Die Anstrengungen des Iran, zur Hegemonialmacht zu werden, und die Folgen des Arabischen Frühlings im Nahen Osten bringen in jüngster Zeit de facto Kooperationen hervor, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. „Lieben werden wir euch nie“, meinte vor einiger Zeit ein hoher arabischer Militär zu einem israelischen Kollegen, mit dem er offiziell niemals hätte sprechen dürfen. „Aber wir bewundern euch. Und wir wollen von euch lernen.“

Derartige Aussagen, die keinesfalls alleinstehen, sind nur nachzuvollziehen, wenn man einige grundlegende Parameter auf der politischen und gesellschaftlichen Landkarte des Orients versteht, die von westlichen Beobachtern oft nur am Rande, wenn überhaupt, erwähnt werden.

Sunniten gegen Schiiten

Die überwältigende Mehrheit der Muslime weltweit (80-90%) sind „Sunniten“. Für sie ist die schriftliche Überlieferung des Islam („Sunna“) maßgebend. Etwas mehr als zehn Prozent der Nachfolger des Propheten Mohammed sind „Schiiten“. Für sie ist die Folge der führenden Imame („Schia“), der Nachfolger des Propheten, entscheidend. Der Iran ist der mächtigste Vertreter des schiitischen Islam.

Auf die Frage nach der Bedeutung dieser Spaltung kann man sehr unterschiedliche Antworten von Muslimen bekommen. Im Libanon zeigten sich mir einige Gesprächspartner sehr stolz auf die „Suschi“-Ehen in ihrer Gesellschaft, die Familien, in denen Sunniten und Schiiten miteinander verschmelzen.

Wenn man allerdings zu wirklich offenen Meinungsäußerungen vordringt, bekommt man Erschreckendes zu hören, gar abgrundtiefen Hass zu spüren. So erklärt mir ein kaum 20-jähriger Palästinenser: „Ich könnte niemals in ein schiitisch dominiertes Gebiet reisen, weder im Libanon, noch in den Irak und schon gar nicht in den Iran. Mein Name, Omar, verrät mich als Sunnit. Ich würde sofort umgebracht.“

Ein Anhänger der radikalen palästinensischen Hamas erzählte, dass sich Sunniten und Schiiten regelmäßig in ihren Freitagsgebeten gegenseitig verfluchen. „Ihr Christen seid schon okay,“ meinte er, „und auch die Juden. Aber die Schiiten…“ worauf eine Tirade folgte, die darin gipfelte, dass er vorschlug, die Amerikaner sollten den Iran endlich vernichten. Wohlgemerkt: Diese Aussagen kommen von einem Mann, der einer Volksgruppe und einer Organisation angehört, die sonst alles in Kauf nimmt, was ihren Hass gegen Israel und das jüdische Volk untermauert. Und, auch das ist kein Geheimnis: Der Iran ist gegenwärtig der Hauptsponsor der Hamas.

Iraner gegen Araber

Als ich mich vor Jahren in Istanbul einmal einem dunkelhäutigen Mann als „Deutscher“ vorstellte – ich hatte mein Gegenüber anfangs für einen Inder gehalten – breitete dieser die Arme aus und rief entzückt: „Das ist ja wunderbar. Ich komme aus dem Iran. Dann sind wir ja beide Arier!“ Tatsächlich halten sich viele Iraner als „Arier“ – ähnlich wie die Brahmanen Indiens – anderen Völkern gegenüber für rassisch überlegen. Das gilt vor allem für die Araber. So ließ mich einmal ein iranischer Muslim wissen, dass man sich in seiner Gesellschaft nicht erklären könne, warum sich Allah nicht „ordentlichen Menschen“ offenbart habe, sondern „diesen unzivilisierten Kamelmilchsäufern und Eidechsenfressern aus der Wüste“.

Nun sind derlei Geschichten und Anekdoten für den westlichen Analytiker eines politischen Geschehens kaum denkbar, geschweige denn reflektiert darstellbar. Im Orient aber verschwimmen Legenden und religiöse Vorstellungen ineinander und bestimmen die Realität. Vieles an der blutig-chaotischen Lage in Nahost ist nur nachvollziehbar, wenn man ganz nüchtern derlei Klischees und Vorurteile in die Analysen mit einbezieht.

Was einmal als „Arabischer Frühling“ bejubelt wurde

Seit 2011 wurde mit dem „Arabischen Frühling“ in vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas die militärische und politische, aber auch die gesellschaftliche Ordnung zutiefst erschüttert. Was im Durcheinander dieses Geschehens klar erkennbar ist, sind ständig wechselnde Koalitionen, nicht nur zwischen lokalen Akteuren, Stammesverbänden, ethnischen Gruppen, wirtschaftlichen Interessengruppen, politischen oder religiösen Verbindungen, sondern auch zwischen Staaten. So konnte sich etwa die Türkei von der Regionalmacht, die mit allen Spielern gute Beziehungen hat, innerhalb weniger Monate zum Außenseiter entwickeln, mit dem keiner kann. Ähnlich haben die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Ägypten ein atemberaubendes Auf-und-Ab im vergangenen halben Jahrzehnt zu verzeichnen.

Konstanten im Chaos

Fragt man nach Konstanten im Chaos des „Arabischen Frühlings“ und seiner Folgeerscheinungen, ist festzuhalten: Im Orient darf nichts Schwarz-Weiß gesehen werden. Jeder Versuch, eine Verstehensschneise durch das Morgenland des Jahres 2017 zu schlagen, muss sich sagen lassen: Zu jeder Hypothese gibt es unzählige Gegenbeispiele.

Klar erkennbar ist, dass der Iran mit großer Geduld, langfristig konzipiert und mit eindeutigen Erfolgen seine Einflusssphäre ausbaut. Seit dem ebenso fruchtlosen wie blutigen Gemetzel des Golfkriegs zwischen Iran und Irak in den 1980er Jahren haben die Mullahs in Teheran erkannt, dass sich ein Land nicht durch konventionelle Kriegführung erobern lässt. Stellvertreterkriege haben sich bewährt. Iranische Führer brüsten sich heute öffentlich, vier arabische Hauptstädte zu kontrollieren: Beirut, Damaskus, Baghdad und Sana’a. Der so genannte „schiitische Halbmond“ zieht sich mittlerweile von Teheran über den Irak und Syrien bis in den Libanon hinein. Gezielt baut der Iran ihn immer weiter aus und macht ihn durch den Stellvertreterkrieg im Süden der Arabischen Halbinsel gar zur „schiitischen Zange“.

Auf diesem Hintergrund hat Israel eine ganze Liste gemeinsamer Interessen mit den großen sunnitisch-arabischen Spielern auf der politischen Bühne des Nahen Ostens. Die Hegemonialbestrebungen des Iran sind nicht nur für Saudi-Arabien, die Emirate, Qatar, Marokko und die Türkei inakzeptabel, sondern auch für die USA. Selbst Russland, das in Syrien eng mit dem Iran kooperiert um das Regime der Assad-Familie zu stützen, scheinen die Bestrebungen des eigenen Bündnispartners unheimlich.

Traditionelle arabische Regime wie Syrien, Ägypten, die Emirate und Jordanien sehen sich selbstverständlich durch die Bestrebungen des so genannten Islamischen Staates bedroht. Die gemeinsamen ideologischen Wurzeln des IS und der al-Qaida mit der Muslimbruderschaft, deren palästinensischer Zweig die Hamas ist, sind in diesem Zusammenhang nicht unbedeutend. Aus israelischer Sicht muss erwähnt werden, dass die Hamas von ihren theologischen Grundlagen her nicht nur ein Ende der Besatzung anstrebt, nicht nur das Ende des jüdischen Staates Israel aktiv verfolgt, sondern als Endziel die Vernichtung des jüdischen Volkes weltweit zum Ziel hat. Nachdem Obama von einem demokratischen Ägypten geträumt hatte, und den US-Verbündeten Hosni Mubarak nach Jahrzehnten enger Zusammenarbeit zu Gunsten der Muslimbrüder hatte fallen lassen, kühlt sich das Verhältnis der USA zu den Muslimbrüdern wieder ab. Gleichzeitig scheint sich aber Saudi-Arabien an die gemeinsamen wahhabitischen Wurzeln zu erinnern und nähert sich möglicherweise der Muslimbruderschaft wieder an.

Das Verhalten des Westens, allen voran der USA, hat im Nahen Osten viele enttäuscht. Der Westen wird als unzuverlässig gesehen. Daran hat sich auch seit Trumps Regierungsantritt nichts grundsätzlich geändert. Das jüngste Stillhalten der USA in Kurdistan unterstreicht dieses Grundgefühl eher. Anshel Pfeffer von HaAretz schreibt jüngst im Blick auf Trumps Verhalten in Kurdistan: „Wieder einmal wurde ein pro-westlicher Verbündeter Amerikas in der Region verraten und dem Iran erlaubt, die Oberhand zu gewinnen.“

Was bewundern die Araber an Israel und was wollen sie vom jüdischen Staat lernen? Der anfangs erwähnte arabische Offizier vertraute seinem israelischen Gesprächspartner an: „Ihr seid das einzig stabile soziale und politische System im Nahen Osten. Und ihr habt ohne jegliche natürliche Ressourcen, vor allem ohne Öl, eine der blühendsten Wirtschaften weltweit geschaffen. Das brauchen wir auch!“