„ein Land, das ich dir zeigen will“

  • Januar 20, 2010
israelnetz

Liebe Leser,

Abraham war nicht auf der Suche nach Lebensraum. Es war Gottes Idee, ihn herauszureißen aus seiner gewohnten Umgebung, um ihn in ein Land zu führen, „das ich dir zeigen will“. Die Bibel überliefert keine einzige Bitte Abrahams an Gott, ihm eine neue Heimat zu geben. Aber sie betont, dass Gott sagt: „Ich will dir dieses Land geben!“ Der Nachdruck in der biblischen Geschichte des Volkes Israel mit dem Land Israel liegt auf dem Reden und Handeln Gottes.

Schon Abraham verlässt das verheißene Land, als ihn die Wirtschaftslage dazu treibt. Er bietet das Land feil, um Frieden zu bekommen. Und als er eine Grabstätte für seine Frau Sara braucht, geht er nicht etwa hin und nimmt sich, was Gott ihm versprochen hätte. Nein, er kauft das Grundstück zum tagesüblichen Marktpreis – obwohl die Ureinwohner es ihm hätten schenken wollen. Es ist Gott, der Abraham das Land aufdrängt, ihn mit der Landverheißung regelrecht verfolgt.

Durch seine ganze Geschichte hindurch hatte das jüdische Volk ein mehr als ambivalentes Verhältnis zu dem Land zwischen Mittelmeer und Jordan, zwischen Nil und Euphrat. Nur die Tora hinderte es daran, Zion zu vergessen. Selbst für die Gründungsväter der modernen zionistischen Bewegung ging es nicht zu allererst um das verheißene Land. Sie wollten den Antisemitismus und seine hässlichen Nebenwirkungen beseitigen. Eine Konversion zur jeweiligen Gastkultur wäre vielen schon recht gewesen, wenn das funktioniert hätte.

Ich höre viele Überlegungen darüber, was Israel will, warum Israel macht, was es tut, und welche Ziele Israel verfolgt. Dabei kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass unsere Schlussfolgerungen eher unseren eigenen Vorstellungen entspringen, als aufmerksamem Zuhören, genauem Beobachten oder einer gründlichen Analyse. Könnte es sein, dass uns ein Nationalgefühl, das die political correctness Europas heute verbietet, in der Beurteilung des Nahen Ostens nasführt? Könnte es sein, dass wir dem modernen Staat Israel die alten Träume vom Lebensraum anhängen, obwohl sie mit der Denkweise moderner Israelis überhaupt nichts zu tun haben?

Gehen Sie einmal auf das Gedankenexperiment ein, was geschehen wäre, wenn die Araber 1947 Ja zur Teilung Palästinas gesagt hätten? Dann hätte es keine 800.000 jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern gegeben – und die liberalen europäischen Juden hätten sich längst an ihr arabisches Umfeld als Minderheit assimiliert. Was wäre gewesen, wenn die Araber 1967 Ja gesagt hätten zu Verhandlungen, zu einer Anerkennung und zu einem Frieden? Damals gab es überhaupt noch keine „jüdischen Siedlungen“ in „besetzten Gebieten“. Oder wenn Jasser Arafat im Sommer 2000 Ja gesagt hätte zum Angebot Ehud Baraks? Dann hätte er gemütlich zurückgelehnt zusehen können, wie sich die israelische Gesellschaft bei der Siedlungsräumung selbst zerfleischt – anstatt den Israelis durch die tatsächliche Entwicklung der vergangenen Jahre einzubläuen, dass Landabgabe nichts bringt. Könnte es sein, dass auch heute „der Herr das Herz des Pharao verhärtet“, um sein Volk zu seinem Ziel zu bringen?

Mit herzlichem Gruß aus Jerusalem bleibe ich

Ihr Johannes Gerloff

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