Als aus Wien die Anfrage kam, etwas über „Sommerfrische in Israel“ zu schreiben, war meine spontane Antwort: „Na klar!“ „Frische“ ist das, was wir hier in Israel immer brauchen. „Sommer“ ist gut. Um anders zu fühlen, bin ich als Schwarzwälder auch nach einem Vierteljahrhundert noch nicht lange genug im Heiligen Land ansässig. Und bei der Kombination von „Sommer“ und „Frische“ spürt man „förmlich den Wind über die Haut fahren, den Duft und die Wärme, die er mitbringt, die Luft, die man einatmet, voll von Gerüchen, die den Sommer ausmachen“ – wie die Neuntklässlerin Larissa Völler in einer Leseerfahrung über Gedichte von Nikolaus Lenau schreibt.[1] Das öffentliche Eingeständnis, dass das Wort „Sommerfrische“ bis jetzt nicht wirklich zu meinem Wortschatz gehört hat, war an dieser Stelle eigentlich nicht vorgesehen.

Die Überschrift „Wenn Sie diese Wörter kennen, sind Sie alt“[2] hat mich dann aber doch dazu befreit, hier schriftlich zu Protokoll zu geben, dass mir das Wort „Sommerfrische“ bislang nicht wirklich gewärtig war. Zwischen „Schnurre“ (seltsame, oft unglaubwürdige Geschichte) und „Maulaffen feilhalten“ (untätig herumstehen. Entstanden aus niederdeutsch: mit “apen” [“offenem”] Mund dastehen) wird „Sommerfrische“ definiert als „Ritual der besseren Stände, die im Sommer der Hitze und dem Gestank in der Stadt entflohen, indem sie Zeit auf dem Lande oder an der See verbrachten.“ Die Brüder Grimm haben es in ihrem Wörterbuch kürzer auf den Punkt gebracht:[3] „erholungsaufenthalt der städter auf dem lande zur sommerzeit“ oder „eine wohnung auf dem lande, die man im sommer bezieht“. Übrigens schrieb auch Larissa Völler ihren poetischen Satz zur Sommerfrische im Rahmen einer Überlegung zu „wunderschönen Worten“, „die im heutigen Sprachgebrauch leider nicht mehr verwendet werden“ unter der Überschrift „Das vergessene Wort“.

Ein Wortgebrauch und Verstehens-Horizont hat aber nicht nur mit dem Alter zu tun. In den vierzehn Literaturangaben des Wikipedia-Eintrags zu „Sommerfrische“ sind je einmal Berlin, Köln, Weimar, Darmstadt und die Schweiz als Ursprungsorte der Quellen angegeben, aber dreimal Salzburg und achtmal Wien, sowie eine alleinstehende österreichische Radiosendung zum Thema. In den Erklärungen zum Gebrauch und Ursprung des Wortes liegt bei Wikipedia[4] der Schwerpunkt im „Venetianischen“ und im Bozener Raum, bevor dann erklärt wird, dass Ludwig Steub, der „Entdecker“ Tirols das Wort im deutschen Raum popularisiert habe. Ein eigener Abschnitt über „Sommerfrischen in Österreich“ beschließt den Eintrag des Internetlexikons. Die Brüder Grimm bestätigen die lokale Verankerung des Begriffs „Sommerfrische“ in den Ostalpen. Es gibt also auch im modernen Europa des 21. Jahrhunderts noch Begriffe, die auf einen überschaubaren geografischen Bereich beschränkt sind, die von der Mentalität einer bestimmten Bevölkerung und einzigartigen klimatischen Verhältnissen geprägt sind.

Das alles mag vielleicht wie eine Binsenweisheit klingen, die es kaum wert ist aufgeschrieben, geschweige denn veröffentlicht zu werden. Schade nur, dass sich Politiker und Journalisten, die weit über die Vielfalt Europas hinaus tätig sind und durch ihre Vorstellungen und Worte unsere Welt prägen, darüber nicht im Klaren zu sein scheinen. Der Begriff „Arabischer Frühling“ ist ein Paradebeispiel dafür. Orientalen oder Afrikaner hätten die Ereignisse des zurückliegenden Jahrzehnts niemals als „Frühling“ bezeichnet. Es waren Europäer, die sich infolge des Polit-Tsunamis, der die gesamte arabische Welt im Nahen Osten und in Nordafrika überrannt und unwiederbringlich verändert hat, einen frischen Sommer erhofft haben.

Der „Arabische Frühling“, den führende Europäer als Hoffnungsbringer bejubelt haben, hat sich mittlerweile als eine der blutigsten Epochen erwiesen, die der Nahe Osten jemals erlebt hat. Vielleicht werden wir in nicht allzu ferner Zukunft den „Arabischen Frühling“ als „Dritten Weltkrieg“ bezeichnen. Wären sich Europäer über die lokale Verankerung und Einzigartigkeit gewisser Begriffe im Klaren gewesen, sie hätten sich niemals als „Fans des Arabischen Frühlings“ bezeichnen können. Um eine Relation geben: Allein im „Arabischen Frühling“ Syriens wurden in den zurückliegenden sieben Jahren pro Jahr mehr Menschen getötet, als im so genannten Nahostkonflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn in 70 Jahren, alle Kriege, Palästinenseraufstände, Terroranschläge und Vergeltungsmaßnahmen eingerechnet.

Wir haben hier im Orient eigentlich nur zwei Jahreszeiten: Den Sommer und die Regenzeit. Dabei verbindet sich mit der Regenzeit das Gefühl, dass alles zu neuem Leben erwacht. Mit dem Ende des Sommers bringt der Regen die Frische, erweckt das Land zu neuem Leben und lässt es grün werden. Der Sommer dagegen ist die Zeit, in der alles Leben in der Natur von Hitze und Trockenheit erstickt wird. Im Sommer ruhen die Pflanzen. Für den Sommer muss man sich hier als Mensch und Tier Vorräte anschaffen, um überleben zu können. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, wenn der ehemalige Premierminister der Hamas im Gazastreifen, Ismail Haniye, einmal erleichtert feststellte: „Auf den arabischen Frühling ist zum Glück kein Sommer gefolgt, sondern ein islamischer Winter.“ Ob Haniye mit diesem Satz, der europäische Demokraten eher erschaudern lässt, Recht behalten wird, soll die Zukunft entscheiden. Festzuhalten bleibt zunächst: Derlei lokal verankerte, gefühlsbeladene Begriffe lassen sich nur schwer übersetzen – und noch schwerer von einer Region in die andere übertragen. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum der Rest des deutschsprachigen Europas so wenig mit dem Begriff „Sommerfrische“ anzufangen weiß – und damit wieder zurück vom „Arabischen Frühling“ zur „ostalpinen Sommerfrische“.

Ein Blick in Langenscheidts Deutsch-Hebräisches Handwörterbuch gibt „Sommerfrische“ mit מקום-קיט [makom kait – Sommerort] oder נוה-קיץ [neve-kaiz – Sommeraue] wieder, beides Worte, die mir im täglichen Sprachgebrauch in Israel eigentlich noch nie begegnet sind. Auch ein israelischer Abiturient konnte mit beiden Begriffen nichts anfangen. Aber dann steht im Langenscheidt für „Sommerfrische“ auch noch das Wörtchen קיטנה [kaitana], ein Wort, das in der israelischen Öffentlichkeit zu Beginn der Sommerferien allgegenwärtig ist. Frei übersetzt sind damit Jugendfreizeiten gemeint, in denen die Eltern, die trotz der zwei Monate Ferien im Sommer, ihre hyperaktiven Sprösslinge abladen. Eine wichtige und Anfang Juli in Israel viel diskutierte Angelegenheit.

Traditionell gibt es im Nahen Osten aber tatsächlich so etwas wie eine „Sommerfrische“, die sogar ähnlich motiviert war, wie die ausgedehnten Sommeraufenthalte des europäischen Adels in seinen Sommerresidenzen. Nur sollte man sie vielleicht besser „Winterfrische“ nennen. So zog sich schon der berühmt-berüchtigte König Herodes vor zwei Jahrtausenden im Winter vor den herben Unwettern im judäischen Bergland ins milde Jericho zurück. Beeindruckende Ausgrabungen von pompösen Palastanlagen im Jordantal bezeugen das. Das Wetter und die Notwendigkeit, sich aus der Landwirtschaft zu ernähren, zwingen Beduinen bis heute ihre Herden im Sommer aus dem erdrückend heißen Jordantal hinauf in die Berge zu treiben. Und europäische akklimatisierte Menschen freuen sich in jüngster Zeit an den Billigflügen von Tel Aviv nach Baden-Baden, so dass in letzter Zeit immer mehr Israelis dem heißen Sommer ihres Heimatlandes in die „Sommerfrische“ des Schwarzwaldes entfliehen.

Fußnoten:

[1] https://books.google.co.il/books?id=PSZHhmm5VykC&pg=PA65&lpg=PA65&dq=Vorkommen+des+Wortes+Sommerfrische&source=bl&ots=22wO1LuNqn&sig=r6thB8G5pW0KRiplb2b3YiVmDAU&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjW84OjioLbAhWQzaQKHTPjAU4Q6AEIJjAA#v=onepage&q=Vorkommen%20des%20Wortes%20Sommerfrische&f=false (13.05.2018).

[2] https://www.welt.de/kultur/article141345826/Wenn-Sie-diese-Woerter-kennen-sind-Sie-alt.html (13.05.2018).

[3] http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&sigle=DWB&mode=linking&lemid=GS30861 (13.05.2018).

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Sommerfrische (13.05.2018).