Schwangerschaftsabbrüche in Israel

  • März 25, 2020
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Israel ist eine besondere Mischung aus Liberalem und Religiösem, was sich auf viele Lebensbereiche auswirkt. Die Liberalen im Land sind stolz auf ihre Abtreibungsgesetze. Abtreibungen sind legal, praktisch in jedem Stadium der Schwangerschaft möglich und in vielen Fällen kostenlos. Das heißt, dass sie von Krankenkassen, vom Gesundheitsministerium oder im Falle von Soldatinnen von der Armee finanziert werden.

Der legale Weg führt über eine Kommission, die aus zwei Fachärzten und einem Sozialarbeiter besteht, unter denen mindestens eine weibliche Person sein muss. Eine besondere Kommission darf Abtreibungen auch nach der 24. Schwangerschaftswoche genehmigen. Obwohl so gut wie alle Anfragen durch diese Kommissionen genehmigt werden, gibt es auch illegale Schwangerschaftsabbrüche, deren Zahl nicht nachprüfbar ist. Schätzungsweise gibt es ebenso viele illegale wie legale Abtreibungen. Insgesamt finden in Israel pro Jahr etwa 40.000 Schwangerschaftsabbrüche statt.

Die liberalsten Stimmen plädieren für die Abschaffung der Kommissionen, durch die jede Frau, die eine Abtreibung in Erwägung zieht, gehen sollte. Von der ursprünglichen rabbinischen Einstellung, dass man einen Fötus im Mutterleib nur töten darf, wenn das Leben seiner Mutter durch die Schwangerschaft gefährdet ist, sind die Gesetze im jüdischen Staat weit entfernt.

Legale Gründe

Die meistverbreitete legale Begründung, die bei etwa fünfzig Prozent aller Schwangerschaftsabbrüche angegeben wird, ist, außerhalb einer ehelichen Beziehung schwanger geworden zu sein. Fast alle Abtreibungen bei Minderjährigen fallen unter diese Klausel, da es seit dem Jahr 2013 erst ab dem 18. Lebensjahr möglich ist gesetzlich zu Heiraten.[1] Diese können die Einwilligung für einen Schwangerschaftsabbruch selbst beantragen, unabhängig von der Zustimmung der Eltern oder Erziehungsberechtigten.[2]

Die meisten Schwangerschaftsabbrüche werden jedoch nicht von Minderjährigen beantragt, sondern von Frauen im mittleren Alter, von denen viele verheiratet sind. Die sozioökonomische Klausel wurde in der Vergangenheit auf Druck der religiösen Parteien gestrichen. Das heißt, dass eine Frau eine Abtreibung nicht beantragen kann, wenn sie zum Beispiel erschöpft ist, schon viele Kinder hat und ihre Familie finanzielle Schwierigkeiten hat. Man nimmt an, dass einige Frauen, die in diese Kategorie gehören würden, einfach angeben dass Ihr Kind unehelich sei, um eine kostenlose Abtreibung zu erlangen.

Weitere zwanzig Prozent der legalen Schwangerschaftsabbrüche werden wegen der Gesundheit der Frau und etwa zehn Prozent wegen ihres Alters durchgeführt.

Ein weiterer legaler Grund für Schwangerschaftsabbrüche – er wird bei etwa zwanzig Prozent angegeben – ist der Verdacht auf eine körperliche oder mentale Behinderung oder eine Fehlbildung des Kindes. Es genügt schon ein fehlender Finger oder ein Klumpfuß. Nach den offiziellen Statistiken für das Jahr 2018 sind 3.666 derartige Anträge eingegangen. Nur bei 1.942 von ihnen bestand wirklich eine Diagnose von hoher Wahrscheinlichkeit für eine Schädigung, eine erbliche Krankheit oder einen Zustand, der zu einer Schädigung führen könnte.

Grund für eine Abtreibung kann auch der Gebrauch von Medikamenten sein, die eine Schädigung des Fötus hätten verursachen können, zum Beispiel, wenn die Frau noch nicht wusste, dass sie Schwanger war. Sogar die Prognose eines möglichen mentalen Schadens beim Fötus ist Grund genug für einen Schwangerschaftsabbruch.

Eine Amerikanerin, die eine spezielle Ausbildung zur Betreuerin von Kindern vor und nach einer Operation absolviert hatte, musste feststellen, dass es in Israel kaum herzkranke jüdische Kinder gibt. Diese werden fast alle abgetrieben und das, obwohl Israel die weltbesten Herzspezialisten hat.

Was sagt der Rabbi

Dazu schreibt der „Aisch Rabbi“ auf der sehr beliebten englischsprachigen jüdischen Internetseite aish.com: „Das Judentum sagt, dass diese Art von Selektion böse ist. Sie erinnert an das nazistische Programm ‚T-4‘, das vorsah, systematisch alle körperlich und geistig behinderten Personen zu töten. Im Gegensatz dazu lehrt die Thora, dass der wahre Wert einer Person in ihrer Seele liegt“.[3]

Weiter wird auf dieser Seite argumentiert, dass das Recht einer Frau auf ihren Körper Grenzen habe, wenn es um ein anderes Wesen geht, auch wenn dieses noch nicht ausgereift ist und deshalb nicht als ein volles Leben angesehen wird. Jedenfalls solle eine religiöse Frau immer zur Beratung zu ihrem zuständigen örtlichen Rabbiner gehen, da jeder Fall individuell gesehen und eingehend nach dem jüdischen Recht betrachtet werden müsse.

Die offiziellen Statistiken Israels unterteilen die Schwangerschaftsabbrüche in folgende Personengruppen: Jüdinnen, Mosleminnen, Drusinnen, arabische Christinnen und andere (nicht-arabische Christinnen und Frauen ohne Angabe ihrer Religion). In die letztgenannte Kategorie fallen zum Beispiel Frauen, die als Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern wie dem Sudan oder Eritrea gekommen sind, aber auch viele legale Arbeitskräfte, die laut Arbeitsvertrag während ihrer Arbeitszeit in Israel nicht schwanger werden dürfen. Innerhalb dieser Gruppe gibt es die meisten Abtreibungen. Es sind also Menschen, die keinerlei Rückhalt in der Gesellschaft haben und sich oft einsam, ohne jegliche Unterstützung durchschlagen müssen.

Unter den Jüdinnen im jungen Erwachsenen-Alter werden die meisten Abtreibungen in der äthiopischen Gesellschaft durchgeführt. Bei diesen handelt es sich wieder um eine sozial eher schwache, teilweise noch traumatisierte Gruppe, die sich mit rassistischen und religiösen Vorurteilen auseinandersetzen muss. Genauso kommt Abtreibung häufiger bei Neueinwanderinnen vor, als bei Frauen, die im Land geboren worden sind und einen Familienkreis um sich haben.

Diskutiert wird nicht

Eine Diskussion um Abtreibungen wird in Israel nicht geführt. Wenn manchmal in den Medien Berichte von Kampagnen gegen oder für Abtreibung in den USA durchdringen, erscheinen höchstens in den englischsprachigen Zeitungen einige wenige Artikel zum Thema. Ein eindrückliches Beispiel dafür war ein Artikel, der im Mai 2019 in der linksliberalen Zeitung HaAretz erschienen ist. Er trug den provokanten Titel: „Sagt es den evangelikalen Unterstützern Israels nicht, aber Abtreibungen sind dort legal – und oft kostenlos“.[4] Man hört überhaupt nichts über die Möglichkeit ein ungewolltes Kind zur Adoption freizugeben.

Pro Life Organisationen

Vor etwa fünfzehn Jahren hat die jüdische Pro Life Organisation Efrat eine massive Kampagne in der Öffentlichkeit durchgeführt. Im Radio war zu hören: „Abtreibung ist kein Kinderspiel!“ Und an öffentlichen Orten war zu lesen: „Efrat bringt jedes Jahr mehr Juden nach Israel als die Einwanderung aus Nordamerika.“ Die Organisation gibt auf ihrer Internetseite an, dass sie, seit ihrer Gründung 1977, 75.000 Babys gerettet hat.

Efrat kann auf Grund vieler Erfahrungen sagen, dass die meisten Frauen eine Abtreibung erwägen, weil sie sich in einer schwierigen Lebensphase befinden oder finanzielle Schwierigkeiten haben. Oft trifft beides zu. Mit etwas Unterstützung bringen sie gern ihr Kind auf die Welt. Nur 1.200 US-Dollar und etwas liebevolle Unterstützung kostet es, laut Efrat, ein Menschenleben zu retten.

In einem Interview auf der offiziellen Seite von Efrat sagt der Leiter dieser Organisation, Dr. Schussheim, er habe als Arzt, der Menschenleben retten will, festgestellt, dass die meisten Verluste an Leben in Israel durch Abtreibungen verursacht würden. Im Blick auf Frauenrechte halte er das Recht einer Frau, umfassend informiert zu sein, für wichtig. Efrat würde nicht mit ideologischen, ethischen, moralischen, philosophischen oder religiösen Gründen argumentieren. „Die einzige Erklärung die die Frau bekommt, ist medizinischer Art, besonders im Hinblick auf ihre zukünftige körperliche und emotionale Gesundheit.“[5] Das ausdrückliche Ziel von Efrat ist, jüdische Babys zu retten.

Die messianisch-jüdische Pro Life Organisation Be’ad Chaim ist bereit allen Schwangeren, die sich in einer Krisensituation befinden, zu helfen. Außer der Unterstützung vor und nach der Geburt, bietet sie auch Betreuung von Frauen nach einer Abtreibung, Fehlgeburt oder Totgeburt.

Auch Männer sind vom Verlust eines Babys oft tief betroffen. Be’ad Chaim betreibt in der Nähe von Latrun eine Parkanlage, die den Namen „Gärten des Lebens“ trägt. Dort können als Teil des Heilungsprozesses Bäume für ein verlorenes Kinderleben gepflanzt werden. Solche Aktionen finden jedes Jahr vor allem an TU BiSchewat, dem Neujahrsfest der Bäume statt.

Die Terminologie der Bibel

Es ist interessant, dass sich bis heute in unserer Terminologe die biblische Ausdrucksweise erhalten hat, zum Beispiel in dem Ausdruck „Fruchtwasser“. Die Bibel nennt ein Fötus im Mutterleib „Frucht des Leibes“ oder wörtlich „Frucht des Bauches“ (zum Beispiel in 5. Mose 30,9), sodann ein „Kind“ oder einen „Sohn“.

In der Bibel begegnen uns einige Geschichten, in denen noch nicht geborene oder verheißene Kinder vorkommen. Eine von ihnen zeigt eine verzweifelte nicht-israelitische Frau: Hagar. Sie war eine Sklavin, die niemand gefragt hatte, ob sie von dem Mann ihrer Herrin schwanger werden wollte oder nicht. Sie ist auf der Flucht, ganz allein. Und doch gibt es jemanden, der sie sieht und hört. Es ist Gott! Gottes Engel redet mit ihr über ihr ungeborenes Kind: „Sehr zahlreich werde ich deinen Samen machen, sodass er aufgrund seiner Menge nicht gezählt werden kann“ (1. Mose 16,10-12).

Nach Aussage der Bibel sieht Gott also nicht nur die frustrierte schwangere Frau und das ungeborene Kind, sondern ganze Generationen von Menschen, die aus diesem Kind hervorkommen werden. Genauso in der Geschichte von Rebekka, die mit Zwillingen schwanger war. Aus den „Banim“, das heißt, „Söhnen“ oder „Kindern“, in ihrem Leib, werden ganze Nationen – „Gojim“ und „Le‘umim“ (1. Mose 25,22-23).

Der Psalmist sagt zu Gott: „Mein Wesen war vor dir nicht verborgen als ich im Verborgenen gemacht wurde, gewebt wurde in den Tiefen der Erde. Mein noch ungeformtes Wesen haben deine Augen gesehen“ (Psalm 139,15-16). Dem Prophet Jeremia wird sogar gesagt: „Ehe ich dich im Bauche formte, habe ich dich gekannt, und ehe du aus dem Mutterleib hervorkamst, habe ich dich für mich ausgesondert, als Prophet für die Völker habe ich dich eingesetzt“ (Jeremia 1,5).


[1] Früher kam es in den religiösen Gemeinschaften, vor allem der moslemischen, aber auch der jüdischen vor, dass schon 16-Jährige durch die Entscheidung ihrer Eltern verheiratet wurden.

[2] Ein der Gründe dafür mag wieder die Einstellung der religiösen Gemeinschaft sein. In der moslemischen Gesellschaft steht auf Befleckung der Familienehre de facto die Todesstrafe.

[3] Ask the Rabbi, Abortion Yes Or No: https://www.aish.com/atr/Abortion_-_Yes_Or_No.html?catid=954704 (03.02.2020)

[4] Allison Kaplan Sommer, Shhh! Don’t Tell Evangelical Supporters of Israel, but Abortion There Is Legal — and Often It’s Free (May 22, 2019): https://www.haaretz.com/israel-news/.premium.MAGAZINE-shhh-don-t-tell-evangelical-supporters-of-israel-about-the-country-s-abortion-laws-1.7274968 (24.03.2020).

[5] An interview with Dr. Eli Schussheim, EFRAT, President: https://en.efrat.org.il/about-us/an-interview-with-efrats-president/ (11.02.2020).

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