltern nach Theresienstadt und von dort nach Ausschwitz deportiert. Es gelang ihnen noch rechtzeitig die beiden Söhne David und Josef mit dem Kindertransport nach Großbritannien zu schicken.

1939 schrieb Tekla ihrem Sohn: „Mein lieber Joss! Du weißt gar nicht, wie sehr wir uns mit Deinem schön geschriebenen Brief gefreut haben. Wie geht es Dir und wie verbringst Du die Ferien? Wie lange schläfst Du des Morgens? Viel möchte ich von Dir wissen. Liebst Du mich noch? Weißt Du, daß wir hoffen auch bald nach Dort zu kommen, das wäre doch fein, gelt? Ich habe Dich sehr lieb. Deine Mutti“.

Außer Josef und David überlebte von der Familie Placzek noch der Bruder von Friedel, Onkel Oskar, das Konzentrationslager Theresienstadt. Mit ihm trafen David und Josef nach dem Krieg wieder zusammen.

Nach dem Krieg nach Israel

Mit seinem Freund Hugo Meisel, der später seinen Nachnamen zu „Marom“ änderte, absolvierte Josef in Tschechien einen Pilotenkurs. Beide waren entschlossen, den neuen Staat Israel, der im Unabhängigkeitskrieg um seine bloße Existenz kämpfte, zu unterstützen. Beide wurden als Mitbegründer der israelischen Luftwaffe Teil der Geschichte des modernen Staates Israel. Josef hatte seine Frau Dvora, die als Krankenschwester arbeitete, in Beerschewa kennengelernt.

Rachels schwarze krause Haare und ihre dunkle Haut verraten die Gene von Seiten ihrer Mutter: „Meine Mama ist im Jemen geboren. Nachdem meine Eltern geheiratet haben, ging sie nicht mehr zur Arbeit. Weil mein Vater schon als Kind sein Zuhause verloren hatte, wollte sie immer für ihn dasein. Sie kochte traditionelle jemenitische Speisen, lernte aber auch aschkenasische, wie etwa ‚gefillte fisch‘. Außerdem lernte sie auch tschechische Knödel mit gebratener Gans und Rotkraut mit Kümmel zu machen.“

Die tschechischen und die australischen Placzeks/Plačeks

Einmal hat sich Rachel mit ihrer Schwester entschieden als Ehepaare Prag zu besuchen. Sie ließen das auch ihren Cousin in Australien wissen. „Daraufhin hat der uns erzählt, dass eine Tochter unseres tschechischen Cousins mit ihm Kontakt aufgenommen hatte, weil sie auf der Suche nach ihren Verwandten war. Die hätten in Brno ein Café Placzek. Deswegen haben wir uns dann entschieden Brno zu besuchen und nahmen ein paar Fotos mit. Bei unserem ersten Treffen hat die Famile Plaček ebenfalls alte Alben herausgekramt. Nach ein paar Minuten waren wir eine große Familie.“

Die Plačeks haben tschechische Frauen geheiratet und ihre Nachkommen sind deswegen keine Juden mehr. Nach religiöser jüdischer Tradition wird nur der als Jude anerkannt, der eine jüdische Mutter hat. „Aber Blut ist nicht Wasser!“ meint Rachel. „Wir sind einfach Cousins und dass sie keine Juden mehr sind, interessiert mich nicht!“ Ihre Stimme klingt etwas aufgeregt. Sie kehrt zum Thema zurück und widerspricht sich anscheinend: „Doch interessiert mich das. Aber ich beschuldige niemanden, der nach dem Holocaust das Judentum verlassen hat. Ich kenne Menschen, die bis heute nicht in die Datenbank des Diasporamuseums gehen, um nach ihren Wurzeln zu forschen. Sie wollen nirgends eingetragen sein. Wir wissen, was diese Listen verursacht haben!“

Tschechischkurs in Dobruschka

Später erfuhr Rachel über die „Vereinigung der israelischen Freunde der Tschechischen Republik“, dass es eine Möglichkeit gibt, sich zum Tschechisch-Kurs anzumelden. „Hals über Kopf bin ich da hineingesprungen. Ich möchte meine Wurzeln kennenlernen, die meiner Meinung nach viel zu früh abgeschnitten wurden.“

Die Busfahrt durch die Landschaft und die Sprache, die sie um sich herum hörte, haben sie tief berührt: „Ich schaute aus dem Fenster und dachte: ‘Ob sich in diesem Wald Juden versteckt haben?‘ Nach drei Tagen entschied ich mich, ein Selbstgespräch zu führen. Ich wollte herausfinden, ob ich mich auf das konzentrieren möchte, was es nicht mehr gibt, oder darauf, was es gibt.“

„Von klein auf kannte ich dieses ‚Das gibt es nicht…‘. Es gab keine Oma und keinen Opa. Auch meinen Papa habe ich verloren. Ich habe mich aber entschieden, aus meiner Familiengeschichte das Beste zu machen und den Kurs der tschechischen Sprache mit einer positiven Einstellung anzugehen.“

Rachel überlegt weiter: „Ich denke, dass für diejenigen, die mit einem Trauma oder einer besonderen Herausforderungen in der Kindheit aufgewachsen sind, ein kleines Stück von etwas Gutem eine große Sache ist. Wer ein einfaches und bequemes Leben hat, wird eher depressiv. Das Leben ist voller Herausforderungen, Schwierigkeiten und Probleme. Und wir haben die Wahl, entweder depressiv zu werden oder das Gute zu sehen.“

Sie studierte Literatur und gründete den Verlag „Tfarim“, in dem sie die Lebensgeschichten von Israelis aufarbeitet. „Weil ich Geschichten von alten Leuten aufschreibe, für die es schwer ist, aus ihrem Stuhl aufzustehen oder ein Glas Wasser zu reichen, bin ich mir bewusst, dass das ich aufstehen und gehen kann oder einen Kaffee mit Zucker trinken kann, eine große Sache ist. Es ist nicht leicht jemanden davon zu überzeugen. Aber ich denke, dass man sich darin üben kann: Abends denke ich einfach darüber nach, welche gute Sache mir an dem Tag passiert ist.“

Nach dieser Entscheidung, das Gute zu sehen, fing Rachel an, den Kurs zu genießen und sich in Tschechien zu Hause zu fühlen. „Und weißt Du was? Die Menschen dort schauen dir direkt in die Augen. Ich bin viel gereist. An anderen Orten wenden sich die Leute ab. Sie denken gleich, dass du etwas von ihnen möchtest oder ihnen sogar was Böses antun möchtest. In Israel schauen dir die Leute auch direkt in die Augen. Das empfinde ich als etwas Nettes und Freundliches.“

Ein Studienprogramm im Andenken an Joe Alon

Dieser Tschechisch-Kurs hat Rachel auf die Idee gebracht, einen Schüleraustausch zwischen Israel und der Tschechischen Republik zu organisieren. „Nach dem Kurs wollte ich irgendetwas weitergeben. Ich bin zwar keine Lehrerin, aber ich unterrichte gerne. So kam ich auf die Idee, Schüler der zehnten Klasse zu nehmen, bevor der Abiturstress und bei uns in Israel der Armeedienst anfängt. Ich will darauf aufbauen, was uns verbindet – die gemeinsame Geschichte, auch die Militärhilfe der Tschechoslowakei während der Entstehung unseres Staates und auch den gemeinsamen Humanismus.“

„Juden, die vor der Entstehung des Staates Israel geboren sind, betrachten Israel als Wunder, das es auszubauen und zu bewahren gilt. Ich wurde schon in eine ganz andere Situation hineingeboren als meine Eltern und Großeltern. Natürlich gibt es immer etwas zu verbessern. Aber wir haben ein Zuhause.“

Dieser Schüleraustausch heißt auf Englisch „The Joe Alon Connection“. Wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt heißt er „Studienpogramm von Joe Alon zur Annäherung der Herzen“. Trotz der kulturellen Unterschiede, die schon in diesem Namen auffallen, sind die Herzen einander näher gekommen. Die tschechischen Schüler waren begeistert. Den Gegenbesuch der Israelis in Tschechien macht bis jetzt die Corona-Pandemie unmöglich.


[1] David Placzek, Memoir (Jerusalem, Israel: Tfarim Publishing, 2016), 13.

[2] David Placzek, Memoir (Jerusalem, Israel: Tfarim Publishing, 2016), 20.

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