vom Antisemitismus im Neuen Testament

  • November 11, 2013
israelnetz

Liebe Leser!

Stimmt, es gibt im Neuen Testament Aussagen, die klingen antisemitisch! Wenn etwa Johannes der Täufer jüdische Menschen, die sich von ihm taufen lassen wollen, als „Schlangenbrut“ adressiert (Matthäus 3,7/Lukas 3,7), oder Jesus seinen Gesprächspartnern ins Gesicht sagt, sie seien „Kinder des Teufels“, der „ein Menschenmörder“ und „Vater der Lüge“ ist (Johannes 8,44). Wenig zimperlich schreibt Paulus an die Gemeinde im griechischen Thessaloniki, „die Juden“ hätten „den Herrn Jesus getötet“ und „uns verfolgt“, weshalb sie „Gott missfallen“ und „aller Menschen Feind“ seien (1.Thessalonicher 2,14f.).

Dem sind manche Aussagen des Korans nicht unähnlich. So wird im heiligen Buch des Islam behauptet, die Juden seien verflucht (Sure 4,46), betrügerisch (4,161) und man bekomme von ihnen immer Falschheit zu sehen (5,13). Sie werden als Affen und Schweine bezeichnet (2,65; 5,60; 7,166). Liberale Muslime, die sich um Verständnis zwischen den Religionen bemühen, lehnen derartige Aussagen als „islamistisch“ und zeitbedingt ab.

Doch auch im ursprünglichen historischen Kontext gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Antijudaismus des Korans und dem „Antisemitismus“ des Neuen Testaments. Im Koran sprechen Nichtjuden – oder ein Gott, der sich selbst niemals als „Gott Israels“ identifiziert hat! – über das jüdische Volk. Das Neue Testament dagegen ist, auch wenn das vielen Juden und Christen nicht passen mag, eine Sammlung jüdischer Literatur.

Wenn Jesus also, selbst „schriftgelehrt“ und nach allem, was wir wissen, ein „Pharisäer“, die „Schriftgelehrten und Pharisäer“ seiner Zeit als „Heuchler“ oder „verblendete Führer“ (Matthäus 23,13.15f.) bezeichnet; oder wenn Paulus den Hohepriester Hananias als „getünchte Wand“ betitelt (Apostelgeschichte 23,3), sich dann ironisch entschuldigt: „Ich wusste [nach seinem Verhalten zu schließen] nicht, dass er der Hohepriester ist“, bevor er ihn mit einem taktisch-theologischen Schachzug geschickt an die Wand spielt, sind das nicht Aussagen einer Religion über eine andere, sondern ein innerjüdischer Schlagabtausch.

Ähnlich derb ging Rabbi Ovadia Josef mit seinen politischen und theologischen Gegnern ins Gericht. Säkularen Juden warf er vor, sie hätten „die Tora verlassen“ und seien „zu Narren geworden“. Die nationalreligiöse Partei „Jüdisches Haus“ bezeichnete er als „Heidenhaus“ und David Stav, den nationalreligiösen Kandidaten in den Wahlen zum Oberrabbiner, als „Halunken ohne Gottesfurcht“. Premierminister Netanjahu war für Josef eine „blinde Ziege“ und Avigdor Lieberman „Amalek“, der Erzfeind des Volkes Israel.

Nicht nur weil Juden nur ausnahmsweise rechthaben, wenn sie im Affekt etwas über ihr eigenes Volk sagen, sollten wir vorsichtig sein, ihre Aussagen unreflektiert zu übernehmen. Zu schnell wird ein jüdischer Witz im Mund von Nichtjuden zum Judenwitz. Die christliche Vereinnahmung der Bibel ist schlicht Diebstahl. Echt neutestamentlich wäre, wenn wir unsere Kirchen- und Gemeindeleitungen ebenso kritisch unter die Lupe nähmen, wie das Jesus seinerzeit mit seiner geistlichen Obrigkeit getan hat. Wir müssen selbstkritischer werden und genau an diesem Punkt vom jüdischen Volk lernen. Dazu gehört auch, dass wir jüdische Selbstkritik, wenn sie von Nichtjuden missbraucht wird, als Antisemitismus entlarven.

Mit herzlichem Schalom grüßt Sie aus Jerusalem,

Ihr Johannes Gerloff

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