Juden ja – Zionismus nein? Überlegungen zur Existenzberechtigung des Staates Israel

  • Mai 19, 2003
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Antisemitismus ist out. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gab es nicht wenige Europäer, die sich stolz und in aller Öffentlichkeit selbst als Antisemiten bezeichneten. Das wagt heute kaum mehr ein wenigstens halbwegs intelligenter Zeitgenosse. Philosemitismus ist Mode. Wer Hebräisch lernt, wird bewundert. Niemand behauptet mehr im Ernst, man könne die Heilige Schrift ohne ihren jüdischen Hintergrund verstehen. Davidsstern und Menorah gehören unübersehbar zum Bild christlicher Gemeinden in der westlichen Welt.

Unbestritten hat das Deutschland nach Auschwitz eine Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk. Mittlerweile erkennen immer mehr Christen weltweit, dass der Holocaust zwar in seiner Intention und Durchführung einzigartig ist, letztendlich aber erst auf dem Hintergrund einer zutiefst antijüdischen christlichen Theologie und durch das gleichgültige Schweigen der Weltöffentlichkeit möglich wurde. Zweitausend Jahre Kirchengeschichte haben einen tiefen Graben zwischen das jüdische Volk und die christlichen Kirche gerissen.

Versöhnung ist das Mandat der Gegenwart. Deshalb wird historische Aufklärung staatlich gefördert. Bei Gedenkfeiern für die Opfer des Nationalsozialismus durch Abwesenheit zu glänzen, kann sich kaum ein Vertreter aus Europas Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft leisten. Der Israel-Sonntag ist fester Bestandteil des Kirchenjahres. Tausende haben viel Zeit, Kraft und Geld investiert, um auf unterschiedlichen Versöhnungswegen Juden und Muslime um Vergebung für christliche Gräueltaten zu bitten. Antisemitismus ist out – und das ist gut so!

Ganz genauso out ist allerdings, sich Zionist zu nennen. Wer heute seiner Begeisterung für den Staat Israel Ausdruck verleiht, sieht sich meist gedrungen, im Nachsatz zu beteuern: Das bedeutet aber nicht, dass ich deshalb etwas gegen die Palästinenser hätte! Tatsächlich macht Zionismus auch eine Araberfeindschaft in keiner Weise notwendig. Aber, ein umgekehrter Bekenntnisdrang zum Existenzrecht des Staates Israel auf seiten der Palästina-Fans ist mir bislang nicht aufgefallen. Er wird öffentlich auch kaum eingefordert.

Nur wenige rechtsextreme Israel-Fans bekennen sich offen zu einem grundsätzlichen Recht des jüdischen Volkes, im Kernland Israels zu siedeln, wobei dies ein Wohnrecht von Arabern in dieser Gegend nicht einmal in Frage stellte. Offen propagiert die überwältigende Mehrheit der Kirchen eine ethnische Säuberung von über 200.000 Juden aus dem historischen Judäa und Samaria als Lösung des Nahostkonflikts. – Wehe dem, der eine ähnliche Lösung für das Problem von israelischen Arabern, die offen ihrem Judenhass Ausdruck verleihen und sich gegen die Existenz eines jüdischen Staates Israel aussprechen oder gar aktiv am Freiheitskampf der Palästinenser beteiligen, auch nur zu denken wagt.

Um des Friedens willen sollte sich das jüdische Volk mit dem Galiläa der Heiden und der Küstenebene, in der Bibel als Philisterland und Syrophönizien bezeichnet, begnügen. Die Mehrheit des Weltchristentums befürwortet eine Internationalisierung Jerusalems als Stadt der drei monotheistischen Weltreligionen. Wer sich offen für Jerusalem als ewiger und unteilbarer Hauptstadt des Staates Israel ausspricht, gilt als christlicher Zionist – und so lässt sich kein offizieller Kirchenvertreter gern beschimpfen.

Aus dem evangelikal-pietistischen Lager ist zu hören, der Staat Israel sei eine rein politische Größe ohne theologische Qualität und lediglich ein Produkt europäisch-amerikanischer Machtpolitik. Pfingstlich-charismatische Leiter weichen gerne auf den Missionsauftrag aus, wenn sie es denn tatsächlich wagen, sich öffentlich auf Israelkonferenzen zu zeigen. Prominente amerikanische Judenchristen sehen sich über den Vorwurf des Antisemitismus erhaben und sagen, was sie denken: Die jetzige Rückkehr des jüdischen Volkes ins Land Israel endet in einem Massaker, das den Holocaust als Kinderspiel erscheinen lässt.

Dass die Welt des Islam ein Problem mit der Existenz Israels hat, ist nicht zu übersehen. Nicht wenige Anhänger des Islam sehen aber das Recht der Juden im Land Israel zu wohnen, im Koran verankert. In Sure 5,21 werden die Israeliten beispielsweise aufgefordert: „Tretet ein in das heilige Land, das Allah euch bestimmt hat!“ „Wir [Allah] gaben dem Volk, das [in Ägypten] unterdrückt war, die östlichen und westlichen Gegenden des Landes [d.h. die Ostbank und die Westbank des Jordan] zum Erbe, [das Land,] das wir gesegnet haben“, stellt der Koran in Sure 7,137 fest.

Problematisch ist allerdings die Herrschaft von Juden über Muslime. Unannehmbar ist aus islamischer Sicht, dass sich Muslime auf islamischem Boden nicht-islamischem Recht beugen müssen. Nicht dass Juden im Land Israel wohnen ist der Pfahl im Fleisch des Islam – jahrhundertelang haben Juden als „dhimmi“, das heißt „Schutzbefohlene“ oder Menschen zweiter Klasse, in islamischen Ländern mehr oder weniger friedlich existiert –, sondern dass Juden über Muslime herrschen. Deshalb ist es gemäßigten Muslimen auch durchaus möglich, den Staat Israel anzuerkennen. Problematisch ist ihnen lediglich der jüdische Charakter dieses Staates – und damit stehen die Anhänger des Propheten Muhammad nicht etwa allein.

In Europa und Nordamerika wagt heute niemand mehr, das Existenzrecht Israels grundsätzlich anzuzweifeln. Das eines explizit jüdischen Staates im ansonsten islamisch dominierten Nahen Osten zu postulieren, ist dagegen etwas ganz anderes. In Oslo, dem Ursprungsort des gleichnamigen politischen Prozesses, war schon vor Jahren unter der Hand zu hören, dass Israel aufhören müsse ein Judenstaat zu sein, um ein „Staat für alle seine Bürger“ zu werden. Nur so könne Frieden werden meinten Mitinitiatoren des Prozesses, der bislang noch unter Beweis zu stellen hat, dass er etwas mit Frieden zu tun hat. Die islamische Bewegung in Israel träumt bei der Formulierung vom „Staat für alle seine Bürger“ denn auch ganz unverhohlen von einer absehbaren Islamisierung Israels aufgrund der höheren Geburtenrate auf seiten der Muslime.

In Israel selbst macht heute die Rede vom Post-Zionismus die Runde. Dass Israel ein Volk in seiner Mitte unterdrückt, um den Traum von der eigenen Unabhängigkeit im Land der Väter zu verwirklichen, ist vielen Israelis peinlich. Außerdem fürchten sich säkulare Juden vor einem Rabbinerstaat. Der Vergleich mit dem Iran der Ayatollahs taucht immer wieder auf. Messianische Juden schlagen sich bei der Wahl zwischen orthodox und säkular meist auf die Seite der Befürworter eines „demokratischen Staates für alle seine Bürger“, weil sie von orthodoxen Juden als Bedrohung der jüdischen Identität betrachtet und oft auch so behandelt werden.

Von Christen aus Deutschland wird der jüdische Staat Israel offen als Apartheidsstaat verunglimpft. Dass die Apartheid in den islamischen Staaten und ihren Gesellschaften, zu denen auch die Palästinensische Autonomie gehört, nicht in gleicherweise beanstandet wird, fällt ebenso wenig auf, wie die Tatsache, dass Israel der einzige Staat im Nahen und Mittleren Osten ist, in dem ein Religionswechsel ohne staatliche Repressalien möglich ist. In islamischen Staaten wird der Abfall vom Islam nicht selten mit dem Tode bestraft. Und haben Muslime in Europa wirklich de facto dieselben Rechte und Möglichkeiten, wie ihre christlichen Mitbürger?

Seit mehr als einem halben Jahrhundert ringt Israel darum, seinen demokratischen und gleichzeitig seinen jüdischen Charakter zu prägen und zu bewahren. Niemand – auch in Israel nicht – zweifelt daran, dass dies keine leichte Aufgabe ist. Diskussionsbeiträge von außen werden, meiner Erfahrung nach, gerne aufgenommen. Aber viel Kritik am jüdischen Staat erinnert an das Beispiel Jesu vom Splitter im Auge des Bruders und vom Balken im eigenen Auge, ganz abgesehen davon, dass Nichtjuden in der Regel wenig Verständnis dafür aufbringen, dass Israelis sich einen spezifisch jüdischen Staat wünschen.

Das Gespenst eines Staates Israel, in dem Juden (wie sonst überall in der Welt) wieder in der Minderheit sind, prägt alle Bereiche des täglichen Lebens im Judenstaat. Deshalb bekämpfen orthodoxe Juden die Einrichtung einer zivilen Ehe – um nur einige Beispiele zu nennen. Deshalb haben Christen in Israel Visumprobleme. Deshalb fordert die Regierung Scharon als Vorbedingung für ein Akzeptieren des neuen „Friedensfahrplans“, der sogenannten „Roadmap“, dass die Palästinenser ihre Forderung nach einem Rückkehrrecht in den Staat Israel aufgeben und das Recht Israels als jüdischer Staat zu existieren anerkennen.

Die Heilige Schrift bezeugt eine „Dreieinigkeit“ von Volk, Gott und Land. Echter Friede ist auf dieser Erde nur vorstellbar, wenn das Volk Israel in Harmonie mit dem Gott Israels im Land Israel lebt. Untrennbar bindet sich der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs an das jüdische Volk und das Land zwischen Jordan und Mittelmeer. Von Anfang an ist die Nachkommensverheißung mit der Landverheißung verbunden (vergleiche 1. Mose 12,1-3). „Wie das Volk“, so der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber, „um sein volles Leben zu gewinnen, des Landes bedarf, so bedarf das Land des Volkes, um sein volles Leben zu gewinnen.“

Sobald eine der Seiten des Dreiecks Volk-Gott-Land gestört ist, werden auch die beiden anderen Seiten beeinträchtigt. Wenn die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk zerbricht, wird das Volk aus dem Land entfernt. Der Segen Gottes weicht vom Land und es verödet (vergleiche zum Beispiel 5. Mose 11,16-17 oder Jesaja 6,8-13). Sobald sich allerdings Gott seinem Volk wieder zuwendet, kehrt das Volk in sein Land zurück und beginnt auch das Land wieder aufzublühen (siehe zum Beispiel Jeremia 31-33).

Der Zerbruch der Beziehung zwischen dem jüdischen Volk und seinem Gott, wie Jesus ihn wiederholt andeutet (zum Beispiel in Matthäus 23,37-38), hat notwendigerweise eine Zerstörung des Tempels, eine Verwüstung des Landes und auch die Ausrottung des Volkes aus dem Land zur Folge – auch wenn die Zerstreuung Israels in alle Welt dort nicht explizit erwähnt wird. Die vom Neuen Testament (zum Beispiel in Römer 11,15) vorausgesagte Wiederannahme Israels geht deshalb mit der Rückkehr des Volkes in sein Land und dem Aufblühen des Landes einher.

Dass „Palästina“ jahrhundertelang ein unwirtliches Land der Wüsten und Sümpfe war, ist kein Zufall, sondern die natürliche Folge der Entwurzelung des Volkes Israel aus dem Land Israel. Wenn das Israelland heute wieder aufblüht, deutet das umgekehrt an, dass sich auch in der Beziehung zwischen Gott und seinem Volk etwas tut.

Das jüdische Volk ist ohne sein Land – oder wenigstens die Hoffnung auf eine Rückkehr dorthin – so undenkbar wie ohne seinen Gott. Wenigstens dreimal täglich, nach jeder Mahlzeit, beten orthodoxe Juden in aller Welt seit Jahrtausenden: „Baue Yerushalayim, die heilige Stadt, schnell in unseren Tagen!“ Der Prophet Daniel hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, weil er dreimal am Tage am offenen Fenster in Richtung Jerusalem betete. Der gesamte Tagesablauf gläubiger Juden, alle Gottesdienste, der Jahreszyklus und die biblischen Feste des Judentums sind geprägt von der Sehnsucht nach Jerusalem. Wo immer Juden im Laufe der Jahrhunderte Zion vergaßen, hörten sie nach wenigen Generationen auf, Juden zu sein.

Dass wir als Christen heute vielfach ein Problem mit der Landverheißung haben, ist ein grundsätzliches hermeneutisches Problem. Über der Frage „Wo steht das im Neuen Testament?“ wird übersehen, wie das Neue Testament selbst argumentiert und denkt. Selbst zentrale Fragen, wie die, ob Jesus denn wirklich der Messias sei, müssen nach neutestamentlichem Denken vom Alten Testament her bewiesen werden (wie zum Beispiel in Apostelgeschichte 18,28), weshalb auch Martin Luther feststellen konnte, dass das Neue Testament nichts anderes ist „denn ein öffentliche Predigt und Verkündigung der Sprüche, im Alten Testament gesetzt und durch Christum erfüllet“.

Deshalb ist die Frage der Jünger wenige Minuten vor der Himmelfahrt Jesu, nachdem sie die Lösung des Beziehungsproblems zwischen dem jüdischen Volk und seinem Gott erkannt hatten, nur folgerichtig: „Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?“ (Apostelgeschichte 1,6). Und Jesus korrigiert ihr Ansinnen auch nicht. Er zeigt ihnen nur auf, was bis zu seiner Wiederkunft ihr Auftrag sein wird, denn „es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen“ (Matthäus 24,14).

Jesus hatte seine Jünger gelehrt: „Wahrlich, ich sage euch, bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen von der Tora, bis es alles geschieht“ (Matthäus 5,18). Im Anschluss an diese Aussage Jesu erklärte der Apostel Petrus seinen Zeitgenossen denn auch, dass Jesus solange in den Himmel aufgefahren ist, „bis zu der Zeit, in der alles wiedergebracht wird, wovon Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von Anbeginn“ (Apostelgeschichte 3,21).

Die Landverheißung gehört vom ersten Buch der Heiligen Schrift an zu den „Charismata“, die Gott seinem Volk verliehen hat und die „ihn nicht gereuen“ können (Römer 11,29). Die Landverheißung und die damit verbundene Hoffnung des jüdischen Volkes auf eine Heimkehr nach Zion gehört zu den zentralen Themen der Heiligen Schrift. Auch wenn vieles im Blick auf die konkrete Verwirklichung dieses Traumes offen bleibt, kann die Existenz des jüdischen Volkes ohne diese Hoffnung nicht verstanden werden.

Wenn das Neue Testament die Landverheißung wirklich aufgehoben hätte, müsste das ausdrücklich bezeugt sein. Solange dies nicht der Fall ist, liegt die Beweispflicht bei denen, die Zionismus und Judentum voneinander trennen wollen. Und solange sie diesen Beweis nicht erbracht haben, liegt der Verdacht nahe, dass „Antizionismus“ lediglich eine neue Variante des uralten Phänomens ist, das seit dem 19. Jahrhundert als „Antisemitismus“ bezeichnet wird.

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