Purim – ein gewöhnlicher Karneval?

  • März 20, 2019
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„Ich liebte es, mich an Purim als Königin Esther zu verkleiden“, sagt die jüdische Großmutter Tamar. „Damals hat meine Mama die Kostüme genäht. Sie musste schon einen Monat davor anfangen. Wir waren neun Kinder. Dadurch war es natürlich auch möglich, die Purim-Kostüme jedes Jahr zu tauschen.“

Im Moment scheint es, als ob der Wahlkampf in den Medien das Purimfest ganz verdrängt hätte. Aber dem ist in Wirklichkeit nicht so. Schon lange hängen vor den Läden in Jerusalem alle Arten von Verkleidungen für Kleine und Große, und in den Lebensmittelläden werden überall Geschenkpackungen angeboten.

Nur die Königin Esther ist in den Hintergrund getreten und wird von den Heldinnen Anna und Elsa aus dem Disney Film „Die Eiskönigin“ überschattet. Dabei haben viele Märchen und Erzählungen gerade diese biblische Geschichte als Grundlage; ob es nun um ein armes Mädchen geht, das Königin wird, oder um unzählige Schönheiten, von denen sich ein König eine aussuchen muss; bis zu dem königlichen Angebot, bis zur Hälfte des Königreiches ein Geschenk zu machen.

Ich bin überzeugt, dass Esthers Schönheit äußerlich und innerlich war. Im Unterschied zu allen anderen hübschen Jungfrauen, ist ihre Schönheit mit zwei hebräischen Ausdrücken beschrieben. Sie war nicht nur wie alle andere „towat mar’e“, sondern auch noch „jafat to’ar“. Diese außerordentliche Schönheit von Esther öffnete ihr den Weg auf den königlichen Thron.

Für ihren Pflegevater Mordechai und für sie selbst bedeutete das dramatische Veränderungen. Sie wurden auf königlichen Befehl auseinandergerissen. Mordechai ging jeden Tag in den Palast, um sich nach ihr zu erkundigen: „Und Mordechai ging alle Tage am Hof des Frauenhauses vorbei, um zu erfahren, ob‘s Ester gut gehe und was mit ihr geschehen würde“ (Esther 2,11).

Als der Feind der Juden, Haman, anstrebte ihr ganzes Volk zu liquidieren, bat Mordechai Königin Esther, beim König ein Wort einzulegen. Esther ließ Mordechai sagen, dass sie so ein Unterfangen das Leben kosten könnte: „Es wissen alle Großen des Königs und das Volk in den Provinzen des Königs, dass jeder, der ungerufen zum König hineingeht in den inneren Hof, Mann oder Frau, nach dem Gesetz sterben muss, es sei denn der König strecke das goldene Zepter ihm entgegen, damit er am Leben bleibe. Ich aber bin nun seit dreißig Tagen nicht gerufen worden, zum König hineinzukommen“ (Esther 4,11).

Obwohl Mordechai Esther wie seine eigene Tochter liebte, verlangte er von ihr – und dadurch auch von sich selbst – ein großes Opfer: „Denke nicht, dass du dein Leben errettest, weil du im Palast des Königs bist, du allein von allen Juden. Denn wenn du zu dieser Zeit schweigen wirst, wird eine Hilfe und Errettung von einem andern Ort her den Juden erstehen. Du aber und deines Vaters Haus, ihr werdet umkommen. Und wer weiß, ob du nicht gerade um dieser Zeit willen zur königlichen Würde gekommen bist?“ (Esther 4,13-14).

Esther ließ Mordechai folgende Antwort zukommen: „‘So geh hin und versammle alle Juden, die in Susa sind, und fastet für mich, dass ihr nicht esst und trinkt drei Tage lang, weder Tag noch Nacht. Auch ich und meine Dienerinnen wollen so fasten. Und dann will ich zum König hineingehen entgegen dem Gesetz. Komme ich um, so komme ich um.‘ Mordechai ging hin und tat alles, was ihm Esther geboten hatte.“ (Esther 4,17). Dieser ganze dramatische Dialog ist ein wunderbares Beispiel gegenseitiger Unterordnung, wie die Bibel sie uns vor Augen stellt.

Obwohl in ganzem Buch das Wort „Gott“ kein einziges Mal vorkommt, verlässt sich Esther nicht auf ihre blendende Schönheit, sondern ruft ein Fasten aus, das ein Schrei des Volkes Gottes zum Allmächtigen ist. Bis zum heutigen Tag fasten Juden vor dem Purimfest.

Obwohl das Purimfest heute in Israel eher einem gewöhnlichen Karneval gleicht, sind die Spuren des biblischen Festes deutlich zu erkennen. Das gilt nicht nur für die Synagogen, in denen das Buch Esther vorgelesen wird. Bis heute befolgt das jüdische Volk die Anweisungen von Mordechais Brief und feiert das Fest am vierzehnten und fünfzehnten Tag des Monats Adar (Esther 9,21), was diesmal auf den 21. und 22. März fällt.

Auch der Name des Festes blieb unverändert: „Und die Juden nahmen es an als Brauch, was sie angefangen hatten zu tun und was Mordechai an sie geschrieben hatte. Denn Haman, der Sohn Hammedatas, der Agagiter, der Feind aller Juden, hatte gedacht, alle Juden umzubringen, und hatte das Pur, das ist das Los, geworfen, um sie zu schrecken und umzubringen. Und als das vor den König kam, gebot dieser in einem Schreiben, dass die bösen Anschläge, die Haman gegen die Juden erdacht hatte, auf seinen Kopf zurückfallen sollten, und dass man ihn und seine Söhne an den Galgen hängen sollte. Daher nannten sie diese Tage Purim nach dem Worte Pur“ (Esther 9,23-26).

An vielen Orten, vor allem in Schulen und Kindergärten, wird das Fest „als Tage des Festmahls und der Freude“ gehalten, wie die Bibel das vorschreibt (Esther 9,22), als Erinnerung daran, dass sich „ihr Schmerz in Freude und ihr Leid in Festtage verwandelt hatten.“

Es werden natürlich Lieder gesungen, die manchmal wörtlich das biblische Geschehen nacherzählen, wie zum Beispiel: „Mordechai aber ging hinaus von dem König in königlichen Kleidern, blau und weiß, und mit einer großen goldenen Krone, angetan mit einem Mantel aus Leinen und Purpurwolle. Und die Stadt Susa jauchzte und war fröhlich. Für die Juden aber war Licht und Freude und Wonne und Ehre gekommen“ (Esther 8,15-16).

Auch vernachlässigen die Menschen in Israel das Schenken nicht. Die Geschenke tragen bis heute die biblische Bezeichnung Mischloach Manot, so dass „einer dem andern Geschenke und den Armen Gaben schicke“ (Esther 9,22). Heute geschieht das vor allem in Form von Geschenkkörbe und Körbchen. Es finden aber auch Lebensmittelsammlungen für die Armen statt. Und dann werden Pakete und ermutigende Briefe an die Soldaten geschickt, die durch ihren Einsatz dieses freudige Fest ermöglichen, inmitten einer andauernden Feindschaft gegenüber Esthers und Mordechais Volk.

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