Landkarte oder Wegbeschreibung?

  • Mai 17, 2009
L1030891 Tongariro (1024x549)

Gedankenanstoß zum Umgang mit dem prophetischen Wort

Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. (2. Petrus 1,19)

Wir stehen auf einem breiten Fundament der Tradition. Gott sei Dank dafür! Unsere geistlichen Väter haben ernst genommen, was schon Mose den Israeliten eingeschärft hatte: „Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen“ (5. Mose 6,6‑7). So wurden viele wertvolle Gebräuche, Denkweisen und Erkenntnisse von den Vätern an die nachfolgenden Generationen weitergegeben.

Das Erbe der Reformation ist, Traditionen immer wieder am Maßstab der Heiligen Schrift zu prüfen. Manche prophetische Modelle der Vergangenheit stellen sich selbst in Frage. Sie haben den Großteil der gläubigen Christenheit in Deutschland nicht vor der Verführung des Nationalsozialismus bewahrt. Verschämt wird heute verschwiegen, was geachtete Bibellehrer vor drei oder vier Jahrzehnten verkündet haben. Gleichgültigkeit, Lustlosigkeit und Aversion, wie sie uns heute begegnen, wenn prophetische Texte der Bibel zur Diskussion gestellt werden, gehören zu den Früchten der Spekulationsfreude vergangener Generationen.

Die Welt, in der wir leben, ist dunkel. Wir brauchen Orientierung. Wir brauchen das prophetische Wort, um bleibende Frucht bringen zu können. Sprachlosigkeit oder Sprachgewirr kennzeichnen heute die Gemeinde Jesu und sind Symptome dafür, dass ein Kommunikationsproblem zwischen uns und Gott besteht. Wir brauchen echte, vom Heiligen Geist gewirkte Prophetie, die uns nicht nur vorhersagt, was geschehen wird, sondern vor allem auch hervorsagt, wo und wie der lebendige Gott heute wirkt. Konkrete Wegweisung ist dringend nötig, wenn wir heute eine Stellung beziehen wollen, für die wir uns morgen nicht schämen müssen.

Der Apostel Petrus fährt fort:

Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet. (2. Petrus 1,20‑21)

Die Schrift steht nicht zur Debatte. Als Wort Gottes ist und bleibt sie unbedingt vertrauenswürdig. Was allerdings zur Diskussion stehen soll, ist unser Umgang mit dem, was Menschen unter der Inspiration des Heiligen Geistes geredet und geschrieben haben. Wir müssen lernen, die Brille, durch die ein jeder von uns die Bibel liest, zu erkennen. Fatal wird unser Umgang mit der Schrift, wenn wir das ursprüngliche Wort Gottes mit der Auslegung von Menschen in eins setzen oder gar verwechseln. Da kann es dann passieren, dass jungen Leuten, die zu Recht kritisch hinterfragen, was sie gelernt haben, das Vertrauen auf das Wort des lebendigen Gottes unter den Fingern zerrinnt, wenn eigentlich nur ein menschliches System Risse aufzeigt.

Es geht nicht darum, jetzt das neue und entscheidende Modell vorzustellen, durch das Gottes Wort verständlich würde. Das wäre vermessen. Ich wünsche mir ein Gespräch in den Gemeinden und Kreisen, die die Bibel als Wort Gottes ernst nehmen. Ein Gespräch in dem unter der Autorität der Heiligen Schrift jeder Gedanke erlaubt ist, ausgesprochen werden darf und mit kritischer Liebe geprüft wird.

Erlauben Sie mir ein Beispiel:

Stellen Sie sich vor, wir veranstalten ein Seminar. Es geht um „den rechten Weg“. Wir haben zwölf Arbeitsgruppen, die unabhängig von einander arbeiten. Jede Gruppe bekommt eine Wegbeschreibung, die etwa folgendermaßen aussieht: „Fahren Sie auf der Autobahn A 7 bis zur Ausfahrt Jerusalem. Dort abbiegen in Richtung Ninive. Fahren Sie immer geradeaus, bis rechter Hand nach einigen Kilometern eine Tankstelle auftaucht. Von dort aus folgen Sie dem Wegweiser Babylon. Nach einigen Kilometern beginnt auf der linken Straßenseite ein Wald, rechts ist freies Feld. Wenn auf der rechten Seite zwei große Bäume zu sehen sind, kommen Sie kurz darauf an eine Gabelung. Nehmen Sie die rechte Abzweigung…“

Aufgabenstellung für unsere zwölf Arbeitsgruppen ist nun, anhand der Wegbeschreibung eine möglichst genaue Landkarte zu zeichnen. An Experten fehlt es nicht, jeder Gruppe ist ein Kartograph zugeteilt. Ursprünglich ist die Wegbeschreibung auf Chinesisch verfasst worden. Aber auch dafür gibt es in jedem Team einen Fachmann. Alle wissen, wo die A 7 beginnt und in welcher Richtung Jerusalem liegt. Aber keiner kennt das Land, die geografischen Gegebenheiten, um die es geht. Niemand weiß, wie lang die Wegstrecken zwischen den Orientierungspunkten sind. Nur das Ziel ist klar, und alle wollen dort hin.

Die Wegbeschreibung ist absolut zuverlässig. Darin sind sich alle Seminarteilnehmer einig. Deshalb haben wir in den verschiedenen Arbeitsgruppen bald heftigste Wortgefechte. Alle nehmen den Wortlaut und selbst kleinste Details äußerst ernst. In der einen Arbeitsgruppe ist ein Streit darüber ausgebrochen, was das wohl für eine Tankstelle ist, die auf der rechten Seite einige Kilometer nach der Ausfahrt Bethlehem aufzutauchen hat. Andere liegen sich darüber in den Haaren, welche Art von Bäumen vor der Weggabelung stehen wird.

Gegen Ende des Seminartages haben wir nicht nur zwölf verschiedene Landkartenentwürfe vorliegen. Eine ganze Reihe verschiedener „Treibstoffdenominationen“ sind fest davon überzeugt, dass nur das Ergebnis ihrer Raffinierung sicher ans Ziel bringt. Und eine kaum übersehbare Anzahl von Orden und Gemeinschaften, weiß ganz genau, welche Früchte die beiden genannten Bäume zu welcher Zeit bringen werden – von Zeit zu Zeit werden sie sich zwar korrigieren müssen, aber das tut ihrer Kenntnis keinen Abbruch, sondern vertieft diese nur. Der größte und stillere Teil der Seminarteilnehmer ist frustriert, kann es nicht genau erklären, weiß aber intuitiv, dass irgendetwas schief gelaufen ist. Alle sind irgendwie schlauer – aber kein einziger der Seminarteilnehmer ist am ersehnten Ziel angekommen.

Soweit mein Beispiel.

Könnte es sein, dass wir das prophetische Wort der Bibel als Anleitung zum Landkarten Malen missbrauchen, obwohl es als Wegbeschreibung gedacht ist?!

Na’aseh VeNischma’“ beantwortete das Volk Israel die Verlesung des Bundesbuches am Sinai: Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir „tun und hören“! (2. Mose 24,7). Das war kurz, bündig und einprägsam. Aus unserer heutigen Sicht in der biblischen Reihenfolge vor allem aber total unlogisch: Zuerst das Tun, dann das Hören?!??

Ist es nicht so, dass wir gelernt haben, zuerst die Schrift zu lesen, möglichst in der Ursprache oder einer wörtlichen Übersetzung?! Dann bemühen wir uns darum, zu verstehen, was der Text damals zu bedeuten hatte, was er heute, für uns bedeuten könnte, und ob er überhaupt noch relevant ist. Wenn wir dann verstanden zu haben meinen, was die Schrift uns heute sagen will, bedeutet das noch lange nicht, dass wir das auch tatsächlich tun – denn wir sind ja nicht „unter dem Gesetz“… Fakt ist: Wir verhalten uns genau gegenteilig zu „Na’aseh VeNischma’“.

Mein Anliegen ist, nicht nur die Bibel zu lesen – und ihre Aussagen dann unter der kritischen Brille meiner heutigen humanistischen Maßstäbe in meine moderne Lebensphilosophie einordnen. Ich will die Bibel lesen, so wie sie selbst gelesen werden will. Gott hat nicht mir auf meine Fragen zu antworten, sondern ich ihm auf seine! Wie können wir biblisch die Bibel verstehen?

Zu Abram sprach der Herr: „Geh aus deinem Vaterland… in ein Land, das ich dir zeigen will“ (1. Mose 12,2). Soweit uns der biblische Text informiert, wusste Abram nicht, welches Land das sein sollte. Ebenso zehn Kapitel und mehr als ein halbes Jahrhundert später: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde“ (1. Mose 22,1‑2).

Erst im Gehen, durch den Gehorsam, würde Abram mehr verstehen. Wenn Abram nicht gegangen wäre, sondern sich nur theoretisch-theologisch Gedanken über den weiteren Weg gemacht hätte, hätte er wohl nie erfahren, welches Land ihm Gott geben wollte und wie der Berg hieß, auf dem einmal das geistliche Zentrum seiner Nachfahren entstehen würde. Gehorsam ist der Schlüssel zur weiteren Erkenntnis.

Abraham ist für uns der Vater des Glaubens (Römer 4), das Vorbild für unsere Gottesbeziehung schlechthin. Wenn wir wissen wollen, wie Gott mit uns handeln will, müssen wir Abraham betrachten – nicht unsere Wünsche, Vorstellungen oder Prägungen. Und schon gar nicht den Zeitgeist, der uns suggerieren will, wie eine Beziehung auszusehen hat. Am schlimmsten ist allerdings, wenn wir meinen, es sei doch alles klar, weil es immer schon so war… und uns deshalb überhaupt keine Gedanken machen, wie unsere Beziehung mit dem Vater im Himmel aussehen soll.

Die Art und Weise wie wir traditionell mit Prophetie umgehen, finden wir auch in der Heiligen Schrift: „In vierzig Tagen wird Ninive untergehen!“ (Jona 3,4). Was der Prophet Jona da zu verkündigen hatte, war keine Bußpredigt. Da war keine Bedingung, etwa nach dem Motto: „Wenn Ihr nicht umkehrt, dann wird Ninive untergehen!“, und auch kein Ruf zur Umkehr. Jonas Botschaft war eine einfache Voraussage. Und der Prophet tat genau das, was wir heute tun würden, wenn wir irgendwo in der Heiligen Schrift eine so eindeutige Voraussage für unsere Zeit fänden: Er setzte sich in sicherer Entfernung auf eine Anhöhe vor die assyrische Hauptstadt und wartete darauf, dass Gott sein Wort erfüllt.

Aber Gott dachte offensichtlich gar nicht daran, zu seinem Wort zu stehen und es wortwörtlich ins Tagesgeschehen umzusetzen. Deshalb finden wir am Ende des Buches Jona den Propheten unter seinem verdorrten Rizinusstrauch sitzen. Er ist sauer auf Gott, stocksauer. „Ich möchte lieber tot sein als leben!“ (Jona 4,8) wird seine Stimmung zusammengefasst.

Offen gesagt: Wenn ich in der Situation des Jona wäre, und Sie, liebe Leser, so genau meine Botschaft gehört hätten, wie wir sie heute im Buch Jona nachlesen können, wäre ich auch verärgert. Jona kannte ganz bestimmt, was Mose dem Volk Israel schon in der Wüste als Unterscheidungsmaßstab von rechter und falscher Prophetie an die Hand gegeben hatte: „Wenn der Prophet redet in dem Namen des Herrn und es wird nichts daraus und es tritt nicht ein, dann ist das ein Wort, das der Herr nicht geredet hat. Der Prophet hat’s aus Vermessenheit geredet“ (5. Mose 18,22). Offensichtlich hatte Gott den Jona durch seinen Sinneswandel zum Lügenpropheten gemacht. Oder?!

Könnte es sein, dass Jonas und unsere Art Prophetie zu verstehen, dem Wesen des Wortes Gottes widerspricht?

Abraham war aus einem anderen Holz geschnitzt als Jona und viele seiner modernen Nachfolger. Also, wenn Gott zu mir gekommen wäre und mir mitgeteilt hätte: „Ich muss jetzt Sodom und Gomorra vernichten!“, hätte ich ihm gewiss nicht widersprochen. „Dein Wille geschehe!“ hätte ich eventuell gemurmelt (der moralische Zustand der Leute dort unten am damals noch nicht toten Meer war eindeutig – aber das als Sünde zu bezeichnen, ist heute auch nicht mehr „politisch korrekt“) – und vielleicht hätte ich dann noch hinzugefügt: „Gibt es eine Möglichkeit zuzusehen?!“ (schließlich bin ich ja Journalist und muss über alles Wesentliche aus erster Hand berichten können…)

Abraham war anders. Er fing an, mit Gott zu feilschen. Es ist interessant, dass der alttestamentliche Text, der sonst so sparsam mit Worten umgeht, diese Szene in 1. Mose 18 ab Vers 16 so ausführlich beschreibt. Gott hatte sich gesagt: „Wie könnte ich Abraham verbergen, was ich tun will.“ Abraham hätte sich darüber freuen und darauf ausruhen können: „Gott vertraut mir etwas an, das sonst keiner weiß…!“ Aber das tut er nicht. Er ringt mit Gott – und es gibt Schriftausleger, die meinen, der Glaubensvater habe nur einen Fehler gemacht: Er hätte nicht bei Zehn aufhören dürfen, mit Gott zu verhandeln. Dann hätte er Sodom und Gomorra retten können.

Einen ähnlichen Umgang mit dem prophetischen Wort wie bei Abraham sehen wir fast eineinhalb Jahrtausende später beim Propheten Daniel. Daniel hatte bei Jeremia (25,12; 29,10) gelesen, dass sein Volk nach 70 Jahren babylonischer Gefangenschaft wieder in sein Land heimkehren sollte (Daniel 9). Aber er begnügte sich nicht mit dem Wissen und wartete nicht nur darauf, dass Gott sein Wort erfüllte. Er „raffinierte“ sein prophetisches Wissen zu Gebet – und betete auf eine Art und Weise, die uns Christen vollkommen abhanden gekommen zu sein scheint.

Daniel betete: „Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen…“ (Daniel 9,5). Nirgends in der Schrift sehen wir, dass Daniel gesündigt oder Unrecht getan hätte, gottlos gewesen oder abtrünnig geworden wäre. Im Gegenteil, wenn es eine Person in der Geschichte gibt, die geradlinig und unkorrupt war, dann Daniel! Aber er identifiziert sich so vollkommen mit dem Unrecht des auserwählten Volkes.

Vor einiger Zeit erwähnte ich im Gespräch eher nebenbei, dass „wir“ für den Holocaust verantwortlich seien und mit dieser Vergangenheit leben müssten. Ich habe mich zwar nicht persönlich und aktiv am Holocaust beteiligt. Damals war ich noch gar auf der Welt. Aber ich gehöre zweifellos zum deutschen Volk. Ich bin Deutscher. Eine deutsche Christin, die das hörte, fuhr mir über den Mund: „Das warst nicht Du, sondern Deutsche, die von Gott nichts wussten!“

Ganz aktuell, um noch ein zweites Beispiel zu nennen, beschäftigt mich „unser“ deutscher Papst, der es schafft im Mai 2006 in Auschwitz eine Rede zu halten, ohne den Judenhass als Ursache zu benennen und jetzt, im Mai 2009, in der israelischen Holocaustgedenkstätte Jad Vaschem aufzutreten, ohne auch nur eine Spur von Reue oder Buße spüren zu lassen. Dafür hielt er eine gelehrte Rede voller theologischer Richtigkeiten. Dass er nachher (oder bei anderen Gelegenheiten auch früher schon) gesagt haben soll, was sich gehörte, beziehungsweise Juden hätten hören wollen, ist hier nicht relevant. Es geht um eine Herzenshaltung. Die Worte sind nur Symptome.

Wie anders war auch der Prophet Jeremia mit seinem Wissen umgegangen, vor allem mit dem Wissen um die Schuld seines eigenen Volkes. Als Gott vom unausweichlichen Gericht sprach, fiel ihm Jeremia regelrecht in die Arme. Dreimal verbietet ihm Gott, für Israel zu beten (Jeremia 7,16; 11,14; 14,11), bevor er dem hartnäckigen Propheten über den Mund fährt: „Wenn auch Mose und Samuel vor mir stünden, so habe ich doch kein Herz für dies Volk. Treibe sie weg von mir, und lass sie weggehen!“ (Jeremia 15,1). Ist es ein Zufall, dass ausgerechnet Jeremia zum Heilspropheten für Israel werden durfte, wie kein anderer? Oder war seine Fürbitte der Schlüssel dafür, dass Gott ihm mehr anvertrauen konnte?

Spiegelt unsere Auslegung des prophetischen Wortes, unsere Reaktionen auf das, was Gott in unsere Zeit hinein spricht, unser Wesen, Denken, Reden, Wünschen und Beten wider, dass wir durch den Heiligen Geist von dem geprägt sind, der keinen Gefallen am Tod des Gottlosen hat (Hesekiel 18,23)? Sinngemäß sagte mir vor einiger Zeit ein orthodoxer Rabbiner, mit dem ich mich über den rechten Umgang mit dem prophetischen Wort unterhielt, folgendes: „Gottes Drohbotschaften sollen uns zur Umkehr treiben. Sie sind von unserem Verhalten abhängig, an Bedingungen gebunden. Gottes Frohbotschaften dagegen sind bedingungslos“ – weil wir uns nichts, aber auch gar nichts vor ihm verdienen können. Alles, wirklich alles, ist Gnade!

Könnte es sein, dass wir Christen deshalb so oft bei den Gerichtsprophetien stehen geblieben sind, weil wir den rechten Umgang damit verlernt haben? Wenn ich die Worte Jesu richtig verstehe, dann hat er uns in die „Nach-folge“ berufen und nicht ins „Voraus-wissen“. Das bedeutet aber auch, dass er uns ganz praktisch nur das an Wissen anvertraut, was wir jetzt, heute brauchen, um die richtigen Schritte zu tun, oder auch, um unser Verhalten so zu prägen, dass wir uns künftig in der entscheidenden Situation richtig verhalten.

Nach der Auferstehung offenbarte sich Jesus seinen Jüngern am See Genezareth. Mit dem Apostel Petrus war noch eine Rechnung offen. Jesus hatte ihm eigentlich versprochen: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen“ (Matthäus 16,18). Dann hatte sich dieser „Felsen“ aber als ziemlich zeitgeistkonform erwiesen. Er hatte sich selbst verflucht und geschworen: „Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet!“ (Markus 14,71). Dreimal fragt der auferstandene Herr nun diesen Jünger: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“ (Johannes 21,15ff). Jesus stellt Petrus eine konkrete und persönliche Frage, erwartet eine direkte Antwort und hat dann einen Auftrag, der ausschließlich und unübertragbar für Simon Petrus gilt.

Als Petrus dann dies eher peinliche Gespräch mit seinem Herrn überstanden hatte, stellte er die Frage, die so typisch ist, für christliche Prophetieexperten: „Herr, was aber ist mit diesem?“ – und weist auf den Lieblingsjünger Johannes. Auch wir wollen so oft so viel über andere wissen – objektiv, aus sicherer Entfernung und ohne eigentliche Relevanz für den Weg, den Jesus uns führen will. Die Antwort des Herrn an den Neugierigen ist: „Was geht’s dich an?!“ (Johannes 21,22). Könnte es sein, dass viele unserer prophetischen Fragestellungen dieselbe Antwort verdient haben?

Eines noch zum Schluss: Wenn ich die Heilige Schrift mit einer Wegbeschreibung vergleiche, will ich sie auf keinen Fall abwerten. Niemand soll denken: Wenn die Bibel „nur“ eine „Wegbeschreibung“ ist, dann muss ich ja nicht so viel Mühe investieren, um sie zu verstehen. Im Gegenteil: Wenn ich auf dem Weg im entscheidenden Augenblick richtig reagieren will, ist es ganz wichtig, die Wegbeschreibung im Wortlaut genau, am besten sogar auswendig zu kennen.

Bitte informieren Sie mich über neue Artikel