Die Crux mit dem Kreuz

  • November 21, 2016
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Das Kreuz war von Anfang an als Stachel gedacht. Es steht für Leiden, Verfolgung, Foltertod. Zerfetzt, würdelos und tot hing der auf Golgatha, der von sich behauptet hatte: Ich bin das Leben! Dann forderte Jesus noch nicht einmal: Wer mir nachfolgen will, der auferstehe. Sondern: Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich. Und mit jedem Abendmahl verkünden wir den Tod des Herrn.

Juden können über dem Ärgernis des Kreuzes nur den Kopf schütteln. Der Islam hält es für ein perverses Hirngespinst. Auch in Gemeinden von Juden, die Jesus als ihren Messias bekennen, kann man gebeten werden, das Kreuzeszeichen abzunehmen. Zu sehr wird es mit „Kreuzritter“ und „Hakenkreuz“ asoziiert. Deshalb verstehe ich Christen, die in der Begegnung mit Juden oder Muslimen das Kreuz verdecken.

Dabei ist aber klar zu unterscheiden: Wenn Juden darum bitten, das Kreuz zu verbergen, erbitten sie sich einen Freiraum zum Atmen, die Anerkennung ihres Rechts, als Juden existieren zu dürfen. Wenn Muslime dagegen das Abnehmen des Kreuzes verlangen, verkünden sie dadurch den Triumph des Halbmonds, die Herrschaft des Islams über „Schutzbefohlene“. Dies festzustellen ist nicht islamophob, sondern schlicht realitätsnah.

Kritikwürdig ist nicht, wenn Christen im persönlichen Gespräch mit Andersgläubigen das Kreuzeszeichen geschichtsbewusst und kultursensibel platzieren. Skandalös ist die Botschaft, die durch ein offizielles Foto im Oktober 2016 von kreuzlosen Bischöfen mit einem muslimischen Scheich auf dem Tempelberg verkündet wurde.

Dabei ist nicht nur zu bedenken, wie ein evangelischer Christ aus dem sächsischen Erzgebirge treffend beobachtet, dass es nicht irgendwelche Kreuze waren, die da versteckt wurden, sondern die Amtskreuze der höchsten katholischen und evangelischen Würdenträger Deutschlands. Wenigstens fürs offizielle Fotoshooting hätten Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm die Amtskreuze hervorholen müssen. Immerhin präsentierten sie sich dort als höchste Vertreter der deutschen Christenheit der Öffentlichkeit – an einem Ort, der bis in jüngste Zeit Fokus muslimischer Bemühungen war, jede jüdische Verwurzelung an dieser Stelle zu leugnen.

Die Gleichsetzung schließlich mit der jüdischen Bitte, die Kreuze zu verdecken, und die Anspielung auf die angespannte Sicherheitslage, waren aus israelischer Sicht der sprichwörtliche Strohhalm, der dem Kamel den Rücken brach. Während um Israel herum das Christentum brutal ausgelöscht wird, hat sich die Zahl der Christen im jüdischen Staat seit dessen Gründung vervierfacht. Orientalische Christen wissen, warum sie heute Wehrdienst in Israels Armee leisten wollen. „Wenn wir jetzt nicht an der Seite der Juden kämpfen“, so ihre Ratio, „wird es uns in dreißig Jahren nicht mehr geben.“ Es ist kein Zufall, dass der Bürgermeister einer israelischen Kommune einer Baptistengemeinde den Bau einer Kirche anbietet, dafür kostenlos Land zur Verfügung stellt und ausdrücklich um ein weithin sichtbares Kreuz bittet.

All das haben die Bischöfe und ihre Berater nicht bedacht. Deshalb ist das Foto mit Scheich aber ohne Amtskreuze Zeugnis für einen erschreckenden Mangel an Kultursensiblität und Realitätsnähe.

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