Schalom im Nahen Osten?

  • September 2, 2020
idea

EDITORIAL FÜR IDEA-SPEKTRUM

Liebe Leserin, lieber Leser,

wer für den Frieden Jerusalems betet (Psalm 122,6), sollte sich eigentlich nicht wundern, wenn Israel Friedensverträge schließt. Oder doch? Vielleicht hängt das davon ab, was wir unter „Frieden“ verstehen – bewusst oder unbewusst?

Das hebräische Wort Schalom kommt von „Schalem“, was so viel wie „vollkommen“, „ganz“, „umfassend“, „unversehrt“ bedeutet. Schalom hat nichts mit Friedhofsfrieden zu tun, was die „Pax Romana“ war. Damals hieß es: „unterworfen“ ist „befriedet“. Das hat vielfach Friedensvorstellungen geprägt, ganz entscheidend im Islam.

Schalom hat auch nicht viel mit „Peace“ (englisch „Frieden“) zu tun. Das klingt genau wie „Piece“ (englisch „Stück“, „Teil“). Schalom wird man per Definition nicht erreichen, wenn man Stücke macht, Menschen voneinander trennt, Grenzen baut, ein Land zerstückelt. Gott will, dass Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit einander ergänzen, in der Unterschiedlichkeit zusammenleben.

Bei Schalom geht es ums fröhliche Zusammenleben

Per Definition ist Schalom nicht nur auf einen geistlichen Bereich begrenzt. Schalom kann nicht auf das Jenseits gewissermaßen aufgeschoben werden. Der Schöpfer hört das Seufzen der Schöpfung (Römer 8). Er liebt die Welt (Johannes 3) und wir warten darauf, dass Er alles neu macht (Offenbarung 21). Bei Schalom geht es weniger ums selige Sterben, als ums fröhliche Zusammenleben. Der Schalom Jerusalems ist untrennbar von der Hoffnung auf Auferstehung von den Toten, ohne die wir die elendesten unter allen Menschen wären (1. Korinther 15,19).

Der Unterschied könnte kaum größer sein

Ist jetzt damit, dass Israelis und Emiratis offiziell miteinander reden, Frieden in Nahost ausgebrochen? Definitiv nicht! Ganz bewusst scheint ja auch von „Normalisierung“ der Beziehungen die Rede zu sein.

Wie weit das zwischen einer islamistisch-totalitären (wie den Vereinigten Arabischen Emiraten) und einer demokratisch-freiheitlich Gesellschaft (in Israel) möglich ist, bleibt abzuwarten. Der Unterschied zwischen dem Land am östlichen Mittelmeerrand und dem „Arabischen Golf“ – wer sich eher mit dem Iran verbunden fühlt, würde vom „Persischen Golf“ reden – könnte kaum größer sein.

Arabische Führer befreien sich von einer Bürde

Möglich gemacht hat diese „Normalisierung“ die Bedrohung durch das iranische Mullah-Regime, die mittlerweile weltweite Dimensionen angenommen hat. Sodann ist sie ein Symptom für den Verlust von Ansehen, unter dem die Palästinenser seit Jahren überall in der arabischen Welt leiden.

Langsam aber sicher scheinen sich die arabischen Führer von einer entscheidenden Bürde in ihrer Beziehung zum jüdischen Staat Israel zu befreien. Sie haben es schlicht satt, in dieser Hinsicht eine Geisel überzogener palästinensischer Erwartungen und extremistischer Mullahs in Teheran zu sein.

Mit einem herzlichen Schalom grüßt Sie aus der Stadt des großen Königs (Matthäus 5,35),

Johannes Gerloff

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