„Messianische Juden“ (Jehudim Meschichim) nennen sich heute viele Juden in Israel, die an Jesus als ihren Messias und Herrn glauben. Wie immer im Verlauf der vergangenen zweitausend Jahre gibt es einige Juden, die in christlichen Gemeinden und Kirchen leben und sich nicht als „messianische Juden“ bezeichnen. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es auch Juden, die zwar an Jesus als Messias Israels glauben, aber weiter in ihren orthodox-jüdischen Gemeinden leben und sich deshalb nicht als „messianische Juden“ bezeichnen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen Missionare aus Europa ins Heilige Land, das damals noch unter osmanischer Herrschaft stand. Darunter waren auch Jesus-gläubige Juden, die teils zur katholischen Kirche, teils zu protestantischen Kirchen gehörten. Die hebräischen Katholiken haben heute in Israel Gemeinden, die ihre Messe auf Hebräisch halten. Neben Gemeinden, die sich beispielsweise zu den Anglikanern, Lutheranern, Baptisten oder Brüdergemeinden gehalten haben, sind auch unabhängige messianische Gemeinden entstanden.

Früher wurden Juden, die zum Glauben an Jesus gekommen waren im englischsprachigen Bereich „Hebrew Christians“ (hebräische Christen) genannt, und im deutschsprachigen Raum „Judenchristen“. Außerdem gab es die Bezeichnung „Christian Israelites“ (christliche Israeliten).

Der Begriff „messianische Juden“ taucht im hebräischen Namen einer Organisation auf, die zur Zeit des britischen Mandats Palästina gegründet wurde. Die englische Bezeichnung „Hebrew Christian Fellowship in Palestine“ (Gemeinschaft der hebräischen Christen in Palästina) wurde auf Hebräisch mit „Chevrat HaAchva Arzi Jisraelit LeJehudim Meschichim“ (Israelische Landesgemeinschaft für messianische Juden) wiedergegeben. Der Vergleich der beiden Bezeichnungen spricht Bände. Aus den hebräischen Worten spürt man die Verbindung zum jüdischen Volk und die Liebe zum Land Israel.

Der Ausdruck „Christus“, der vom griechischen „Christos“ (der Gesalbte) in viele Sprachen übergegangen ist, hat für Juden einen heidnischen Klang. Das Wort „Messias“ dagegen, im Hebräischen „Maschiach“ ausgesprochen, das ebenfalls der „Gesalbte“ bedeutet, ist ein Begriff, der Juden vertraut ist. Auf den verheißenen Messias wartet das ganze Volk Israel. Deswegen spürt man aus dem Gebrauch des Begriffes „messianische Juden“ anstelle von „hebräische Christen“ oder „Judenchristen“ eine tiefere Verbindung mit dem eigenem Volk und seinem Glauben. „Jesus Christus“ erscheint fremd, griechisch  und heidnisch. „Jeschua HaMaschiach“ vertraut und jüdisch.

Das Neue Testament beginnt mit den Worten: „Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“. Im Laufe der Geschichte wurde aus „dem Sohn Davids, dem Sohn Abrahams“ ein „Sohn der christlichen Kirche“, der gänzlich von seinem israelischen Volk getrennt ist. Ein unbestrittener Beitrag der messianischen Juden ist, dass sie die biblische Ursprache und damit biblisches Denken ins christliche Leben zurückbringen und den Messias Jeschua nach Israel.

In den heutigen messianischen Gemeinden in Israel, aber offensichtlich auch in Amerika, Russland, Deutschland und anderen Ländern, sind nicht nur Jesus-gläubige Juden Mitglieder, sondern auch ihre nicht jüdischen Partner, Kinder aus gemischten Ehen, sowie Christen, die in irgendeiner Weise jüdische Wurzeln haben und Christen, die keine jüdische Wurzeln haben.

In Israel nennen sich die Glieder messianischer Gemeinden, die keinen jüdischen Ursprungs haben, sich aber mit der messianisch jüdischen Gemeinschaft identifizieren, einfach „Messianische“, ohne den Begriff „Juden“. In messianischen Gemeinden ist mehr oder weniger bekannt, wer jüdischer Abstammung ist. Darüber wird aber kaum geredet und nichtjüdische Mitglieder sind gleichberechtigt in allen Bereichen des Gemeindelebens bis in Leitungspositionen beteiligt. Die messianischen Gemeinden sind Orte, wo wirklich der Zaun der Feindschaft zwischen Beschnittenen und Unbeschnittenen abgebrochen ist (vergleiche Epheser 2,11-14).

Von außen gesehen erinnern die messianischen Versammlungen an Gemeindeveranstaltungen evangelikaler oder charismatischer Christen. Sie finden aber am biblischen „Schabbat“, also am Samstag oder sogar am Freitagabend statt. Christen, die in diesen Gemeinden leben, haben kein Problem auf Grunde der Bibel und auch des Neuen Testament den „siebten Tag“ als Ruhetag zu heiligen. Im Gegenteil, sie schätzen die „schabbatliche“ Ruhe sehr.

Heute lebt im Staat Israel schon die vierte Generation messianischer Juden. Ihnen kommt gar nicht in den Sinn, dass sie am Sonntag in die Kirche gehen sollten. Aus praktischen Gründen wäre das auch gar nicht möglich. Der Sonntag ist der erste Tag der Woche, an dem man in Israel arbeitet und zu Schule geht, weil mit ihm die Arbeitswoche beginnt.

Messianische Juden feiern weder Weihnachten noch Ostern, dafür aber die biblischen Feste Pessach, Schawuot, Sukkot, Chanukka und Purim. Die neugeborenen Jungen werden acht Tage nach der Geburt beschnitten, und zwar auch, wenn nur der Vater jüdisch ist, die Mutter aber Christin. Dadurch nähern sie sich dem biblischen Verständnis der Familiennachfolge nach dem Vater. Im orthodoxen Judentum gilt nur der als Jude, der eine jüdische Mutter hat, oder zum Judentum konvertiert ist. Getauft wird bei messianischen Juden in der Regel in einem Alter, wenn sich ein Mensch bewusst entscheiden und seinen Glauben auch bekennen kann. Am Abendmahl nehmen aber in vielen Gemeinden die ganze Familien, also auch die kleinen Kinder, teil.

Manche Gemeinden achten mehr auf jüdische Traditionen, singen traditionelle jüdische Gebete, haben einen Thoraschrein und Thorarolle, benutzen Gebetsschals und zünden am Schabbat die Kerzen an. Sonst werden kaum Symbole und schon gar keine Statuen im gottesdienstlichen Rahmen benutzt. Gegen Kreuze sind messianische Juden aufgrund der Judenverfolgungen durch Christen sehr empfindlich. Statuen und Bilder werden auch wegen des zweiten Gebots in der Regel nicht benützt. Juden haben zudem Vorbehalte gegenüber dem Weihnachtsbaum.

In der Regel wird im messianischen Gottesdienst nicht nur der Predigttext gelesen, sondern oft auch die Wochenabschnitte aus der Thora und den Propheten, die in den Synagogen gelesen werden. Hebräisch als Alltags- und Gottesdienstsprache ermöglicht die Textlesungen und Gesänge alter prophetischer Texte oder auch jüdischer Gebete in der Ursprache.

Es gibt in Israel auch Englisch, Russisch, Rumänisch oder Amharisch sprechende Gemeinden. In der zweiten Generation schließen sich die Kinder der Neueinwanderer in der Regel aber den hebräischen Gemeinden an.

Unter den Gläubigen der messianischen Gemeinden gibt es viele begabte Musiker. Ständig werden neue Lieder geschrieben. Viele von ihnen sind vertonte biblische Texte. Die messianisch-jüdische Allianz veranstaltet jedes Jahr Musikkonferenzen, auf denen die Komponisten ihre neuen Lieder vorstellen können. Die Besten werden dann in einem Konzert vorgestellt, das in den letzten Jahren dann auch als Liederbuch, CD oder DVD herausgegeben wird. Auch an diesen Produktionen nehmen neben messianischen Juden auch die nichtjüdischen Mitglieder der Gemeinden teil.

Während die „hebräischen Christen“ und die „Judenchristen“ noch kunstvoll ins Hebräische übersetzte Choräle oder Erweckungslieder sangen, singen die messianischen Gemeinden heute ganz original: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen! Amen!“ (Psalm 41,14); „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden“ (Psalm 126,1); „Gelobt sei der Herr aus Zion, der zu Jerusalem wohnt! Halleluja!“ (Psalm 135,21); oder mit dem Apostel Paulus: „Ich glaube, dass ganz Israel gerettet wird!“ (Römer 11,26). Die messianischen Gesänge klingen in Jerusalem sehr aktuell.

Messianische Gemeinden sind grundsätzlich offen für jeden. Touristenbesuche werden aber nicht selten als problematisch empfunden, besonders wenn Gemeindeglieder selbst keinen Sitzplatz mehr finden, weil die Touristen im Gegensatz zu den Gemeindegliedern pünktlich zum Gottesdienstbeginn da waren.

Zu den christlichen Kirchen haben die meisten messianischen Juden eine eher zurückhaltende Beziehung. Christen, die mit ihnen leben, halten sie für gleichberechtigte Geschwister im Glauben. Aber „Christen“, „Kirchen“ „Weihnachten“, „Ostern“ und allem, was damit assoziiert wird, begegnen Juden eher misstrauisch. Das gilt auch für messianische Juden.

Orthodoxe Juden halten den christlichen Glauben und das Judentum für absolut unvereinbar. Das geht so weit, dass aus jüdischer Sicht bis heute einem Juden, der sich zu Jesus als seinem Messias bekennt, seine jüdische Nationalität abgesprochen wird. Im Judentum sind Religion und Volkszugehörigkeit nicht so einfach zu trennen, wie das im Christentum möglich ist. Das kann messianischen Juden, die heute in den Staat Israel einwandern wollen, Schwierigkeiten bereiten.

Die Mehrheit der orthodoxen Juden kennt messianische Juden nicht und weiß auch nicht, dass es heute Tausende von Israelis gibt, die an Jeschua als ihren Messias glauben, dabei aber die religiöse christliche Kultur nicht angenommen haben. Nachdem die Antimissionsliga „Jad LeAchim“ messianische Juden jahrelang in ihrer Zeitschrift angegriffen hat, wehren sich diese heute im Internet entschieden gegen die Beschuldigungen der Orthodoxen. Sie erklären, dass sie ihre jüdische Identität in keiner Weise verlieren, wenn sie an den jüdischen Messias Jeschua glauben.

Jeschua selbst wurde am achten Tag beschnitten und als erstgeborener Sohn, wie in der Bibel gefordert, ausgelöst. Er hat den Schabbat und die biblischen Feste gehalten. Durch ihre Selbstbezeichnung „messianische Juden“ betonen sie, dass es möglich ist, an Jesus zu glauben und gleichzeitig Jude zu sein. Ihr Glaube bedeutet aus messianisch-jüdischer Sicht kein Übertritt zu einer anderen Religion und schon gar nicht die Aufgabe ihrer jüdischen Nationalität. So gibt es nach Zweitausend Jahren wieder Juden im Land Israel, die an den Messias Jeschua glauben und im Rahmen der jüdischen Kultur leben, die den Staat Israel charakterisiert.