Krista Gerloff

Am 7. Januar 2018 starb der Pilot und Gründer der Israel Air Industries Hugo Marom. Der tschechisch-stämmige Israeli war 89 Jahre alt. Wenige Monate vor seinem Tod hat er noch einmal seine geliebte mährische Stadt Brno (Brünn) besucht. Nach seiner Rückkehr war er bereit, mit dem Team von Fokus Jerusalem ein Gespräch zu führen. „Wissen sie, wie ich herausgefunden habe, dass mit mir etwas nicht stimmt?“, sagte der nette, optimistische ältere Herr. „Während meiner Reise wurde ich in einen Flugsimulator eingeladen und bin zweimal abgestürzt.“

Hugo wurde nach seinem Großvater mütterlicherseits Hugo Kubje benannt. Dass die jüdische Familie Kubje ihre Wurzeln in Tschechien hat, belegt ein Eintrag in die Chronik der Stadt Sušice (Schüttenhofen) aus dem 17. Jahrhundert. Dort wird berichtet, dass der Jude Kubje bestraft werden musste, weil er eine Statue der heiligen Maria mit Steinen beworfen habe.

Hugo Marom interessierte sich für Geschichte. Deshalb schweiften seine Gedanken immer wieder ein paar Jahrhunderte oder Jahrzehnte zurück. Was ihn aber in den letzten Jahren seines Lebens am meisten beschäftigte, war der Gedanke an die Eltern, die ihre Kinder vor der Nazi-Verfolgung gerettet haben, indem sie sie auf Kindertransporten in fremde Länder geschickt haben.

Die meisten dieser Kinder hat England aufgenommen. Vor kurzem ist aber auch die Geschichte jüdischer Kinder bekannt geworden, die nach Dänemark verschickt wurden. „Wie konnten intelligente Menschen nur ihre drei bis fünfzehnjährige Kinder ohne jegliche Sprachkenntnisse in ein wildfremdes Land zu fremden Menschen schicken?“ Diese Frage ließ Hugo nicht los. Letztendlich kam er zu dem Schluss, dass es eine große Heldentat war.

Seiner Meinung nach, sind die wahren Helden dieses Kapitels der Geschichte des Zweiten Weltkriegs weder Sir Nicolas Winton, der die Bahntransporte von Prag nach London für tschechische jüdische Kinder organisiert hatte, noch Wilfrid Israel, ein reicher deutscher Jude, der Zehntausend Kindern aus Deutschland das Leben gerettet hat. Die wahren Helden, so Hugo Marom, sind die Eltern dieser Kinder. Ihn bewegte die Idee, diesen Eltern auf dem Hauptbahnhof in Prag, von wo auch er selbst mit seinem Bruder abgereist war, ein Denkmal zu bauen. Seine Idee wurde verwirklicht und am 27. Mai 2017 konnte er gemeinsam mit anderen „Kindern Wintons“ an der Enthüllung des Denkmals teilnehmen. Einer seiner letzten Wünsche war, auch auf deutschen Bahnhöfen, von denen Kindertransporten ausgingen, Denkmäler für die Eltern zu errichten.

Wenn Hugo über Tschechien redete, dann sprach er von „der Republik“. Er gehörte noch zu der Generation, für die die staatliche Unabhängigkeit Tschechiens nicht selbstverständlich war. Gerne erinnerte er sich an seinen Lehrer, der den Unterricht in einer gemischten christlich-jüdischen Klasse mit einem Gebet begann: „Wir beten zum Einzigen Gott“. Die Kinder beteten dann gemeinsam voller Ehrfurcht für ihre Eltern und „den Vater Masaryk“, den ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk.

Väterlicherseits stammte Hugo Marom aus der Familie Maisel, die in Tschechien, vor allem in Prag, eine tausendjährige Tradition hat. „1968 habe ich das Buch ‚Tausend Jahre Judentum in Tschechien‘ geschenkt bekommen“, erzählte Marom mit Schmunzeln, „Darin stand die Widmung: ‚Dem letzten Maislikaner‘.“

Der Großvater Rudolf Maisel ist aus Prag nach Brno umgezogen. Nach diesem Großvater wurde Hugos Bruder benannt. Ursprünglich waren sie drei Jungs in der Familie. Einer ist aber schon im Alter von zwei Jahren tragisch gestorben. Danach bettelten Hugo und Rudi um einen neuen Bruder. Die Familie hat daraufhin einen katholischen Jungen aus einem Kinderheim bei sich aufgenommen. Dieser Pflegebruder wurde allerdings von der Gestapo weggenommen. Eine jüdische Familie dürfte kein christliches Kind aufziehen.

Hugo Marom erinnerte sich gut an eine Auseinandersetzung zwischen seinen Eltern. Sein Vater wollte lange nicht glauben, dass den tschechischen Juden wirklich eine Gefahr drohte. Er pflegte zu sagen: „Wenn Hitler die Maisels, die hier seit tausend Jahre leben, vertreiben wollte, müsste er alle Tschechen vertreiben. Die Mutter, eine gebürtige Wienerin, sprach perfekt Deutsch und Tschechisch. Sie hatte „Mein Kampf“ gelesen und erzählte der Familie, dass Hitler ganz Europa „judenrein“ machen wollte.

Aufgrund von Kontakten nach England gelang es den Eltern dann heimlich die Abfahrt ihrer Kinder nach England zu organisieren. Erst Jahre später verstand Hugo, warum seine Mutter nicht mit nach Prag mitgefahren war, um dort Abschied zu nehmen. Danach haben sie sich nie wieder gesehen.

Als Hugo und Rudi in London ankamen, war dort niemand, der sie abgeholt hätte. Viele Stunden saßen die beiden Buben auf dem Bahnhof bis sich ein Taxifahrer ihrer erbarmte und sie zu „fish and chips“ einlud. Noch nie hatte ihnen etwas so gut geschmeckt. Dieser Engländer hat sie dann ein paar Tage bei sich zu Hause aufgenommen, bevor er ihnen einen Platz in einem Kinderheim für deutsch-jüdische Kinder verschaffen konnte.

Die Atmosphäre war damals so anti-deutsch, dass keine englische Familie bereit war, deutschsprechende Kinder bei sich aufzunehmen. Auch Hugo und Rudi prügelten sich mit den „deutschen“ Jungs, bis der Vater sie in einem Brief ermahnte: „Hört auf, Euch mit den deutschen Jungen zu schlagen. Ihr seid doch alle Juden!“

Hugo musste Jahre lang mit viel zu kleinen, vorne abgeschnittenen Schuhen laufen, weil er sich keine neuen leisten konnte. Aber er hat gut gelernt. Auf der Kadettenschule eignete er sich Fähigkeiten an, die man zum Fliegen braucht. Dann machte er auch noch ein Examen als Englisch-Lehrer.

Viele Juden, nicht nur die tschechoslowakischen, veränderten nach ihrer Einwanderung nach Israel ihre Namen. Unglaublich klingt die Geschichte von Joe Alon aus dem Munde seines Freundes Hugo Marom: „Wir wohnten in einem dreistöckigen Haus. Es gab damals keine Aufzüge. Deshalb wohnten die Betuchten unten in der ersten Etage. Bei uns waren das die Hausbesitzer, die Familie Platschek. Mit ihrem Sohn Josef habe ich mich angefreundet.“

Als die beiden jungen Männer nach dem Krieg aus England zurückkamen, studierte Hugo an der Technischen Hochschule. Josef war in der Schule weniger erfolgreich gewesen und hatte Goldschmied gelernt. Eines Tages erschien an der Universität ein Tschechisch-sprechender Israeli, um junge jüdische Männer für einen Pilotenkurs anzuwerben. Hugo war bereits auf der Kadettenschule gewesen und wurde sofort angenommen.

Um in den Kurs einsteigen zu können, brauchte Hugo aber noch eine ärztliche Bescheinigung aus Prag. Am Abend vor seiner geplanten Abfahrt erschien Josef, der gerade seine Goldschmiede-Urkunde erhalten hatte. Er übernachtete bei seinem Freund. Am Morgen sieht Josef, wie Hugo sich fertig macht.

„Wo fährst du hin?“, fragte er. – „Auf das Ministerium nach Prag“, antwortet Hugo, „ich brauche noch eine ärztliche Bescheinigung für einen Pilotenkurs, um in die israelische Armee gehen zu können“. – „Du möchtest ohne mich gehen?“, fragt Josef entsetzt. „Dich würden sie doch gar nicht nehmen“, meint Hugo, „du kannst kaum bis Hundert zählen und dein Onkel würde dich sowieso nicht nach Israel gehen lassen.“ Fast alle Familienangehörigen der Familien Maisel und Platschek waren in Konzentrationslagern umgekommen. Einen Verwandten zu haben war etwas ganz besonderes.

„Damals wussten wir noch nicht“, erzählt Hugo weiter, „dass Joe in Israel geboren war. Er stammte aus dem Kibbuz Bet Alfa, der von tschechoslowakischen Juden gegründet worden war. In seinem Pass stand als Geburtsort der Kibbuz Ein Harod. Auf Englisch stand dort beim Geburtsort: ‚In Hrod‘. Nun gibt es in Tschechien viele Orte, die ‚Hrod‘ heißen. Deshalb dachten wir, Joe sei in einem dieser Orte geboren worden. In Wirklichkeit war er aber in Israel auf die Welt gekommen. Seine Familie war in die Tschechoslowakei zurückgekehrt als er zwei Jahre alt war.“

Kurz und gut: Josef überredete Hugo, ihn mit aufs Ministerium zu nehmen. Die beiden fuhren nach Prag und bekamen die ärztliche Bescheinigung. Letztendlich wurden beide erfolgreiche Piloten der israelischen Armee. Die Militärkarriere führte Josef Platschek, der sich später Joe Alon nannte, in die USA. In Washington wurde er 1973 als israelischer Militärattaché erschossen.

Ursprünglich wollten sich Hugo und Josef mit ein paar Hundert jüdischen Freiwilligen für sechs Monate in Israel der Armee anschließen. Während des Unabhängigkeitskrieges kämpfte der junge Staat um sein Überleben. Hugo erinnert sich, wie Stabskapitän Ocelka sagte: „Juden sind doch schlau. Wie konntet ihr nur einverstanden sein, für sechs Monate nach Palästina zu gehen? Ihr seid vielleicht Sechshunderttausend Juden gegen eineinhalb Millionen Araber. Wie wollt ihr da sechs Monate überleben?“

Hugo lernte seine Frau Marta – es war Liebe auf den ersten Blick! – unter den jüdischen Freiwilligen kennen. Ihre Ehe dauerte 65 Jahre und sie hatten „zusammen“ – wie er zu sagen pflegte – „zwölf Urenkel. Und das dreizehnte und vierzehnte sind auf dem Weg.“

Hugo Marom war ein Teil in dem Mosaik, über das der erste israelische Regierungschef David Ben Gurion gesagt hatte: „Hätte es die militärische Hilfe aus der Tschechoslowakei nicht gegeben, gäbe es keinen Staat Israel.“ Die Wende im Unabhängigkeitskrieg kam, als die Ägypter schon auf dem Weg nach Tel Aviv waren. Hugo erzählt: „Als Nasser an die Brücke bei Aschdod kam, kamen auf einmal große Spitfire geflogen und haben ihn angegriffen. Große Flugzeuge mit einem Davidsstern darauf. Die Ägypter hatten so etwas absolut nicht erwartet. Sie waren so überrascht, dass Israel überhaupt eine Luftwaffe hatte, dass sie sofort einen Befehl zum Rückzug gaben.“

Alle Piloten, die damals nach Israel gekommen waren, sind im Land geblieben. Ihre Aufgabe war, die Südgrenze zu schützen. Hugo Marom flog bis zum Jahr 1954 in der Luftwaffe. Bis 1997 diente er als Reservepilot. Er wurde Befehlshaber der Flugschule in Sirkin, später Testpilot. Zusammen mit Josef gründete er die Israel Aircraft Industries. Seit 1964 bis zum Ende seines Lebens arbeitete er in der eigenen Firma, die Flughäfen plante. Von den Flugzeugen, die ursprünglich aus der Tschechoslowakei nach Israel gebracht worden waren, hat Hugo Mariom dann noch dreißig Spitfire-Flugzeuge in einem Tauschgeschäft nach Burma verkauft. Israel hat dafür einige Schiffsladungen mit Reis bekommen.

Hugo Marom war bis zum Ende im Verein der israelischen Freunde der Tschechischen Republik engagiert und hat überlegt, wie er bei der zweiten und dritten Generation der tschechoslowakischen Juden das Interesse an seinem Geburtsland erwecken könnte. Er hat nie aufgehört die Tschechische Republik zu lieben.