„Wolkensäule“ oder „Säule der Verteidigung“?

  • November 18, 2012
idea

EDITORIAL FÜR IDEA-SPEKTRUM

Liebe Leser,

wie heißt sie denn nun tatsächlich, die jüngste israelische Militäroffensive gegen die radikal-islamische Hamas im Gazastreifen? – „Säule der Verteidigung“ sei die beste Übersetzung, beteuert eine Sprecherin der israelischen Armee. Englisch-sprachige Medien in Israel stimmen zu, schreiben eifrig über die „Pillar of Defense“ und israelische Eltern werden angehalten, ihren traumatisierten Kindern zu erklären: „Die israelische Armee wacht über uns. Es gibt keinen Grund zur Sorge. Die ‚Säule der Verteidigung‘ steht!“

Doch auf Hebräisch heißt die Operation, deren Ziel ein effektives Ende des Raketenterrors im Süden Israels ist, „Amud Annan“ – „Wolkensäule“. Auf die Rückfrage, wer dem jüngsten Gazafeldzug denn seinen Namen gegeben habe, blieb die Militärsprecherin bislang eine Antwort schuldig. Deshalb kann ich nicht sagen, was man sich bei der Namensgebung der „Operation Amud Annan“ gedacht hat. Aber jeder Israeli, mit dem ich sprechen konnte, dachte automatisch an die Wolkensäule beim Auszug aus Ägypten. Die hatte sich zwischen das Heer der Ägypter und den verängstigten Sklavenhaufen geschoben, während Mose dem Volk zurief: „Der Herr wird für euch streiten, und ihr sollt stille sein!“

Ob Sie, liebe Leser, im Geschehen um Israel vor allem die Stärke der israelischen Armee sehen, oder die Hand Gottes, hängt davon ab, wie sie die Bibel interpretieren, für welche Sicht der Welt Sie sich entschieden haben. Jenseits aller Diskussion sollte sein, wer sich in diesem jüngsten israelisch-palästinensischen Krieg gegenüber steht und welche Absichten die Gegner haben. Da gibt es eine Seite, die ausdrücklich erklärt, die andere vernichten zu wollen – und eine, die seit mehr als 60 Jahren ausdrücklich um Koexistenz bittet. Da gibt es eine Seite, die alles tut, um Zivilisten zu schützen – und eine, die in diesem grausamen Szenario auf zynische Art und Weise Zivilbevölkerung opfert, ausnützt und zur Schau stellt.

Ich kann nicht sagen, was Israelis oder Palästinenser denken. Aber ich kann sagen, was sie öffentlich erklären. Und ich denke, es ist an der Zeit, die arabische Welt aus der vom Westen verordneten Unmündigkeit zu entlassen, sie zur Verantwortung für das zu ziehen, was sie erklärt und tut. Spätestens seit 2006 ist Israel nicht mehr „die einzige Demokratie im Nahen Osten“. Der Arabische Frühling hat Muslimbruderschaft und Hamas demokratisch an die Macht gespült. Der Raketenkrieg gegen Israel kostet Milliarden. Spätestens jetzt sollte jedem klar sein, dass die Rede vom abgeriegelten Gazastreifen reine Propaganda war. Anstelle der Fadschr 5-Raketen mit einer Reichweite von mehr als 70 Kilometern hätte die Hamas auch Butterbrote und Steaks nach Gaza hinein schmuggeln können.

Mit herzlichem Gruß aus Jerusalem,

Johannes Gerloff

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