Viel verleugnet und doch allgegenwärtig: Messias-Hoffnungen im modernen Israel

  • November 4, 2003
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„Der Messias kommt nicht. Der Messias ruft auch nicht an!“ Der Schlagerrefrain dröhnt über die Wasseroberfläche des Sees Genezareth, auf der einst der gegangen ist, den heute noch Millionen als Christus verehren. Bis zum Bauchnabel stehen die jungen Israelis im lauwarmen Wasser. Die Bierdose in der Hand wippen sie mit den Hüften und beobachten wie die Sonne als riesiger Feuerball hinter Tiberias versinkt.

„Jehuda schaut auf die Uhr und verdreht die Augen“, beschreibt der israelische Liedermacher Schalom Hanoch die Ungeduld der Wartenden. Bei jedem Klingeln der Haustürglocke stockt ihnen der Atem. Aber, die Erwartungen werden immer wieder enttäuscht. Hanoch macht sich lustig: „Der Messias kommt nicht, er ruft nicht einmal an!“

Die moderne israelische Gesellschaft hat keine messianische Hoffnung. Das ist nicht nur das Resüme des Spötters Schalom Hanoch, sondern auch das des Jesus-gläubigen Juden Zvi Sadan. Die 28jährige Irit, Mutter eines Kindes und Geschäftsfrau, meint: „Ich glaube an Gott. Aber der Messias ist eine Erfindung der Religion. Die Leute brauchen das einfach, um die Hoffnung nicht zu verlieren.“

Ein langer Prozess

Nach Einschätzung des Theologen und Historikers Sadan muss das Volk Israel noch einen langen Prozess durchlaufen, bis Jeschua kommen kann. Das jüdische Volk muss zum Glauben und in das Land seiner Väter zurückkehren. Nur auf dem Boden der Thora werde es zu der von der Heiligen Schrift vorhergesagten breiten gesellschaftlichen Bewegung kommen. Man könne nicht über den Messias reden, wie das heute viele Christen tun, aber den Glauben an den Gott Israels und sein Gesetz unbeachtet lassen.

Dass Leiden das Volk Israel zurück zu seinem Gott und damit zur Erkenntnis des Messias treibt, wie in christlichen Kreisen vielfach gelehrt wird, hält Zvi Sadan für unwahrscheinlich. Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels und zweitausend Jahre unsagbares Leiden durch Kreuzfahrer, Pogrome und den Holocaust haben keine Umkehr bewirkt. Wie sollte sie dann durch noch mehr Leid geschehen?

Der Messias brennt im Volk

Einerseits lehnen viele moderne Israelis den Messiasgedanken ab. Andererseits, und das bringt wiederum Zvi Sadan auf den Punkt, „brennt der Messias im Volk Israel, ob sich die Leute darüber im Klaren sind, oder nicht“. Davon zeugt auch das Lied Hanochs. Der Messias ist allgegenwärtig – sonst müsste sich der Spötter ja nicht dagegen wehren. „Vielleicht sind junge Israelis deshalb so laut“, mutmaßt eine holländische Christin, die seit mehr als einem Jahrzehnt in Israel lebt, „weil sie die Stille vermeiden wollen. Es könnte ja sein, dass Gott doch anfängt zu reden?“

„Seit zweitausend Jahren irre ich umher“, singt Jehuda Katz, „und suche das Land, das ich liebe. Jeden Tag wird mir das Herz von neuem gebrochen, jeden Tag steht die Frage neu im Raum: ‚Vielleicht morgen?’ ‚Wann ist die Erlösung?’“ Im Refrain greift er dann – wie unzählige andere jüdische Dichter – die uralten Worte auf, die der spanisch-ägyptische Rabbiner Maimonides seinem Volk vor Tausend Jahren ins Stammbuch geschrieben hat: „Mit unerschütterlichem Glauben erwarte ich das Kommen des Messias!“

„In den letzten Tagen wird er kommen und das Volk von seinen Leiden erlösen.“ Davon ist der ansonsten erklärt säkulare Amos überzeugt. „Ich glaube, dass es ein Mensch sein wird. Woran man ihn erkennt, weiß ich nicht“, gesteht der Ingenieur aus dem Norden Israels ein, „aber alle werden ihn als Messias erkennen, wenn er in das Land Israel kommen wird, so wie es im Tenach, dem Alten Testament, geschrieben steht.“

Der Lubawitscher Messias

Vor ein paar Jahren wurde der amerikanische Rabbi Menachem Schneerson zu Grabe getragen. Hunderttausende orthodoxer Juden halten bis heute daran fest: Er ist der König Messias. Woher sie das wissen, dass es ausgerechnet der Lubawitscher Rebbe ist? Die Zeichen sind eindeutig: Er beherrschte die Thora und ihre Geheimnisse wie kein Zweiter. Seine prophetischen Voraussagen sind eingetroffen. Viele Menschen des Hauses Israel haben durch ihn weltweit zum Glauben zurück gefunden.

Wie kommt es dann, dass er seine Weltherrschaft nicht aufrichten konnte und auch nicht von aller Welt geliebt wurde? Auch darauf hat die Habad-Bewegung eine Antwort: Bei seinem ersten Erscheinen wird der Messias nicht von allen angenommen werden. Einige werden ihn verachten, darunter sogar Gerechte. So hoffen die „Habadnikim“ auf eine Wiederkunft ihres Königs Messias.

Ein islamischer Lügenmessias

Nicht nur gläubige Juden hoffen, wie viele Christen, auf einen (wieder-) kommenden Messias, sondern auch Muslime. „Aber vorher“, so erklärt mir Siad, ein Händler in der Altstadt, „muss der ‚Masih al-Kasab’, der ‚Lügenmessias’, kommen, der die Menschheit verführt. Er hat ein Zeichen auf der Stirn. Aber das sehen nur wir Muslime.“

Siad hat sich in den vergangenen Jahren, während der al-Aksa-Intifada, vom Playboy, vor dem keine Touristin sicher war, zum strenggläubigen Muslim und Familienvater gewandelt. Er weiß auch, dass ‚Isa’, wie Jesus im Arabischen heißt, der ‚Masih’ ist. Und wenn er kommt, wird er die Menschheit in Gute und Böse unterteilen. Alle Nichtmuslime werden dann vernichtet, so dass nur die Guten übrigbleiben.

„Und was ist mit den Christen, die zwar keine Muslime sind, aber doch Jesus als ihren Herrn lieben und verehren?“, wage ich einzuwerfen. „Die meisten Christen sind dekadent, haben den wahren Glauben verlassen“, erwidert er selbstbewusst, und mit Blick auf die engen Jeans einer vorbeigehenden Touristin: „Sieh’, ihre Frauen tun so, als kleideten sie sich, aber Wirklichkeit sind sie unbekleidet. Es gibt Christen, die gut sind, wie die arabischen Christen. Aber die meisten westlichen Christen sind böse, sie sind Zionisten und in ihrem Innern eigentlich Juden.“

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