Plötzlich rumpelt es hinter mir. Ich drehe mich um von dem mit Mandeln, Nüssen, Kernen und Trockenfrüchten beladenen Tisch, der für den Schuk Mahaneh Jehudah so typisch ist. Unmittelbar hinter mir liegt ein Mann auf dem Boden. Über ihm kniet ein anderer, der gerade aus der Gesäßtasche eine Stoffmütze zieht auf der in leuchtenden hebräischen Buchstaben „Mischtarah“ steht, „Polizei“. Ein weiterer Polizist in Zivil steht daneben. Auf dem Boden rollt ein Schraubenzieher.

Mir bleibt keine Zeit, Fragen zu stellen. Schnell ziehen die beiden Beamten den Überwältigten vom Boden hoch, drängen ihn in eine Seitengasse, bombardieren ihn mit Fragen. Mich würdigen sie keines Blickes. Wollte mir dieser Mann den Schraubenzieher in den Rücken stoßen? Oder war er nur ein unvorsichtiger Kunde, der das gekaufte Werkzeug offen in der Hand getragen hatte, anstatt es in eine Tasche zu stecken? Die Aufmerksamkeit der beiden Polizisten wurde ihm jedenfalls zum Verhängnis.

Die Stimmung in Israel ist angespannt, gereizt. Seit etwas mehr als einem Jahr machen Palästinenser ihrer Wut auf Juden mit ganz normalen Alltagsgegenständen Luft: Messer, Scheren, Schraubenzieher, Äxte. Mehrfach sind Autos in Menschenmengen hineingerast. Steinwürfe gehören in arabischen Siedlungsgebieten wieder zum Alltag. In letzter Zeit kommen auch wieder vermehrt Schusswaffen zur Anwendung.

Israel schützt Bus- und Straßenbahnhaltestellen mit Betonquadern. Die Präsenz von Polizei und Soldaten in der Öffentlichkeit wurde deutlich erhöht. Waffenbesitzer sollen ihre Schusswaffen bei sich tragen. Wer irgendwann einmal eine Ausbildung an der Waffe erhalten hat, wird ermutigt, einen Waffenschein zu beantragen. Die strikten Regeln, wann eine Schusswaffe zum Einsatz kommen darf, wurden gelockert.

Politiker meiden den Begriff „Messer-Intifada“, reden lieber von einer „Terrorwelle“. Sicherheitsexperten mühen sich die Ratlosigkeit zu verbergen. Klar ist, dass die jahrelange Hetze in der palästinensischen Öffentlichkeit Früchte trägt. Wirtschaftliche und politische Zustände können aus israelischer Sicht kaum wirkungsvoll verändert werden. Es sind keine Terrororganisationen, die in letzter Zeit aktiv werden, sondern Einzeltäter, die spontan zum Messer oder zur Schere greifen und zustechen. Zudem sind es weniger Palästinenser von der anderen Seite der Mauer, sondern die aus Ostjerusalem, die einen israelischen Personalausweis haben, und sogar Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft. Dagegen gibt es kaum nachrichtendienstliche oder polizeiliche Mittel.

Neu an der jüngsten Welle der Gewalt im israelisch-palästinensischen Konflikt ist die Rolle der sozialen Netzwerke. Hautnah werden Terroranschläge von der ganzen Bevölkerung miterlebt. Jugendliche sind über Facebook, Twitter und WhatsApp oft schneller informiert als Polizei, Rettungskräfte oder Journalisten. Der „Terror“, der „Schrecken“, verbreitet sich ungefiltert und ungebremst. Es gibt Israelis, die sich nicht mehr auf die Straße trauen, kaum noch die vertrauten vier Wände der eigenen Wohnung verlassen. Wer in Tel Aviv oder Haifa wohnt, meidet aufgrund der Schreckensgerüchte Jerusalem.

Mit einfachsten Mitteln lassen sich Juden in Angst und Schrecken versetzen. Das sehen junge Palästinenser in den sozialen Netzwerken. Israelische Terrorexperten wissen aus Verhören: Es kann die enttäuschte Liebe, der Streit mit der Mutter oder die entwürdigende Bemerkung des Vaters sein, die einen Teenager zu drastischen Mitteln treibt. Facebook oder Twitter lehren: Mit einfachsten Mitteln kannst Du in wenigen Minuten zum Nationalhelden werden. Ganz gleich, wie ein Spontananschlag ausgeht, die Bewunderung durch einen Großteil der palästinensischen Gesellschaft und die Anerkennung durch die Palästinensische Autonomiebehörde sind gewiss.

Kann man jetzt noch ins Heilige Land fahren? – Die Tourismusbranche verzeichnet nach Rekordjahren massive Einbrüche, besonders bei Besuchern aus Nordamerika und Europa. Dabei sind die Hauptleidtragenden interessanterweise Palästinenser, die bereits Milliardeneinbrüche im Tourismusgeschäft melden. Heiliglandpilger aus Nigeria, Russland, China oder Singapur scheinen das Lebensgefühl der israelischen Gesellschaft und die Angst der westlichen Welt wenig zu beeindrucken. Sie kommen – und fast alle Israelreisenden der vergangenen Wochen bekommen vom „Facebook-Terror“ nichts mit.

Die Gefühle sagen: Wahllos werden Menschen niedergestochen. Tatsache ist jedoch, dass die überwältigende Mehrzahl der Opfer klar als Juden identifizierbar war. Überproportional viele sind israelische Wehrdienstleistende in Uniform und Menschen, die äußerlich, etwa durch ihre Kleidung, als Juden erkennbar sind. Touristen – vor allem, wenn sie als Reisegruppen auftreten – sind in keiner Weise Ziele des gegen Israel und das jüdische Volk gerichteten palästinensischen Terrors.

Außerdem stellt sich die Frage, ob gerade durch die sozialen Netzwerke und das besondere Interesse, das Israel weltweit genießt, die Sicherheitslage im Heiligen Land nicht überproportional aufgeblasen wird. Nur zum Vergleich: In Frankreich fielen 2015 dreimal so viele Menschen dem islamistischen Terror zum Opfer, wie in Israel. Es gab mehr als doppelt so viele Verletzte. Wird deshalb diskutiert, ob man noch nach Frankreich fahren kann? Und: Während in Israel 2015 49 Menschen ihr Leben durch Terror verloren, starben im Vergleichszeitraum 3.450 Menschen im deutschen Straßenverkehr. Sollte man deshalb davon abraten, nach Deutschland zu fahren? Proportional zur Gesamtbevölkerung gesehen ist das Autofahren in Israel übrigens ungefähr genauso lebensgefährlich, wie die Verkehrsbeteiligung in Deutschland – und die Wahrscheinlichkeit, im Straßenverkehr ums Leben zu kommen, zehnmal höher als die durch Terror zu Schaden zu kommen.

In allen Bereichen des Lebens nehmen wir Risiken in Kauf. Deshalb stellt sich die Frage: Warum sollte man überhaupt nach Israel reisen? Was rechtfertigt das Risiko? – Richtig ist: Sonne, Strand und Meer, historische Ruinen oder einen vorgezogenen Frühling bekommt man im Umkreis von zwei, drei Flugstunden um Deutschland viel kostengünstiger. Warum also Israel?

Im 4. Buch Mose berichtet uns die Bibel in den Kapiteln 13 und 14 von einer der ersten organisierten Israelreisen. Die zwölf Reiseteilnehmer werden namentlich genannt. Sie sollten das Land erkunden, das Gott seinem Volk verheißen hatte – deshalb ordnen moderne Assoziationen sie eher unter Geheimdienstmitarbeitern, Agenten, Kundschaftern oder Spionen ein. Man könnte Josua und Kaleb, die wohl bekanntesten Teilnehmer der Reisegruppe, aber auch als die ersten Nahostkorrespondenten und die Kommission, die Mose von Kadesch Barnea ausgesandt hatte, als „Pressereise mit besonderem Rechercheauftrag“ bezeichnen. Heute sind die beiden Männer, die mit der überdimensionalen Weintraube von ihrem Auftrag zurückkehren, als Emblem des Tourismusministeriums in Israel allgegenwärtig. Deshalb bleibe ich einmal dabei, sie als erste organisierte Israelreise zu bezeichnen.

Die zwölf israelitischen Emissäre hatten nach ihrer Rückkehr viel Gutes zu berichten. Der alles entscheidende Satz für den Erfolg – oder besser: Misserfolg – dieser ersten Promotionstour wird dann aber in 4. Mose 13,32 überliefert: „Das Land frisst seine Bewohner!“ Der Prophet Hesekiel (Kapitel 36, Vers 13) bestätigt diese Analyse, die dem, was man heute über das Land hört, verblüffend gleicht. Interessanterweise wird die Richtigkeit dieser Darstellung an keiner Stelle in Frage gestellt. Zum Verhängnis für das Volk Israel wurde damals, dass sie diesen Aspekt zum entscheidenden Kriterium ihres Verhaltens erhoben. Letztendlich stellt sich im Blick auf das Land, das Gott in besonderer Weise erwählt hat, auch heute die Frage, wem wir die letzte Entscheidungskompetenz zugestehen: Presseberichten oder dem Wort Gottes.