Staat und Religion in Israel

  • August 1, 2020
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Versuch eine Verständnisschneise zu schlagen

Seit seiner Gründung steht der Staat Israel unter dem besonderen Generalverdacht, die Sache mit der Trennung von (säkularem) Staat und Religion nicht wirklich hinzukriegen.

Die Israelis, ein „religiöses“ Volk?

Der Grund dafür kann nicht sein, dass die Bevölkerung des Staates Israel besonders religiös wäre. Laut einer Gallup-Umfrage aus dem Frühjahr 2015 ist Thailand das religiöseste Land der Erde und China der Staat, der am wenigsten religiös ist.

In derselben Umfrage bezeichneten sich 65 Prozent der Israelis als entweder „nicht religiös“ oder „überzeugte Atheisten“. 30 Prozent der Israelis betrachteten sich selbst als „religiös“. Aus Perspektive dieser Umfrage rangiert Israel also irgendwo in der Mitte zwischen Thailand und China.

Auch sind die großen Probleme im Verhältnis zwischen Staat und Religion im täglichen Leben oft am wenigsten dort zu finden, wo Kritiker Israels sie vermuten. So sind „die Ultraorthodoxen“ in der Regel nicht „die Radikalen“ in der Beziehung zu den Arabern oder in Landfragen. Im Gegenteil, die ultraorthodox-jüdische Gemeinschaft ist oft eher staatskritisch eingestellt, vor allem, wenn es um nationalistisches Gedankengut geht.

Religiöse Symbole im Staat

Israel ist in vieler Hinsicht weit säkularer als die meisten europäischen Länder. Richtig ist: Sein Wappen zeigt den siebenarmigen Leuchter und die beiden Olivenzweige aus dem Propheten Sacharja (4,2-3). Vor der Knesset, dem israelischen Parlament in Jerusalem steht eine Menorah, auf der die Worte stehen: „Nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist, sagt der Herr der Heere“ (Sacharja 4,6).

So kann es durchaus vorkommen, dass ein Politiker, der von der Bibel überhaupt keine Ahnung hat, umgeben von biblisch-apokalyptischen Zeichen Aussagen macht, die in diesem Kontext für den Informierten höchst relevant erscheinen.

Und dann trägt die Flagge Israels die Farben und Streifen des jüdischen Gebetsschals, mit einem Davidsstern in der Mitte. Aber der Davidsstern ist kein religiöses Zeichen. Ursprünglich war er nicht einmal ein jüdisches Zeichen. Laut Gershom Scholem wurde dieses Symbol erst durch Leid und Grauen des Holocaust „geheiligt“.

Zudem tragen die Flaggen vieler Länder religiöse Zeichen. Das gilt nicht nur für den Halbmond des Islam. Das Kreuz gehört untrennbar und bedeutungsgeladen zu den Nationalfahnen der Schweiz, Großbritanniens und der skandinavischen Länder, um nur einige Beispiele zu nennen.

Gesetzliche Feiertage und Kirchensteuern

Israel hat auch keine speziellen, staatlich festgelegten Feiertage, an denen es verboten wäre zu „arbeiten“ oder Lastkraftwagen ab einer bestimmten Größe zu fahren, wie das in manchen EU-Ländern der Fall ist.

Im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland gibt es im Staat Israel keine Steuern, die vom Staat im Auftrag irgendwelcher Religionsgemeinschaften eingezogen würden. Vielleicht werden finanzielle Zuwendungen des Staates in Israel gerade deshalb so lauthals diskutiert, weil die Religiösen dafür im realpolitischen Alltag mit demokratisch errungener Macht „bezahlen“ müssen.

Ähnlich wie die Bundesrepublik Deutschland besitzt der Staat Israel keine Verfassung, die eine Trennung von Religion und Staat als Rechtsgrundlage definieren würde.

Israel als „jüdischer Staat“

Obwohl sich weder die Bundesrepublik noch Israel als Einwanderungsländer definieren, gewähren beide Länder bestimmten Menschen aufgrund ihrer Abstammung ein Recht auf Zuwanderung.

Ein gravierender Unterschied besteht allerdings, weil die „Deutschstämmigkeit“ völlig unabhängig davon ist, ob sich ein Mensch als Christ, Muslim, Jude oder Atheist bekennt.

Israels säkulares, mancherorts gar als „anti-religiös“ verschrienes Oberstes Gericht dagegen hat entschieden, dass ein „Jude“ heute nicht gleichzeitig „Christ“ oder „Muslim“ sein könne. Dabei ist es nach der „Halacha“, dem jüdischen Religionsgesetz, überhaupt nicht möglich, sein Jude-Sein abzulegen, auch nicht durch Konversion zu einer anderen Religion.

Die Frage nach der jüdischen Identität

Seit es Juden gibt, besteht die Frage: Ist Jude-Sein Religion oder Nationalität? Sind die Juden ein Volk oder eine Glaubensgemeinschaft? Da im Judentum viel mehr Nachdruck auf das Bewahren der Gebote gelegt wird, als wie etwa im Christentum auf einen theoretisch-theologischen Glauben, kann man durchaus zu dem Schluss kommen: Nur der ist Jude, der die Gebote befolgt. Dieses Denken hat übrigens seinen Ursprung in der Thora, wo mehrfach betont wird, dass aus seinem Volk „ausgerottet“ wird, wer bestimmte Anordnungen missachtet (siehe zum Beispiel 3. Mose 17,10; 20,3.5.6; Josua 24,20).

Im Laufe von zweieinhalb Jahrtausenden Diaspora war es nicht selten die religiöse Identität, die das Volk der Juden über alle Länder, Kulturen und Sprachen hinweg auch aus säkularer Perspektive verband.

Der Schabbat

Ein gutes Beispiel dafür ist der Schabbat, der siebte Tag der Woche, der biblische Ruhetag. Einerseits ist er ein biblisches Gebot, eine Schöpfungsordnung. Heute ist er aber vor allem ein integraler Teil des jüdischen Selbstverständnisses. Ascher Ginsberg, der unter dem Namen „Ahad Ha’Am“ bekannte säkulare jüdische Denker, formulierte: „Mehr als Juden den Schabbat bewahrt haben, hat der Schabbat das jüdische Volk bewahrt.“

Tatsächlich ist das Halten des Schabbat einer der Faktoren, der dem jüdischen Volk über Jahrtausende hinweg, in denen es über die ganze Welt zerstreut lebte, das Bewahren einer gemeinsamen Identität ermöglicht hat. Heute kann man nirgends auf der Welt, auch als Nichtjude, den Schabbat so miterleben wie in Israel.

Erst die nationalistische Ideologie des 19. und 20. Jahrhunderts und dann die Rückkehr in das Land der Väter und das Entstehen einer israelischen Identität, erlaubte es Juden sogar als totale Atheisten „Juden“ zu sein. Das westliche Verständnis von einem Staat, der von der Religion strikt getrennt, dem Humanismus verpflichtet ist, ist auch in Europa eine relativ junge Entwicklung, die in der Renaissance und Aufklärung ihre Wurzeln hat.

Weite Teile des Judentums und vor allem auch des Islam haben aber nie eine Aufklärung im Sinne der europäischen Geistesgeschichte erfahren. In Gesellschaften, die der europäischen Philosophie einer vom Humanismus geprägten Aufklärung nicht verpflichtet sind, ist die Trennung von Staat und „Kirche“ aber keinesfalls selbstverständlich. Das gilt nicht nur für islamische Länder, sondern kann auch in Ländern beobachtet werden, in denen die orthodoxe Kirche bestimmend ist, wie etwa in Russland.

Die Spannung zwischen West und Ost

Obwohl sich Israel gerne „westlich“ sehen würde, steht es in vieler Hinsicht gesellschaftlich arabischen und muslimischen Gesellschaften näher, als den meisten europäischen Staaten.

Eine echte Herausforderung für eine säkular-humanistisch begründete Demokratie entsteht, wenn sich die Bevölkerungsmehrheit weniger dem säkularen Humanismus als eher traditionell-religiösen Werten verpflichtet sieht. Hauptproblempunkt dabei ist, dass in einer Demokratie grundsätzlich das Volk der Souverän ist und Stimmenmehrheit entscheidet.

Einer solchen Auseinandersetzung sieht Israels Staat und Gesellschaft in jüngster Zeit verstärkt ausgesetzt, wenn der liberal-humanistisch dominierte Oberste Gerichtshof Israels immer mehr zum Gegenpol einer traditionell orientierten Öffentlichkeit gerät.

Wer darf einwandern?

Die Herausforderung, die jüdische Identität eindeutig zu identifizieren, hat bislang nicht einmal das israelische Rechtssystem gelöst. Tatsache ist, dass man Menschen, die nach „halachischer“[1] Definition „Juden“ sind, regelrecht überredet werden, nach Israel einzuwandern, während Menschen, die nach der rassistischen Definition der Nürnberger Gesetze vom September 1935 als „Juden“ gelten, ihr Einbürgerungsrecht durchaus auch juristisch einmal erstreiten müssen.

Dieser offensichtliche Widerspruch in der israelischen Rechtsprechung entstand dadurch, dass sich die Gründungsväter des modernen Staates Israel nicht an die Definition der Halacha halten, sondern dem Zuflucht gewähren wollten, der von den deutschen Nazis als „Jude“ verfolgt worden war.

Bevölkerung und Religion in Israel

„Religion in Israel“ zu begreifen ist schwierig. Sie einem Außenstehenden verständlich darzustellen, ein Ding der Unmöglichkeit. Das liegt zum einen daran, dass aktuelle und verlässliche Zahlen nur schwer zu bekommen sind. Die Bevölkerung des jüdischen Staates hat sich, vor allem durch diverse Einwanderungswellen, zwischen 1948 und 2013 verzehnfacht. Dabei ist zu beachten, dass mit jeder Einwanderungswelle neue religiöse Komponenten Eingang in die israelische Gesellschaft gefunden haben. Und dann hat Israel mit 2,6 Geburten pro Frau im Jahr 2020 die höchste Fruchtbarkeitsrate unter den Industrienationen.

Von den neun Millionen Israelis sind 6,7 Mio. (74,1%) Juden, 1,9 Mio. (21,0%) Araber und eine halbe Million (4,9%) „Sonstige“. Von den Arabern sind 1,6 Mio. (17,8%) Muslime und 177.000 (2%) Christen.

Die überwältigende Mehrheit der israelischen Muslime sind Sunnis, unter ihnen Beduinen, Tscherkessen, Kurden, Roma und türkisch-stämmige Menschen. Sodann gibt es Ahmadije, Schi’iten und Alawiten in Israel.

Unter den israelischen Christen, die ungefähr zwei Prozent der Gesamtbevölkerung sind, stellt die melkitische (griechisch-katholische) Kirche die größte Gruppe, gefolgt von der griechisch-orthodoxen Kirche (zusammen mehr als 70%). Außerdem gibt es in Israel lateinische (römisch-katholisch), russisch-orthodoxe, aramäische, maronitische, syrische, armenische, assyrische und koptische Christen, sowie ein Reihe von kleinen protestantischen Gruppierungen, darunter Anglikaner, Baptisten, Lutheraner, Pfingstler und Brüdergemeinden.

Unter den „sonstigen Israelis“ finden sich nicht nur viele Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die von der „Halacha“ nicht als Juden anerkannt sind, sondern auch 143.000 Drusen, 26.000 Buddhisten, 5.000 „afrikanische Hebräer“ oder „schwarze Israeliten“ und 820 Samaritaner. Die Bahai-Religion hat zwar ihr Weltzentrum in Israel. Aber es gibt keine israelische Bahai-Gemeinschaft, sondern nur ungefähr 750 Bahais, die als Volontäre zeitlich begrenzt in Israel leben.

Das Status quo-Abkommen

Grundsätzlich folgt der Staat Israel in seiner Beziehung zu den nichtjüdischen Religionsgemeinschaften unter legalen Gesichtspunkten den Verfahren und Praktiken aus osmanischer (1516-1917) und britischer Zeit (1917-1948), mit einigen wichtigen Modifizierungen. Diese rechtliche Grundlage wird als „Status quo“ bezeichnet.

Israelisches Recht anerkennt offiziell fünf Religionen: Judentum, Christentum, Islam, Drusentum und die Bahai-Religion. Unter dem Schirm des Christentums sind zehn Konfessionen formell anerkannt: Die römisch/lateinisch-, armenisch-, maronitisch-, griechisch/melkitisch-, syrisch- und chaldäisch-katholischen Kirchen, die östlich-orthodoxe/griechisch-orthodoxe Kirche, die orientalisch-orthodoxe/syrisch-orthodoxe Kirche, die armenisch-apostolische Kirche und die anglikanische Kirche. Diese Kirchen genießen eine gewisse Unabhängigkeit vom Staat und Autonomierechte, zu denen auch die Eheschließung und Scheidung gehören.

Zivilehe und Schulsystem

Eine Zivilehe gibt es im Staat Israel nicht. Deshalb heiraten viele Israelis im Ausland, wenn sie in keine der vom Staat definierten Kategorien passen oder die gewünschte Eheschließung gesellschaftliche und religiöse Grenzen überschreiten.

Das Erziehungsministerium managt ein säkulares und orthodoxes Schulsystem im Staat, gesteht aber abgesehen von einem gemeinsamen Kerncurriculum unterschiedlichen Glaubens- und Bekenntnisgruppen große Freiräume zu.

Religiös gespaltene jüdische Gesellschaft in Israel

Die überwältigende Bevölkerungsmehrheit in Israel ist „jüdisch“. Allerdings unterstreicht diese Bezeichnung alles, nur keine Homogenität. Nicht-orthodoxe jüdische Strömungen, etwa das konservative oder Reformjudentum, sind in Israel nur begrenzt anerkannt.

Im Jahr 2016 stellte das Pew Research Center seine Studie über die religiös-zerspaltene Gesellschaft Israels vor. Allerdings sind Rückschlüsse aus solchen Umfragen nur schwer zu schließen, weil immer genau betrachtet werden muss, wer in welchem Zusammenhang welche Frage an wen gestellt hat. Außerdem lässt sich ohne genaue Kenntnis ein internationaler Vergleich nur schwer herstellen.

Um ein Beispiel zu nennen: Wenn ein „Atheist“ in Frankreich oder Tschechien kaum weiß, was der Begriff „Gott“ bedeutet, und ein „Atheist“ in Deutschland die Glaubwürdigkeit der Bibel bezweifelt, ohne dass er diese kaum jemals in der Hand gehalten hat, wird sich ein „Atheist“ in Israel in der Sprache der Propheten mit biblischen Argumenten verteidigen, warum er von einem Gott, den es nach seiner Ansicht eigentlich gar nicht geben sollte, zu Recht erwartet, in Ruhe gelassen zu werden.

Die Frustration der Säkularen

Säkulare israelische Juden betrachten sich selbst als nicht-religiös. Sie sehen Israel als ein modernes, demokratisches Land, das seinen Bürgern keinerlei religiöse Traditionen vorschreiben sollte. Sie beschweren sich, dass sie sich Kaschrut-Gesetzen unterordnen müssten, „die nur die Lebenshaltungskosten heben und sie zu Geiseln korrupter Kaschrut-Aufseher machen.“ Tatsache ist allerdings, dass man überall in Israel Geschäfte findet, die den Geschmack besonders der russischen Juden bedienen, die keinerlei religiöse Vorprägung mitgebracht haben.

Hinzu kommt die Tatsache, dass „normale“ Israelis in der Regel überhaupt nicht kümmert, was in der ultraorthodoxen Gesellschaft vor sich geht. Es gibt öffentliche Diskussionen darüber, dass die meisten ultraorthodoxen jungen Männer nicht in der Armee dienen. Aber so sehr sich Säkulare öffentlich darüber auslassen, dass sie die Hauptlast des Staates tragen, so wenig möchte die Armee plötzlich von Ultraorthodoxen überrannt werden.

Was wollen die Ultras?

Orthodoxe israelische Juden befürchten, dass die Trennung zwischen Staat und Religion letztendlich dazu führt, dass Israel seine jüdische Identität verlieren wird. Aber was wollen sie darüber hinaus? Wollen sie tatsächlich, wie viele Säkulare das befürchten, allen die Regeln der Halacha aufzwingen? Oder sind sie sich darüber im Klaren, dass sie trotz ihrer hohen Geburtenrate immer eine Minderheit im jüdischen Staat bleiben werden?

Tatsache ist, dass auch innerhalb der ultraorthodoxen Gemeinschaft das politische Engagement der Ultraorthodoxen im zionistischen Staat heftig umstritten ist. Seit 1977 der Likud an die Macht gekommen ist, der mit den wachsenden ultraorthodoxen Parteien koaliert, hat deren Macht ständig zugenommen.

Allerdings scheinen die Ultraorthodoxen, die sich in der politischen Landschaft Israels engagieren, gar nicht im Schilde zu führen, den Staat ultraorthodox zu machen. Vielmehr scheinen sie von Anfang an daran interessiert zu sein, eine Autonomie innerhalb des säkularen Staates zu bekommen, die eigenen Regeln und Rechten folgt und von außen so wenig wie möglich beeinflusst werden kann. Das politische Engagement der Ultraorthodoxen war dann vor allem darauf ausgerichtet, dass diese Autonomie auch noch ein Budget im Staat erhalten hat.


[1] „Halacha“ ist das jüdische Religionsgesetz.

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