Eine Weihnachtsgeschichte: Sag mal, Mirjam…

  • Oktober 31, 2018
L1030212 (1024x535)

Liebe Maria, wärst du bereit mir jetzt vor Weihnachten ein paar Fragen zu beantworten?

Ich werde deine Fragen gerne beantworten, aber nenne mich doch bitte Mirjam. Ich heiße Mirjam und mein Name bedeutet mir viel!

Kannst du mir das erklären?

Meine Eltern haben mir den Namen nach der Schwester unseres Vorfahren Mose gegeben. Und ich achte Mirjam sehr. Sie war schon als Kind sehr mutig und hatte ihren Bruder vor dem sicheren Tod gerettet. Damals lebte unser Volk in Ägypten und musste Sklavenarbeit verrichten. Die Ägypter und vor allem ihr König, der Pharao, waren sehr brutal. Pharao hatte angeordnet alle unsere neugeborenen Söhne zu töten. Deshalb wurde Mose von seiner Mutter drei Monate lang versteckt.

Ich denke nicht, dass Moses Mutter ein Engel erschienen ist, so wie mir, um ihr zu sagen, dass Mose einmal ein großer Führer unseres Volkes werden würde. Aber wie jede Mutter liebte sie ihn und wollte ihn schützen. Als sie ihn dann nicht länger verstecken konnte, gab Gott ihr die Idee, einen Korb für ihn zu machen und ihn in das Schilf am Ufer des Nils zu legen. Es hatte ihr fast das Herz gebrochen. Aber sie betete die ganze Zeit und hoffte, dass Gott durch irgendein Wunder das Kind bewahren würde.

Und dann ist die Tochter Pharaos mit ihrem Gefolge zum Fluss gekommen. Sie erblickte den Korb. Als sie sah, dass darin ein weinendes Kind unseres Volkes lag, tat es ihr leid. In dem Moment ging Mirjam mit großem Mut auf sie zu und fragte, ob sie ihr eine Amme besorgen solle. Wir wissen gar nicht, ob die ägyptische Prinzessin ihn wirklich behalten wollte. Aber Mirjam nutzte diesen Moment des Mitleides aus und stellte ihre Mutter als Amme vor.

Das ist wirklich eine interessante Geschichte. Haben dir deine Eltern erzählt, warum sie dir gerade diesen Namen gaben?

Natürlich! Eigentlich fängt die Geschichte unseres Volkes mit dem Auszug aus Ägypten an. Das alles geschah gerade durch Mose, seinen Bruder Aaron und ihre Schwester Mirjam. Der Herr selbst hatte bestimmt, das der Monat, in dem das passiert ist, der erste Monat im Kalender werden solle. Ich kann euch das jetzt nicht alles erzählen, aber auf meinen Namen bin ich sehr stolz. Außerdem stammt meine Familie aus dem Stamm Aarons, aus dem alten israelitischen Priestergeschlecht.

Warum hast du dich dann mit Josef, einem Mann aus der Familie Davids, und nicht mit einem Priester verlobt?

Das haben doch meine Eltern entschieden und nicht ich! Sie haben für mich Josef ausgewählt, weil sie ihn gut gekannt haben. Er war echt gläubig; wir nennen das „gerecht“. Das heißt, dass er nach Gottes Geboten lebte. Gleichzeitig war er sehr nett. Seine Art hatte etwas sehr Anziehendes. Als meine Eltern ihn vorgeschlagen haben, weil er an mir interessiert war, habe ich mich gefreut. Er hatte in Nazareth einen guten Ruf. Seine Familie stammte ursprünglich aus Betlehem. Er war ein Nachfahre unseres berühmten Königs David, der auch aus Betlehem war. Josef ist wegen seiner Arbeit nach Nazareth gekommen und hatte dort eine florierende Schreinerei aufgebaut. Er war fromm und geschickt. Und er hat auch nicht schlecht ausgesehen. Er hatte ganz schwarze, tiefe Augen, rabenschwarzes Haar und einen dunklen Bart.

Was bedeutete das also, dass ihr verlobt gewesen seid?

Das bedeutete, dass unsere Familien ausgemacht hatten, dass wir heiraten würden. Seitdem war dann klar, dass wir zusammengehörten. Aber wir hatten nicht viel Gelegenheit, einander zu sehen. Unser Gesetz ist sehr streng im Blick auf intime Beziehungen vor der Hochzeit. Die sind erst nach der Hochzeit möglich. Vergehen dagegen werden mit Steinigen bestraft.

Kannst du mir etwas über die Begegnung mit dem Engel Gabriel erzählen?

Bevor ich dir das erzähle, muss ich wieder etwas früher anfangen. Gott, der Herr, hat uns Juden seine Thora anvertraut, und er hat auch seine Propheten zu uns gesandt. Es sind uns Schriften erhalten geblieben, die für uns sehr heilig sind. Darin wird auch über die Engel Gottes berichtet. Der Engel Gabriel wird dort namentlich erwähnt. Vor langer Zeit ist er schon unserem Propheten Daniel begegnet. Damals war unser Volk in der babylonischen Gefangenschaft. Ich müsste dir so viel erklären. Aber dafür haben wir jetzt keine Zeit.

Der Engel Gabriel kam zu Daniel und offenbarte ihm Visionen über verschiedene Zeitabschnitte und auch über die letzte Zeit. In dieser Hinsicht ist Daniel für uns etwas ganz Besonderes. Und stell dir vor, plötzlich hörten wir, dass derselbe Engel, den wir aus der heiligen Schrift kannten, im Tempel dem Priester Zacharias, dem Mann meiner Tante, erschien.

Wie habt ihr es gehört?

Alle haben darüber geredet.

Und dann ist er auch zu Dir gekommen?

Das war ganz besonders. Ich war total überrascht. Eine große Furcht ist über mich gekommen. Das war aber keine Angst. Ich habe mich in seiner Gegenwart eigentlich gut gefühlt. Er begrüßte mich, aber ich habe keine Antwort zustande gebracht. Er sagte nicht einfach: „Schalom, der Herr sei mit Dir!“ Er bezeichnete mich als „Begnadete“. Ich bin ein Mensch, der viel nachdenkt. Ich denke über alles nach, aber vor allem über das Wort Gottes. Ich schwieg also und dachte darüber nach, was das zu bedeuten hatte. Als er es mir erklärte, war ich sehr überrascht. Plötzlich schwanger zu werden und ein Kind auf die Welt zu bringen? Das ist keine Kleinigkeit. Ich raffte mich zu der Frage auf, wie so etwas passieren könne, wenn ich doch noch nie mit einem Mann zusammen war. Gabriel erklärte es mir. Er redete sehr geduldig mit mir.

Der Satz, den er mir sagte, dass bei Gott nichts unmöglich ist, ist uns bekannt. Das hatte schon einer der Boten zu Abraham gesagt. Das war damals, als Abrahams Frau Sarah über die Nachricht gelacht hatte, dass sie im hohen Alter noch einen Sohn gebären werde. Diese Geschichte kennen wir alle. Als Gabriel nun dasselbe sagte, dachte ich an unsere Mutter Sarah. Und ganz als hätte er meine Gedanken gelesen, erinnerte er mich dann noch an die Schwangerschaft meiner Tante Elischewa – ihr nennt sie „Elisabeth“. Die war auch schon in fortgeschrittenem Alter.

Könntest du mir erklären, warum beide Stammbäume in den Evangelien die Vorfahren Josefs aufzählen? Dein Mann Josef war vom Geschlecht Davids. Aber Jesus wurde durch den Heiligen Geist gezeugt. War Josef überhaupt sein Vater?

Wenn Jeschua außer seinem himmlischen Vater einen irdischen Vater hatte, dann war das Josef. Er hat sich so wunderbar um uns gekümmert, und hat mich und den kleinen Jeschua so sehr geliebt. Er war der beste Vater, den man sich vorstellen kann. Deswegen hatte Gott ihn erwählt, um uns gemeinsam seinen Sohn anzuvertrauen. Nach unserem Gesetz hätte ich gesteinigt werden müssen, wenn ich mit jemand anderem schwanger geworden wäre, während ich doch mit Josef verlobt war. Weißt du, wie das für Josef war? Er hatte sich so auf unsere Hochzeit gefreut! Und dann musste er erfahren, dass ich schwanger war!

Ich ging damals zu meiner Tante Elischewa, um ihr alles anzuvertrauen. Sie glaubte mir. Außerdem hatte sie noch eine Offenbarung kurz nachdem wir einander begegnet waren. Aber böse Zungen gibt es überall. Und so hat man sich bald alles Mögliche über meine Schwangerschaft erzählt. Ich hatte keine Möglichkeit es Josef zu erklären. Er konnte es überhaupt nicht fassen. Denn er wusste, dass ich Gott liebte, genau wie er, und dass ich ihm gehorsam sein wollte. Eine Verlobte, die sich mit einem anderen Mann eingelassen hatte, konnte er nicht mehr heiraten. Aber gleichzeitig konnte er es auch nicht übers Herz bringen, mich einem demütigenden Tod auszuliefern.

Zum Glück hatte Gott nicht lange zugelassen, dass er sich quälte. Im Traum kam ein Engel zu ihm. Der sagte ihm, dass er kein Gebot übertritt, wenn er mich heiratet. Weil unser Kind vom Heiligen Geist empfangen sei. Er sagte es nicht genau mit diesen Worten – „euer Kind“. Aber damit, dass er ihm sagte, wie er ihn nennen solle, war alles klar. In unserer Gesellschaft erklärt der Vater feierlich am achten Tag nach der Geburt bei der Beschneidung den Namen seines Sohnes. Der Engel sagte Josef, dass er unserem Kind den Namen „Jeschua“ geben solle. Dieser Name kommt vom hebräischen Wort für Heil.

Was hat Josef von alledem gehalten?

Josef wartete auf den Messias, wie alle gottesfürchtigen Juden der damaligen Zeit. Wir kannten viele Prophetien über ihn. Und wie ich euch schon gesagt hatte, viele Menschen spürten damals, dass wir in einer besonderen Zeit lebten. Es gab Engelerscheinungen an verschiedenen Orten. Zu der Zeit beteten jeden Tag sehr viele Menschen im Tempel. Wir lebten damals unter der Herrschaft der Römer. Wir warteten auf den Messias, der den Frieden bringen würde, der uns von unseren Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, errettet würde. Vom Messias erwarteten wir, dass er die brutalen Herrscher vom Thron stoßen und sich darum kümmern würde, dass nie mehr jemand Hunger leiden muss.

Nachdem Josef der Engel erschienen war, hatte er nicht mehr viel überlegt und entschied sich, mich sofort zu heiraten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie er mich abholte. Ich konnte in seinen Augen lesen, dass er alles weiß, und dass er mich sehr liebt. Wer uns gut kannte, wusste über unser und Gottes Geheimnis Bescheid. Wer das nicht wusste oder nicht wissen wollte, sagte: „Das Kind ist von Josef. Schaut ihn euch an, den ‚Heiligen‘, den ‚Gerechten‘!“

Wir konnten darüber nur lachen. Wir waren glücklich. Manchmal haben wir uns darüber unterhalten und miteinander über das Wort Gottes nachgedacht. Josef erzählte mir, dass ihm gleich nach dem Traum über meine Empfängnis ein messianischer Vers aus Psalm 2 eingefallen war: Kundtun will ich den Ratschluss des Herrn. Er hat zu mir gesagt: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (Psalm 2,7).

Was sagst du dazu, dass viele Künstler im Laufe der Geschichte Josef als einen alten Mann abgebildet haben?

(Mirjam lacht.) Josef war älter als ich. In unserer Zeit musste ein Mann nicht nur einen Beruf haben, sondern auch ein Haus, in das er seine Braut führen konnte. Ich war noch sehr jung und wollte eigentlich mit der Hochzeit noch warten. Aber Gott hatte andere Pläne und wollte mich als eine junge Mutter haben, die viele Kinder zur Welt bringt. Als wir heirateten, war Josef ein gut aussehender, junger, reifer Mann.

Was denkst du darüber, dass an vielen Orten dieser Welt Bilder und Statuen von dir und eurer Familie zu finden sind?

Es fällt mir schwer darüber zu reden. Wir Juden bemühen uns, solche Bilder zu meiden, damit nicht etwa jemand anfängt sie zu verehren. Die Thora sagt uns ganz klar: So hütet euch um eures Lebens willen – denn ihr habt keine Gestalt gesehen an dem Tage, da der Herr mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb –, dass ihr euch nicht versündigt und euch irgendein Bildnis macht, das gleich sei einem Mann oder einer Frau, einem Tier auf dem Land oder Vogel unter dem Himmel, dem Gewürm auf der Erde oder einem Fisch im Wasser unter der Erde. Hebe auch nicht deine Augen auf zum Himmel, dass du die Sonne sehest und den Mond und die Sterne, das ganze Heer des Himmels, und fallest ab und betest sie an und dienest denen, die der Herr, dein Gott, zugewiesen hat allen Völkern unter dem ganzen Himmel. Euch aber hat der Herr angenommen und aus dem Schmelzofen, nämlich aus Ägypten, geführt, dass ihr sein Erbvolk sein sollt, wie ihr es jetzt seid (5. Mose 4,15-20).

Als unser Volk vor langer Zeit durch die Wüste wanderte, wurde der Herr einmal sehr zornig über uns. Er sandte feurige Schlangen. Gleichzeitig aber gab er eine Möglichkeit zur Errettung. Er sagte zu Mose, dass er eine eherne Schlange machen und sie an einem Stock aufrichten solle. Wer nun von einer Schlange gebissen worden war und die eherne Schlange auf dem Stock ansah, wurde wieder gesund. Es handelte sich um eine Heilung durch ein Wunder. Deshalb hatte unser Volk später, als wir dann schon im Land Israel waren, diese Schlange angebetet. Man hatte ihr sogar Rauchopfer dargebracht, so als hätte die Schlange heilen können. Gott heilt auf unterschiedliche Art und Weise und benutzt dazu ganz verschiedene Dinge. Aber Lob und Anbetung gehören allein ihm. Er selbst sagt durch den Propheten Jesaja ganz klar: Ich, der Herr, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen (Jesaja 42,8).

Aber du hast doch gesagt, dass dich selig preisen werden alle Geschlechter.

Ja, der Heilige Geist hat es geschenkt, dass ich damals sagte: „Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist“ (Lukas 1,48). Es würde mich sehr bekümmern, wenn jemand denken würde, dass ich große Dinge tun könnte, oder dass ich durch all das, was geschehen ist, einen Verdienst hätte. Ich bin Gott dankbar, dass er mir den Glauben schenkte, dass es sich erfüllen wird, was er gesagt hatte. Darin möchte ich allen Frauen und allen Menschen ein Beispiel sein. Ich möchte, dass sie zu Gottes Plan Ja sagen.

Am Anfang hatte alles ganz wunderbar geklungen. Aber als Simon mir prophezeite, dass ein Schwert mein Herz durchstechen würde, war mir klar, dass ich viel Schmerz erleben würde. Als wir vor dem brutalen Herodes nach Ägypten fliehen mussten, dachte ich oft darüber nach, was ich damals im Heiligen Geist gesagt hatte: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron“ (Lukas 1,52). Ich habe angefangen zu begreifen, dass alles anders werden würde, als ich mir gedacht hatte. Obwohl wir es eigentlich aus den biblischen Prophetien hätten wissen müssen, haben wir nicht damit gerechnet, dass der Heiland, der sich unseres Volkes annehmen würde, als ein wehrloses Baby auf die Welt kommen und unseren Schutz und Pflege brauchen würde.

Wie war das eigentlich, den Sohn Gottes großzuziehen?

Jeschua hat nie widersprochen. Er hat nicht gestritten und vor allem: Er hatte alle lieb und hat allen gern geholfen. Weil er der Älteste war, haben sich seine Geschwister ein Beispiel an ihm genommen.

Hattet ihr also noch andere Kinder?

Na klar! Wie allen gläubigen jüdischen Eltern, war uns klar, dass Kinder ein Segen Gottes sind. Die Zukunft unseres Volkes Israel hängt von ihnen ab. Der erste Segen, den Gott den Menschen ganz am Anfang gegeben hat, ist gleichzeitig auch ein Gebot: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde“ (1. Mose 1,28).

Wir hatten eine große Familie, Söhne und Töchter. Jedes Kind nahmen wir aus der Hand Gottes als Geschenk. Unserem zweiten Sohn nach Jeschua gaben wir den Namen Jakob – nach seinem Opa und unserem Ahnvater. Der dritte Sohn bekam den Namen Josef nach seinem Papa. Allen Kindern haben wir biblische Namen gegeben.

Weil du nach den Darstellungen meines Mannes als Greis gefragt hast: Ich hoffe, dass niemand in mir eine verwitwete alleinerziehende Mutter sieht, die ein Einzelkind großgezogen hat. Weißt du, wie lebendig es bei uns mit fünf Jungs zuging? Und dabei habe ich das Zwitschern der Mädchen noch gar nicht erwähnt. Ich bin eine Jüdin, die im Glauben unserer Väter und Mütter verankert ist, und ich sehne mich danach, dass euer Volk unser Volk Israel und das Land Israel so liebt, wie ich sie liebe.

Dieses fiktive Gespräch mit der Mutter von Jesus führte Krista Gerloff

Bitte informieren Sie mich über neue Artikel