Ohne Religion sind die Konflikte des Nahen Ostens nicht erklärbar. Gewaltbereite Extremisten führen theologische Begründungen für ihre Verhaltensweise ins Feld. Wer den Orient verstehen will, darf den Einfluss der Religion nicht ignorieren, besonders nicht den des Islams und des Judentums.

Israelis besiedeln das umstrittene Westjordanland aus wirtschaftlichen, nationalistischen und sicherheitspolitischen Überlegungen. Sie untermauern ihr Verhalten juristisch. Theologische Argumente werden in der politischen Debatte in Israel nur selten laut ausgesprochen. Aber sie sind präsent, wenngleich ihre tatsächliche Bedeutung für die aktuellen Entwicklungen schwer einzuschätzen ist.

Die Aussagen von Heiligen Schriften und religiöse Traditionen haben einen einzigartig normativen Charakter, der besonders im Orient niemals übersehen werden darf. Im Folgenden soll nachzeichnet werden, was die Bibel auf dem Hintergrund der jüdischen Tradition zur „Landfrage“ sagt.

Eine alte rabbinische Sichtweise…

Rabbi Schlomo Jitzchaki gehört zu den Großen unter den Bibelkommentatoren des jüdischen Volks. Er wurde am 22. Februar 1040 im französischen Troyes geboren, studierte und lehrte in Worms, bevor er wieder in die Champagne zurückkehrte, wo er am 13. Juli 1105 verstarb. „Raschi“, wie er im Hebräischen kurz genannt wird, übt einen Einfluss aus, der weit über seine Zeit, sein Volk und seine Religionsgemeinschaft hinausgeht.

Seine nüchterne und wortgetreue Schriftauslegung suchte strikt zwischen wörtlicher Auslegung (pschat) und geistlicher Übertragung (drasch) zu unterscheiden. Martin Luther nahm in seinen Bibelauslegungen wiederholt Bezug auf „Rabbi Salomon“ und zeigte ein starkes Bedürfnis, sich von ihm abzugrenzen. Bis heute ist der Raschi-Kommentar vielen jüdischen Bibelausgaben beigedruckt.

…und: Warum die Bibel mit der Schöpfungsgeschichte beginnt

Raschi stellt seiner Auslegung der Thora eine Überlegung voraus, die im Folgenden paraphrasierend wiedergegeben werden soll. Aus jüdischer Sicht ist die Thora zuerst Willenserklärung Gottes und damit Handlungsanweisung für sein Volk. Nicht theologisch-philosophische Spekulationen sind Zweck des Wortes Gottes, sondern theologisch reflektiertes Handeln des Menschen.

Deshalb stellt sich die Frage: „Hätte die Thora nicht mit den Worten [aus 2. Mose 12,2] beginnen sollen: ‚Dieser Monat sei euch [der erste Monat des Jahres!‘? – Immerhin“, stellt Raschi fest, sei das doch „die erste an Israel gerichtete Handlungsanweisung der Heiligen Schrift. Welchen Sinn hat es, die Schöpfungsgeschichte an den Anfang der Thora zu stellen?“ – zumal ihre Aussagen nur unvollständig scheinen, zu Spekulationen und Streit reizen, nichts als Denk- und Argumentationsprobleme verursachen?!

Der französisch-deutsche Bibelausleger findet die Antwort auf seine Frage in Kapitel 111 des Psalmenbuchs, in Vers 6: „Die Kraft seiner Werke verkündigte er seinem Volk“, heißt es dort wörtlich übersetzt, „um ihnen das Erbteil der Völker zu geben.“ Im Klartext: Die Schöpfungsgeschichte wurde deshalb zu Beginn der Bibel überliefert, weil der Schöpfer einmal in der Zukunft seinem Volk ein Land geben wollte, das eigentlich von anderen Menschen bewohnt und genutzt wird.

In einer interessanten Mischung aus Rückblick auf biblische Zeiten und Ausblick auf die Zukunft seines Volkes sieht der mittelalterliche Rabbi Schlomo Jitzhaki wie „die Nationen der Welt dem Volk Israel vorwerfen: ‚Ihr seid Räuber! Ihr habt die Länder anderer Völkern gewaltsam an euch gerissen!‘“

Diesem Vorwurf der internationalen Gemeinschaft soll nun das Volk Israel, so Raschi, mit einer Antwort entgegen treten, die aus der Schöpfungsgeschichte abgeleitet wird: „Die ganze Erde gehört dem Heiligen, gelobt sei er! Er hat sie geschaffen. Deshalb hat er auch das Recht, dieses Land zu geben, wem er will. Gemäß seinem Willen hat er das Land nichtjüdischen Völkern gegeben. Weil es ihm gefallen hat, hat er das Land ihnen wieder abgenommen und uns gegeben.“

Das Land war nie „leer“

Bemerkenswert an dieser Auslegung der Schöpfungsgeschichte ist zunächst einmal die Beobachtung, dass weder die biblische noch die rabbinische Tradition davon ausgeht, dass das verheißene Land leer sei, bevor Israel es besiedelte. „Erbteil der Heiden“ nennt Raschi das Land Kanaan. Nüchtern stellt er sich aller zionistischen Schwärmerei entgegen. Die Israeliten waren nie „Ureinwohner“ des Landes Israel. Zu keiner Zeit sind jüdische Siedler in ein leeres, unbewohntes Land gekommen. Die Vorstellung, das Land Israel sei „ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“, wie der schottische Geistliche Alexander Keith Mitte des 19. Jahrhunderts gemeint hatte[1], wird als Mythos entlarvt.

Die Bibel erwähnt die Volksstämme der Amalekiter, Amoriter, Anakiter, Geschuriter, Girgaschiter, Girsiter, Hetiter, Hiwiter, Jebusiter, Kadmoniter, Kanaaniter, Kenasiter, Keniter, Perisiter und Refaïter als Ureinwohner Kanaans. Mose hatte sie auf symbolische, heilige, vollkommene „sieben Nationen“ zusammengefasst, „die größer und stärker sind als“ Israel (5. Mose 7,1). Und noch zur Zeit des judäischen Königs Josia sprach der Prophet Zefanja (2,5) zumindest vom Küstenstreifen als von „Kanaan“, dem „Philisterland“. Für die Zukunft weissagt der Prophet Sacharja (12,3), dass sich einmal „alle Völker des Landes gegen Jerusalem versammeln“ werden.

Überhaupt scheint die Thora des Mose davon auszugehen, dass auch nach einer Landnahme durch die Israeliten Menschen anderer Abstammung und Kultur im verheißenen Land ansässig sein würden. Andernfalls wären der Grundsatz, dem „Fremdling“ gleiche Rechte (3. Mose 24,22) und gar ein Erbteil zu gewähren (Hesekiel 47,22f.), oder die Anweisung dem Ausländer – neben Witwen und Waisen – den Zehnten zu geben (5. Mose 14,28f.; 26,12-15) wenig sinnvoll.

Zweitens bleibt anhand der Auslegung Raschis festzuhalten: Das Land Israel gehört weder den Ureinwohnern, noch dem auserwählten Volk, sondern:

Das Land gehört Gott

Schon die Stammväter Abraham, Isaak und Jakob hatten sich selbst nicht als „rechtmäßige Besitzer“, sondern als „Ausländer und Gäste“ bezeichnet.[2] In der Wüste am Sinai, lange vor dem Einzug ins Gelobte Land, macht Gott den Israeliten klar, dass sie nicht etwa „Eigentümer“ des Landes sein würden, sondern „Fremdlinge und Beisassen bei mir“. Begründung: „Dieses Land gehört mir!“ (3. Mose 25,23).

Weil der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs alles erschaffen hat, räsoniert Raschi ausgehend von Psalm 111 mit Rückbezug auf den Schöpfungsbericht, ist „die Erde und was darinnen ist“ sein Eigentum. Diese Aussage wird in der hebräischen Bibel mehrfach wiederholt (Psalm 24,1; 50,12; 89,11) und vom Neuen Testament bestätigt.[3]

Gott verleiht das Land

Aus dieser Besitzstandsanzeige leitet Raschi ab, Gott habe das Recht, sein Land zu geben, wem er will. Zeitweise hat Gott das Land nicht-israelitischen beziehungsweise nicht-jüdischen Händen überlassen. Dafür werden in den Heiligen Schriften unterschiedliche Begründungen angeführt, etwa weil „die Missetat der Amoriter noch nicht voll“ war (1. Mose 15,16), weil das Volk Israel den Zorn Gottes auf sich gezogen hatte oder auch, um ein neutestamentliches Beispiel heranzuziehen, solange „die Zeiten der Heiden [noch nicht] erfüllt sind“ (Lukas 21,24). Übrigens betont auch der Apostel Paulus, der Schöpfer habe das Recht festzusetzen, „wie lange [die Völker] bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen“ (Apostelgeschichte 17,26).

Mit dieser Berechtigung verspricht Gott nun aber auch das Land dem Volk Israel. Die Landverheißung an Abraham ist eines der durchlaufenden Generalthemen der alttestamentlichen Gottesoffenbarung: „Dir und deinen Nachkommen will ich dies Land geben, darin du jetzt ein Fremdling bist, das ganze Land Kanaan“ (1. Mose 17,8). Diese Nachkommen Abrahams werden näher bestimmt. Auf Abrahams Bitte: „Ach, dass Ismael möchte leben bleiben vor dir!“, antwortete Gott: „Nein, Sara, deine Frau, wird dir einen Sohn gebären, den sollst du Isaak nennen, und mit ihm will ich meinen ewigen Bund aufrichten und mit seinem Geschlecht nach ihm“ (1. Mose 17,19). Diese Aussagen machen eine in jüngerer Zeit vor allem von christlicher Seite propagierte abrahamitische Ökumene zumindest in der Landfrage unmöglich.

Deshalb schickt der Patriarch noch zu seinen Lebzeiten alle anderen Söhne fort von seinem Sohn Isaak, denn er „gab all sein Gut Isaak“ (1. Mose 25,5f.). Gott bestätigt seinen Bund mit den Nachkommen Abrahams durch Isaak und Jakob, bis in die Zeit des Neuen Testaments hinein immer wieder.[4]

Das Land als Erbe

Gleichzeitig mit der Verheißung bekommt Abraham den Auftrag, das Land kennenzulernen (1. Mose 13,17) und „zu besitzen“.[5] Gott vergibt „sein Land“ als „Erbteil“[6], das heißt, nicht als frei verfügbares Eigentum, sondern als Lehen, als Treuhandschaft. Die Verwaltung eines solchen Erbbesitzes ist mit Verpflichtungen verbunden. Nicht Rechte sind entscheidend, sondern der Auftrag. Ein Erbe kann nicht einfach veräußert oder gar als Handelsobjekt missbraucht werden, nicht einmal zur Rettung des eigenen Lebens.

Deshalb ist es auch nur fair, wenn Priester und Leviten kein „Erbteil im Lande“ erhalten. Sie sind vom Auftrag des Erbbesitzes befreit. Ihr „Erbe“ ist der Herr[7], ihr Auftrag der Dienst am Heiligtum. Wenn Gott sein Land Menschen anvertraut, dann erwartet er, dass sie es einnehmen, erschließen, aufbauen, bewahren und auch verteidigen.

Die Vorstellung von einem Land, „in dem Milch und Honig fließt“, ist biblisch gesehen nicht die Beschreibung eines „Schlaraffenlandes“, in dem einem gebratene Hähnchen in den Mund fliegen, sondern bezeichnet ein Potential, das mit harter Arbeit unter dem Segen Gottes erschlossen werden muss, wie etwa aus dem Zusammenhang von Jesaja 7,21f. ersichtlich wird. Dort wird nach einem Strafgericht „Butter und Honig“ essen, „wer übrigbleiben wird im Lande“. Ebenso zeigt 5. Mose 11,10-17, wie das Verhalten der Bewohner und die Zuwendung Gottes für den Ertrag des Landes von entscheidender Bedeutung sind.

Gottesbeziehung als Voraussetzung für Landbesitz

Der Besitz des Landes Israel setzt eine lebendige Beziehung mit dem Gott Israels voraus. Mit der Zusage ich will „euch zum Erbe geben, ein Land, darin Milch und Honig fließt“ ist unlösbar die Aussage verbunden: „Ich bin der Herr, euer Gott, der euch von den Völkern abgesondert hat“ (3. Mose 20,24). Der Besitz des verheißenen Landes ist aus biblischer Sicht immer an eine Beziehung mit Gott gebunden. Deshalb durfte nach dem Auszug aus Ägypten „keiner von diesem bösen Geschlecht das gute Land sehen“, außer Josua und Kaleb (5. Mose 1,35), die bereit waren, dem Wort Gottes Vertrauen zu schenken.

Nur „die Gerechten werden im Lande wohnen und die Frommen darin bleiben. Aber die Gottlosen werden aus dem Land ausgerottet und die Treulosen daraus vertilgt.“[8] Nicht einfach jeder biologische Nachfahre Abrahams, Isaaks und Jakobs, sondern „wer auf mich traut“, sagt der Herr, „wird das Land erben und meinen heiligen Berg besitzen“ (Jesaja 57,13b).

Unter dieser Bedingung gibt es sogar eine Zukunft für die ursprünglichen „Ureinwohner“ im Lande: „Und es soll geschehen, wenn sie von meinem Volk lernen werden, bei meinem Namen zu schwören: So wahr der Herr lebt!… so sollen sie inmitten meines Volks wohnen“ (Jeremia 12,16).

Andererseits gilt für das jüdische Volk: „Wirst du aber den Herrn, deinen Gott, vergessen und andern Göttern nachfolgen und ihnen dienen und sie anbeten, so bezeuge ich euch heute, dass ihr umkommen werdet; eben wie die Nichtjuden, die der Herr umbringt vor eurem Angesicht, so werdet ihr auch umkommen, weil ihr nicht gehorsam seid der Stimme des Herrn, eures Gottes“ (5. Mose 8,19f.). Man ist versucht, diese Aussagen mit den Worten des Apostels Paulus zusammenzufassen: „Erkennt also: die aus dem Glauben sind, das sind Abrahams Kinder… und nach der Verheißung Erben“ (Galater 3,7.29).

Israel hat auf unsagbar leidvolle Weise im Laufe der Jahrtausende immer wieder erfahren, „was es für Jammer und Herzeleid bringt, den Herrn, deinen Gott zu verlassen und ihn nicht zu fürchten“ (Jeremia 2,19) — und sich stattdessen den Denkweisen, Maßstäben und Lebensweisen der heidnischen Völker anzupassen. Wenn heute die ganze Welt – entgegen aller historischen, politischen und völkerrechtlichen Wahrheit – Israel vorhält: „Ihr seid Räuber, und habt dies Land gewaltsam an euch gerissen!“, bleibt jüdischen Menschen, die ihrem Gott, seinem Wort und ihrem Auftrag treu bleiben wollen, nur die eine Antwort: „Das lasse der Herr fern von mir sein, dass ich dir meiner Väter Erbe geben sollte! (1. Könige 21,3). Denn die ganze Erde gehört dem Heiligen, gelobt sei er. Er hat sie geschaffen und er hat sie gegeben, wem er will. Nach seinem Wohlgefallen hat er dies Land nichtjüdischen Völkern überlassen. Nach seinem Wohlgefallen hat er es ihnen wieder genommen und uns gegeben.“

Fußnoten:

[1] Alexander Keith, The Land of Israel According to the Covenant with Abraham, with Isaac, and with Jacob (Edinburgh: William Whyte and Co., 1843), 43.

[2] Siehe dazu besonders 1. Mose 23,4; 28,4; ferner 1. Mose 17,8; 20,1; 21,23.34; 26,3f.; 36,7; 37,1. Außerdem 2. Mose 6,4; 1. Chronik 16,19; 29,15; Psalm 39,13; 105,12; 119,19, sowie auch Apostelgeschichte 7,5 und Hebräer 11,8-10.

[3] Matthäus 11,25; Lukas 10,21; Apostelgeschichte 4,24; 14,15; 1. Korinther 10,26; Hebräer 1,10; Offenbarung 10,6; 14,7.

[4] 1. Mose 26,2-4; 28,4.13; 35,12; 2. Mose 6,2-4.8; Nehemia 9,8; Psalm 105,8-11. Vergleiche dazu Römer 9,6-13, wo der Apostel Paulus die Erwählung Isaaks und Jakobs als Beleg für Gottes souveränes Heilshandeln anführt. Ferner betont Paulus in Römer 11,1 und Vers 29 im Blick auf den Teil des jüdischen Volkes, der Jesus von Nazareth nicht als Messias anerkennt, ausdrücklich: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“

[5] lerishtah, 1. Mose 15,7; ebenso 1. Mose 28,4; Vergleiche auch 2. Mose 6,8.

[6] 5. Mose 12,10; 1. Könige 8,36; 1. Chronik 16,18; 2. Chronik 6,27; Psalm 135,12; 136,21f.; Jeremia 3,18; Apostelgeschichte 13,19.

[7] Vergleiche dazu 4. Mose 18,20f.; 5. Mose 12,12; Josua 14,4 und Josua 21.

[8] Sprüche 2,21f.; Vergleiche Psalm 25,12f.; 37; Sprüche 10,30; Jesaja 1,19.