Kirche und Synagoge heute

  • Juni 2, 2013
israelnetz

Liebe Leser,

„Betet der Lutherische Weltbund für Israels Verschwinden?“ fragt Malcolm Lowe dieser Tage in einem Artikel[1]. Der Jerusalemer Neutestamentler analysiert Gebetsinitiativen, theologischen Aktivitäten und Verlautbarungen der Lutheraner im Heiligen Land. Die Erkenntnisse, die er daraus gewinnt, spiegeln wider, was jüdische Beobachter im Treiben christlicher Kirchen zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehen.

Dabei stehen Lutheraner keineswegs allein. Baptisten, Methodisten, Mennoniten und Katholiken, Orthodoxe und Anglikaner stellen eine extremistische Minderheit auf Seiten Israels einer gemäßigten Minderheit auf Seiten der Palästinenser gegenüber. Sie reißen Bibelstellen aus ihren Zusammenhängen und blasen Unrecht, das in Israel wie in jedem anderen Land geschieht, über die Maßen auf – verschweigen gleichzeitig aber arabischen Judenhass, der viel mehr Ursache für die Gründung des Staates Israel ist, als eine Wirkung derselben.

Ausschlag gebend für die Stellungnahme der Kirche von Schottland, die in dieser Ausgabe des IsraelReport analysiert wird, sind nicht etwa Aussagen der Bibel, sondern „die aktuelle Politik Israels“. Sie spielt Aspekte der biblischen Landverheißung – die Bedingungslosigkeit der Zusage, die Verantwortung, die daraus für den Menschen erwächst, und ihre weltweite Perspektive – auf polarisierende Weise gegeneinander aus, anstatt sie komplementär als unterschiedliche Seiten des Heilsplans Gottes zu sehen. So wird zum „Schwanz“, was als „Kopf“ gedacht war (vgl. 5.Mose 28,13.44), oder – um das biblische Bild in moderne Sprache zu fassen: Die Institution Kirche, ursprünglich als Trendsetter gedacht, hechelt mehr schlecht als recht dem Zeitgeist hinterher.

Kirchenrat i. R. Dr. Hartmut Metzger, langjähriger Direktor der kirchlichen Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf, hat für uns das Ökumenische Beobachterprogramm EAPPI unter die Lupe genommen. Er befürchtet eine Entwicklung vom einst religiös, dann rassistisch hin zum heute politisch motivierten Judenhass. Dabei sind es uralte Muster, die neu aufbrechen. Unter dem Deckmantel der politischen Korrektheit sind die religiösen und rassistischen Denkmuster deutlich erkennbar.

Die größte Herausforderung für uns Christen in dieser Auseinandersetzung ist, ob wir tatsächlich leben, was wir als Proprium unseres Glaubens bekennen, nämlich, dass die Sünde in unserem Leben bewältigt ist. Wenn dem tatsächlich so wäre, müssten wir Schuld nicht unter den Teppich kehren.

Unbedachte Erstfassungen kirchlicher Verlautbarungen haben für diejenigen, deren Schuld getilgt ist, einen Vorteil: sie offenbaren eine Geisteshaltung. Was die Christenheit im Verhältnis zum jüdischen Volk heute braucht, sind nicht diplomatischer formulierte Verlautbarungen, sondern ein Umdenken, das von Herzen kommt.

Das wünsche ich uns allen!

Ihr Johannes Gerloff


[1] Englisches Original: Malcolm Lowe, “Is the Lutheran World Federation Praying for Israel to Disappear?” April 10, 2013 at 5:00 am, http://www.gatestoneinstitute.org/3661/lutherans-israel, oder auf Deutsch: ders., „Betet der Lutherische Weltbund für Israels Verschwinden?“ 24. Mai 2013 – AudiaturOnline, http://www.audiatur-online.ch/2013/05/24/betet-der-lutherische-weltbund-fuer-israels-verschwinden/ (31.05.2013).

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