So ähnlich muss es ausgesehen haben, als die Stämme Israels zu den Wallfahrtsfesten nach Jerusalem zogen: Viele fröhliche, tanzende, singende junge Menschen, aber auch Alte, Familien mit kleinen Kindern und sogar Behinderte. Ein Strom von Menschen, der nicht aufhört. Sechzigtausend Besucher sollen es nach offiziellen Angaben gewesen sein, die am 24. Mai am Flaggen-Umzug zur Feier der Wiedervereinigung Jerusalems teilgenommen haben.

Seit Jerusalem vor fünfzig Jahren im Sechstagekrieg erobert wurde, wird der Jerusalem-Tag gefeiert. Noch nie in seiner Geschichte haben so viele jüdische Menschen die Altstadt auf ihrem Weg zu Klagemauer überflutet. Der fröhliche Gesang der Talmud-Schule „Bnei Akiwa“ „HaGoel Bah LeZion“ – „Der Erlöser kommt nach Zion“ – wurde übertönt von den Lautsprecheransagen der Organisatoren: „Frauen gehen durchs Jaffa-Tor, Männer durchs Damaskus-Tor!“

Das Blauweiß der israelischen Fahnen und der Bekleidung der zionistischen Teilnehmer, die teilweise in Fahnen gehüllt waren, verdrängte das Schwarzweiß der ultraorthodoxen Juden. Es war ein fröhliches Miteinander. Unzählige Fotos wurden gemacht, gemeinsam mit den Soldaten, die für die Sicherheit sorgten und auf die das Volk Israel so stolz ist.

Nur eine kleine Gruppe konnte sich nicht mitfreuen, sondern stand mit ernsten Mienen, vielen schwarzen Luftballons und lila Transparenten da. Es waren linke Israelis, teilweise von der Meretz-Partei, die proklamierten: „Jerusalem gehört uns allen!“, „Schalom Israel Palästina“, „Jerusalem gegen den Holocaust Umzug!“, „Keine Heiligkeit in einer okkupierten Stadt“ und „Bis wann Juni 67?“

Die meisten Teilnehmer bemerkten diese Gruppe gar nicht. Ein paar Jugendliche fühlten sich durch ihre Transparente provoziert und begannen, in ihre Richtung zu singen. Ihre gesungene Kritik galt aber eher Regierungschef Benjamin Netanjahu. Die Polizei hatte sofort um die linken Demonstranten auf der Treppe der Rathauses Sperren aufgestellt, hinter denen sie von vielen fröhlichen Teilnehmern des Umzuges verdeckt mit Ausdauer standhaft blieben.

Auch andere vereinzelte Menschen suchten den Anlass zu nutzen, um ihre Botschaft an den Mann zu bringen. So trug ein Mann eine riesige Fahne mit dem Bild des Tempels und der Aufschrift: „Und macht mir einen Tempel!“ Eine kleine Gruppe von Christen aus ganz verschiedenen Ländern trugen ein großes Transparent mit der Aufschrift: „Internationaler Marsch der Solidarität für ein vereinigtes jüdisches Jerusalem“. „Wir stehen zu Euch!“ Darüber wehten ein paar bunte nicht israelische Fahnen. Hochgehalten wurde auch eine mit der israelischen Fahne zusammengenähte deutsche Flagge.

Die Bewegung Richtung Altstadt hatte schon am frühen Nachmittag angefangen, weil das David-Turm-Museum seine Tore für die Öffentlichkeit aufgemacht hatte. Dieses einzigartige Museum der Geschichte Jerusalems hat viele Ausgänge auf diverse Terrassen, Dächer und den hohen Turm. Von dort gibt es die vielleicht beste Sicht auf Jerusalem und den Tempelberg. Dort ganz oben stellten ein paar Schauspieler König Herodes und seine Familie dar. Herodes brüstete sich all seiner Bauten und war plötzlich verwundert über ein ganz anderes Gebäude auf dem Tempelberg.

Auf einem runden Dach etwas unterhalb hatte Sultan Saladin eine Chance sich seiner Bauten zu rühmen. Im Hof spielte das Andalusische Orchester israelische Lieder. Am Eingang beantwortete Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat unermüdlich Fragen und ließ sich mit jedermann fotografieren.

„Mensch Gadol! Mensch Gadol!“ brachte eine israelische Oma halb Jiddisch, halb Hebräisch ihre Bewunderung für Barkat zum Ausdruck: „Ein großer Mensch!“ Im jiddischen „Mensch“ liegt der Nachdruck auf der Menschlichkeit eines Menschen. Mit dem Spruch: „Bleib ein Mensch!“ haben sich Juden in der brutalen Nazi-Zeit gegenseitig ermutigt.

Die Einladungen zum Jerusalem-Tag waren selbstverständlich in drei Sprachen gedruckt: Hebräisch, Arabisch und Englisch. Arabische Bürger waren, falls sie überhaupt gekommen waren, nicht sichtbar. Das 50. Jubiläum der Wiedervereinigung Jerusalems war überwiegend ein jüdisches Fest begleitet vom Gesang der national-religiösen Jeschiwa Studenten. Auch zwischen dem Jaffa-Tor und dem David-Turm-Museum tanzte eine Gruppe fröhlich im Kreis und sang die Worte aus dem Propheten Jesaja: „Denn mein Bethaus wird ein Bethaus heißen für alle Völker!“

In seiner morgendlichen Ansprache hatte Staatspräsident Ruben Rivlin beanstandet, wie vernachlässigt die arabischen Viertel Jerusalems sind, und dass sie kein gutes Zeugnis für eine vereinigte Stadt seien. Am Abend bedankte sich Premierminister Benjamin Netanjahu in seiner Rede beim tschechischen Parlament, das diesen Jahrestag als Anlass genommen hatte, um seine Regierung aufzufordern, Jerusalem als die Hauptstadt Israels anzuerkennen.

Die Erwartungen, im Blick darauf, was in diesem Jahr noch geschehen wird, ist in manchen Kreisen sehr hoch. 1867 hatte Charles Warren das antike Wassersystem Jerusalems und dadurch die Davidsstadt entdeckt. Fünfzig Jahre später, 1917, wurde Jerusalem durch den britischen General Allenby nach 400 Jahren osmanischer Herrschaft erobert. Fünfzig Jahre danach wurde Ostjerusalem durch die israelische Armee von den Jordaniern erobert. Was wird noch einmal fünfzig Jahre später geschehen? Ist vielleicht die Zeit gekommen, dass die mit Israel befreundete Länder ihre Botschaften von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen?