Worte von Gewicht. Psalm 87 – zweiter Teil

  • Oktober 29, 2020
Sukkot

In Vers 3 wendet sich der Psalmdichter Zion zu, spricht die Stadt in der Gegenwartsform direkt an[1], und stellt fest: Bedeutungsvolle Angelegenheiten werden in dir gesprochen,… „In dir, Zion, werden gewichtige Aussprüche gemacht. Dort tagt der Sanhedrin, der Hohe Rat“, erklärt Mezudat David[2].

Radak[3] macht darauf aufmerksam, dass nicht die Gegenwart der Schriftgelehrten den Charakter der Stadt bestimmt. Vielmehr prägt umgekehrt der Ort die Menschen dort ganz entscheidend: „Du bist erhoben über alle Länder in vieler Hinsicht, wie geschrieben steht über die Bewohner Jerusalems, ‚sie wohnen auf dem Nabel der Erde‘ (Hesekiel 38,12). So ist die Luft in Jerusalem besser als an allen anderen Orten für die Gesundheit des Körpers und für die Weisheit, wie Psalm 48,3 über den Berg Zion sagt: ‚ein wunderschöner Anblick die Freude der ganzen Erde‘; oder wie unsere Weisen gelehrt haben[4]: ‚Die Atmosphäre des Landes Israel macht weise.‘“

Das Land prägt das Denken

Tatsächlich wirkt das Wort Gottes nicht überall gleich auf Menschen. Es hatte einen guten Grund, dass Gott Abram aus Ur in Chaldäa in das Land Kanaan führte, bevor er ihm bestimmte Tatsachen offenbarte. Die Thora vom Sinai hätte den Hebräern niemals bei den Pyramiden von Gizeh übergeben werden können.

Es ist kein Zufall, dass der überwiegende Großteil der biblischen Propheten den lebendigen Gott reden hörte auf dem kargen Bergrücken zwischen Mittelmeer und Jordangraben. Im ausgesprochenen Gegensatz zu den wasserreichen Gegenden am Nil, im Zweistromland oder auch in Mitteleuropa oder Nordamerika prägt das Land Israel die Grundbotschaft der Bibel, „sola gratia“, „allein aus Gnade“, wie kein anderes Land ins Wesen und Denken seiner Bewohner.[5] An keinem anderen Ort der Welt erfährt der Mensch so unmissverständlich, dass er sich nicht aus eigener Anstrengung aus dem Sumpf von Sünde, Schuld und Tod herausreißen kann, wie im Land Israel.

Der Ursprung des Wortes Gottes

Auch der Messias, das Wort Gottes in menschlicher Gestalt, hätte an keiner anderen Stelle „ins Fleisch kommen“[6] können als allein in Zion. Deshalb musste das Volk Israel zumindest teilweise vor dem Kommen des Messias wieder in sein Land zurückkehren. Das Land Israel hat eine entscheidende hermeneutische Funktion, die von der christlichen Theologie schmählich vernachlässigt wurde – mit verheerenden Folgen.

Raschi[7] paraphrasiert: „Du, Jerusalem, bist es, in der Worte des Gewichts, der Ehre, des Gehalts gesprochen werden aus dem Mund des Heiligen, gelobt sei Er!“ Wieder kommt Jesaja 2 in den Sinn, wo ab Vers 3 zu lesen ist: „Viele Völker werden kommen und sagen: ‚Kommt, wir gehen hinauf zum Berg des Herrn, zum Haus des Gottes Jakobs. Er wird uns Seine Wege lehren. Wir werden auf Seinen Pfaden gehen. Denn aus Zion geht Thora hervor, das Wort des Herrn von Jerusalem.“

Samson Raphael Hirsch[8] kommt zu dem Schluss: Jerusalem ist der Ort, „in welchem Gott ausgesprochen wird, in welchem Er durch das von Ihm dort niedergelegte und nach Seiner Anordnung lebendig gepflegte ‚Wort‘ verständnis- und wirkungsvoll erkannt wird.“[9] Hier wird die gesamte Worttheologie der Heiligen Schrift auf einem Berg verwurzelt.

Und – fragt Raschi – „was sind diese gewichtigen Worte?“ – „Dass du Stadt des [einen, wahren, lebendigen] Gottes heißt für immer“ (Mezudat David). „Denn Gott hat [Jerusalem] erwählt, um dort seine Herrlichkeit wohnen zu lassen“ (Radak). Deshalb sprach der Messias Jeschua auch von Jerusalem als „der Stadt des großen Königs“.[10]

Warum legt Gott so großen Wert darauf, was in der Stadt gesprochen wird? Warum sind Worte so wichtig?

Worte offenbaren das Unsichtbare

Jeschua lehrte[11]: „Nehmt an, ein Baum ist gut. Dann wird auch seine Frucht gut sein. Oder nehmt an, ein Baum ist faul. Dann wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum. Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid?! Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund. Der gute Mensch bringt aus seinem guten Schatz Gutes. Der böse Mensch bringt aus seinem bösen Schatz Böses hervor. Ich sage euch: Für jedes fruchtlose Wort, das die Menschen reden, werden sie Rechenschaft ablegen müssen am Tag des Gerichts. Denn aufgrund deiner Worte wirst du gerechtfertigt werden. Und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt werden.“

Was ein Mensch redet, besonders dann, wenn er sich unbeobachtet fühlt oder unbedacht redet, zeigt, was in seinem Innern ist. Was in einer Stadt geredet wird, bezeugt das Wesen der Stadt.

Abgehoben oder realitätsnah?

Doch entsprechen diese Aussagen heute der rauen Wirklichkeit des Nahen Ostens?

Ich denke, wer sich Zeit nimmt, Jerusalem kennenzulernen, wird tatsächlich lernen etwas von der Realitätsnähe dieser Worte zu erahnen. Gottes Wort erschließt sich dem ganz neu, der die Jahrtausende alten Steine, die Geschichte, aber auch die Menschen Jerusalems zu Wort kommen lässt. Vieles bleibt uns verborgen, weil wir ihre Sprachen, Traditionen, Gebräuche und Mentalität nicht oder nur mit Mühe verstehen. Jerusalem ist nicht nur eine Reise wert. Jerusalem bleibt eine Entdeckungsreise auch dem, der Jahre und Jahrzehnte lang dort lebt.

Wer allerdings länger in Jerusalem wohnt, lernt auch die dunklen Ecken dieser Stadt kennen, den Fanatismus, die Verbissenheit und den nicht selten finsteren Eifer, der die Bewohner Zions gefangen hält. Er steht hilflos vor den Abgründen, die Menschen in dieser Stadt voneinander trennen, begegnet dem Hass, der Gereiztheit und Rücksichtslosigkeit, die aus alledem resultiert, das Leben in der Hauptstadt des jüdischen Staates prägt und so furchtbar schwer macht. Er fängt an zu verstehen, warum sich Nonnen und Mönche hinter den meterdicken Mauern ihrer Klöster und Rabbiner mit ihren Schülern in Bethäusern und Talmudschulen verschanzen.

Eine prophetische Komponente

Angesichts dieser Situation kommt der prophetische Aspekt von Psalm 87 zum Tragen. Dann muss der Psalmendichter gemeinsam mit dem Psalmbeter die Perspektive Gottes unter den Verkrustungen menschlichen Versagens hervorsagen, weil die dem natürlichen Auge unsichtbar ist.

Die jüdischen Lehrer wussten und wissen um den Zustand Jerusalems, der geprägt ist vom Leid, von der Sünde, von Krieg, Streit, Zerrissenheit und Tod, die unsere Welt beherrschen. Sie haben ihn nur zu oft in den zurückliegenden Jahrhunderten furchtbar am eigenen Leib erfahren. Und sie wissen um die Rebellion, die mit dem Namen „Korach“ assoziiert werden muss.

Trotzig halten sie der Realität das Wort Gottes entgegen, wenn etwa Malbim[12] festhält: „Durch dich wohnt der Herr dauerhaft in Mitten Israels“. Psalm 46,5 unterstreicht diese Aussage ebenso, wie der von Amos Chacham[13] zitierte Psalm 84,2.[14] Gegen allen Augenschein hält der Apostel Paulus fest, dass dem Israel, das „verflucht und von Christus getrennt“ ist, „die Herrlichkeit“, das heißt, die Herrlichkeitsgegenwart, die Schechinah (שכינה) des einen, wahren und einzigen lebendigen Gottes gehört (Römer 9,3-4).

Attraktiv für alle Menschen

Doch mit dem Ausruf, dass der Zion die Stadt Gottes ist, deutet der Psalmist nicht nur die Gegenwart aus einer geistlichen Sicht. Er wirft auch einen Blick in die Zukunft, sieht die Völkerwallfahrt zum Zion vorher. Menschen aller Kulturen, Mentalitäten, Hautfarben, Denkweisen und Sprachen werden nach Jerusalem kommen.

Dabei ziehen nicht etwa das Wesen der Stadt oder ihrer Bewohner die nichtjüdischen Völker an, sondern was in ihr geredet wird, die Thora, die Weisung, das Wort Gottes, das von ihr ausgeht. Auch in dieser Hinsicht gibt den alles entscheidenden Ausschlag nicht das Wesen, Verhalten, Reden oder auch der Aktivismus von Menschen, sondern einzig die Entscheidung und das Handeln des einen wahren, lebendigen Gottes.

Sela. „Ende der Durchsage. Schluss der Diskussion. Punkt!“ – deutet Malbim dieses Wort, über dessen Bedeutung auch die rabbinischen Ausleger keine endgültige Klarheit haben.


[1] עמוס חכם, ספר תהלים, ספרים ג-ה, מזמורים עג-קן (ירושלים: הוצאת מוסד הרב קוק, הדפסה שישית תש”ן/1990), קכד.

[2] Ein Bibelkommentar von David Altschuler, der im 18. Jahrhundert in Jaworow in Galizien lebte. Während seine Auslegung Mezudat Zion einzelne Worte erklärt, beleuchtet Mezudat David die Bedeutung des Texts.

[3] Rabbi David Ben Josef Kimchi (1160-1235) war der Erste unter den großen Schriftauslegern und Grammatikern der hebräischen Sprache. Er wurde im südfranzösischen Narbonne geboren. Sein Vater starb früh, so dass David von seinem Bruder Mosche Kimchi erzogen wurde. Radak erlaubte philosophische Studien nur denjenigen, deren Glaube an Gott und Furcht des Himmels gefestigt sind. Öffentlich setzte er sich mit Christen auseinander und griff vor allem deren allegorische Schriftauslegung und die theologische Behauptung an, das „wahre Israel“ zu sein.

[4] Im babylonischen Talmud, Traktat Baba Batra 158b.

[5] Vergleiche dazu etwa 5. Mose 11,10-12.

[6] Vergleiche 1. Johannes 4,2; 1,7.

[7] Rabbi Schlomo Ben Jizchak (1040-1105), oder auch „Rabbi Schlomo Izchaki“ genannt, wurde im nordfranzösischen Troyes geboren, studierte zehn Jahre in Mainz und Worms, bevor er wieder nach Troyes zurückkehrte, wo er sich als Richter und Lehrer auszeichnete. In seinen letzten Lebensjahren erlebte er die Judenverfolgungen der Kreuzzüge mit. Raschi gehört zu den ganz großen Auslegern jüdischer Schriften und ist der Erste, der Bibel und Talmud umfassend ausgelegt hat. Seine Grundanliegen waren, die Heilige Schrift unters Volk zu bringen, die Einheit des jüdischen Volkes zu fördern und die theologische Auseinandersetzung mit dem Christentum. Raschi unterschied scharf zwischen „Pschat“ (wörtlicher Auslegung) und „Drasch“ (übertragener, allegorischer Auslegung), wobei der Pschat den Ausschlag gibt. Seine Schriftauslegung hat den Reformator Martin Luther entscheidend geprägt. Obwohl seine Kommentare bis heute zum Standard gehören, schreibt er nicht selten „das weiß ich nicht“.

[8] 1808-1888, stammte aus Hamburg und diente als Oberrabbiner in Oldenburg, Aurich, Osnabrück, in Mähren und Österreichisch-Schlesien. Als profilierter Vertreter der Orthodoxie war er ein ausgesprochener Gegner des Reform- und konservativen Judentums. Hirsch legte großen Wert auf das Studium der gesamten Heiligen Schrift. Ab 1851 war er Rabbiner der separatistischen orthodoxen „Israelitischen Religions-Gesellschaft“, engagierte sich im Bildungsbereich und veröffentlichte das Monatsmagazin „Jeschurun“. Hirsch hatte eine große Liebe zum Land Israel, war gleichzeitig aber ein Gegner der proto-zionistischen Aktivitäten von Zvi Hirsch Kalischer. Er wird als einer der Gründungsväter der neo-orthodoxen Bewegung gesehen.

[9] Samson Raphael Hirsch, Psalmen (Basel: Verlag Morascha, 2. Neubearbeitete Auflage 2005), 464.

[10] Matthäus 5,35 mit Bezug auf Psalm 48,3.

[11] Matthäus 12,33-37; vergleiche auch Lukas 6,43-46.

[12] Meir Leibusch Ben Jechiel Michael Weiser (1809-1879) stammte aus der Ukraine und wirkte als Rabbiner, Talmudist, Bibelausleger und Prediger. Während seiner Zeit als Rabbiner in Kempen, Posen, (1845-1859) erhielt er den Beinamen „Kempner Maggid“. Als unerbittlicher Gegner der Reformbewegung und der jüdischen Aufklärung geriet der Malbim in Konflikt mit jüdischen wie nichtjüdischen Instanzen, wurde verleumdet und verhaftet. Er amtierte als Oberrabbiner von Rumänien, Königsberg und Mecklenburg. Seine Bibelauslegung konzentriert sich auf die „Tiefe der Sprache“ und die „grundlegende Bedeutung des Textes“ „basierend auf genauen linguistischen Regeln“.

[13] 1921-2012, wurde in Israel bekannt als Gewinner des ersten israelischen und weltweiten Bibelquiz. Sein behinderter Vater, Noach Chacham, war ein jüdischer Bibellehrer, der 1913 von Wien nach Jerusalem übergesiedelt war. Er hatte den einzigen Sohn aus Angst vor einem Sprachfehler nicht an eine öffentliche Schule geschickt, sondern in äußerst ärmlichen Verhältnissen selbst ausgebildet. Das Bibelquiz im August 1958 offenbarte sein Genie und begründete seine legendäre Laufbahn als Schriftausleger. Seine Auslegungen liegen mir nur in hebräischer Sprache vor.

[14] עמוס חכם, ספר תהלים, ספרים ג-ה, מזמורים עג-קן (ירושלים: הוצאת מוסד הרב קוק, הדפסה שישית תש”ן/1990), קכז.

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