Das Land, das Volk, die Nationen und die Heiligkeit des Gottesnamens

  • Dezember 3, 2018
050419KibbutzLavi013GertiUrman (1024x589)

Am 10. November 2018 habe ich auf dem 3. Gemeinde-Israel-Kongress in Berlin eine Bibelarbeit über Apostelgeschichte 1,6-8 gehalten zu dem Thema „Das Reich für Israel“. Der Satz „Jeder Jude, der vom Land Israel getrennt lebt, verunehrt den Namen Gottes.“ hat Reaktionen ausgelöst, auf die ich gerne antworten möchte.

Der Prophet Hesekiel zeichnet in Kapitel 36 ein Bild, das atemberaubend war für seine Zeit zu Beginn des 6. Jahrhunderts vor Christus. Aber auch vor einem Jahrhundert, zweieinhalb Jahrtausende nach Hesekiel, war noch kaum vorstellbar, dass die Berge Israels ein Volk Israel, das aus aller Welt zurückgekehrt, ernähren könnten (Vers 8).

Die Trennung von Volk und Land Israel war so gründlich, dass das Land als „Menschenfresser“ (Vers 13), das heißt, als absolut unbewohnbar, beschrieben werden musste. Noch bis zum heutigen Tag wird das Volk Israel, das in seine Heimat zurückkehrt, von vielen unserer Zeitgenossen als „Eroberer“, „Kolonialisten“ oder „Besatzer“ betrachtet. Unter Christen und Juden wird das Phänomen der Wiedervereinigung von Volk Israel und Land Israel kontrovers diskutiert.

Wie es dazu gekommen war, dass das auserwählte Volk und das verheißene Land voneinander getrennt wurden, beschreibt der Prophet Hesekiel (Kapitel 36) rückblickend ab Vers 16. Die Schuld des Volkes hatte das Land verunreinigt, so dass sich Gott gezwungen sah, sie unter die nichtjüdischen Völker in aller Welt zu zerstreuen.

Vers 20 beschreibt, was diese Trennung des auserwählten Volkes vom verheißenen Land und ihre weltweite Zerstreuung aus Gottes Perspektive bedeutet: „Das Volk Israel kam zu den nichtjüdischen Völkern und schändete so den heiligen Namen Gottes.“

Was den Namen Gottes entweiht, wird unmittelbar im zweiten Teil des Verses 20 gesagt: „weil man von ihnen [das heißt, von den Juden] sagte: ‚Das sind doch diejenigen, die das Volk des Herrn sein sollten! Aber sie sind aus dem Land [des Herrn] fortgezogen!‘“

Als Hintergrund muss verstanden werden: Das Erste, was Gott bei der Erwählung des Abram (1. Mose 12,1) wichtig war, ist das Land, „das ich dir zeigen werde“. Ohne dieses Land ist die Erwählung des Volkes undenkbar.

Raschi[1] erklärt zu Hesekiel 36,20: „Sie haben die Ehre Gottes entwürdigt. Und was ist die Schändung des Gottesnamens? Dass ihre Feinde über sie sagten: ‚Sie sollten doch Volk des Herrn sein. Aber sie sind aus Seinem Land fortgegangen. Der Herr hatte nicht die Macht, Sein Volk und Sein Land zu retten.‘“

Radak[2] unterstreicht und ergänzt: „Das ist die Entweihung des Namens Gottes, dass die Völker über Israel sagen, sie seien das Volk Gottes, sie waren bereits als ‚Volk Gottes‘ bekannt, und jetzt sind sie aus Seinem Land ausgezogen!“ Welch ein Skandal! Radak fährt fort und zeigt, wie die Diaspora, je länger sie andauert, desto mehr verdeutlicht, wie ohnmächtig der Gott Israels ist. Die Völker sagen: „Wie konnte Er sie erwählen, wenn Er sie danach verwerfen und aus Seiner Gegenwart vertreiben musste?!“

Ein Jude in der Diaspora entheiligt den Namen Gottes

Martin Luther verunglimpfte das jüdische Volk und ihre wortgetreue Schriftauslegung. Luther konnte an der Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift nur festhalten, indem er große Teile des ursprünglichen Wortes Gottes „vergeistlichte“. Die Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes, das heißt, die Trennung des Volkes Israel vom Land Israel, interpretierte er als untrügliches Zeichen ihrer endgültigen Verwerfung. Der deutsche Reformator war sich seiner Sache so sicher, dass er versprechen konnte, selbst Jude zu werden, sollten die Juden jemals in ihr Land zurückkehren.[3]

Luther meinte, das jüdische Volk lächerlich machen zu können. Aus Sicht eines jeden, der die Heilige Schrift und die darin gemachten Verheißungen des lebendigen Gottes ernst nimmt, sind seine Worte allerdings eine Verhöhnung des heiligen Gottesnamens.

Der Schöpfer des Universums hat sich als „Gott Israels“ offenbart und für die Menschheit greifbar gemacht. Er ist der Gott, der sich in einzigartiger Weise dem Volk Israel und dem Land Israel – und damit der Verbindung zwischen beiden – verpflichtet hat.

Deshalb ist es ein offensichtliches Zeichen seiner Ohnmacht, wenn das Volk Israel vom Land Israel getrennt lebt. Deshalb ist es eine Schändung Seines heiligen Namens, wenn die nichtjüdischen Völker feststellen und sogar verspotten, dass das Volk über die ganze Welt zerstreut leben muss. Und deshalb verunehrt jeder Jude, der außerhalb des Landes Israel lebt, den heiligen Namen des Gottes Israels.

Ein Jude in der Diaspora ist ein Mensch im Grab

Hesekiel geht im unmittelbar folgenden Kapitel 37 sogar noch einen Schritt weiter. Dort beschreibt Gott selbst die Rückführung seines Volkes Israel in das Land Israel mit den Worten: „Ich öffne eure Gräber. Ich führe euch herauf aus euren Gräbern, mein Volk. Ich bringe euch auf den Erdboden Israel!“ (Vers 12).

Im Umkehrschluss bedeutet das: Ein Jude in der Diaspora ist ein Jude „im Grab“, ein totes, ein verwesendes oder gar schon verwestes Glied des Volkes Gottes. Lesen Sie den Zusammenhang von Hesekiel 37,1-14! Der Prophet scheut kein noch so ekelhaftes Bild, um die Diaspora aus der Sicht Gottes zu beschreiben. Die Trennung des Volkes Gottes vom Land der Verheißung ist aus Gottes Sicht ein Zustand, der unter gar keinen Umständen auf Dauer akzeptiert werden kann.

Darf man das alles so heute noch sagen?

Vielleicht muss ich an dieser Stelle ganz persönlich einschieben: Manches, was ich vom biblischen Text her erkläre, erscheint mir selbst manchmal nicht „logisch“. Und in diesem Fall widerspricht das, was die Bibel sagt, auch meinen ganz persönlichen Gefühlen.

Ich freue mich über jeden jüdischen Menschen, der heute in Deutschland lebt. Acht Jahrzehnte nach der Reichspogromnacht, in der mein Volk so schändlich schweigsam war, und sieben Jahrzehnte nach der Schoah, deren Ungeheuerlichkeit mir bis heute die Sprache verschlägt, ist jeder Jude, der mit mir spricht, jeder Jude, der mir bewusst als Deutschem begegnet, jeder Jude, der meine deutsche Heimat als seinen Aufenthaltsort wählt, ein Zeichen der Versöhnung, ein Indiz der Hoffnung, ein Beweis dafür, dass Neuanfang möglich ist.

Das darf und soll unter keinen Umständen unter den Tisch fallen. Das ist mir persönlich unendlich wichtig!

Aber muss ich deshalb verschweigen, oder (noch schlimmer!) umdeuten, was eindeutig und unmissverständlich seit Jahrtausenden als Wort Gottes in der Heiligen Schrift steht? Wie sollen wir damit umgehen, wenn die Bibel so Haarsträubendes konstatiert?

Eine Analogie

Vielleicht hilft eine Analogie, angemessen mit der Aussage von Hesekiel 36 und 37 umzugehen.

In 1. Mose 1,28 lesen wir vom ersten Gebot, das der Schöpfer der Menschheit gibt: „Seid fruchtbar, vermehrt euch und füllt das Land!“ Die Unterscheidung von Mann und Frau, ihre Zuordnung als Paar und der damit verbundene Auftrag, Kinder in die Welt zu setzen, sind die erste und grundlegende Aussage über den Menschen nach der Feststellung, dass sie „im Bild Gottes geschaffen“ sind (Vers 27). Der Segen Gottes wird mit dem Ziel und zum Zweck der Fruchtbarkeit ausgesprochen.

Nur Mann und Frau gemeinsam sind „Mensch“

Die Aussagen über den Menschen in den ersten beiden Kapiteln der Bibel machen die Aussage zwingend, dass ein Mann ohne Frau „hilflos“ ist (1. Mose 2,18-25). Ein alleinstehender Mann oder eine Single-Frau sind nach der Aussage dieser Texte gar kein „Mensch“. Erst in der lebenslangen, exklusiven Verbindung aus einem Mann mit der einen Frau, die Gott ihm zuführt, entsteht „der Mensch“, wie der Schöpfer ihn sich vorgestellt hat.

Der Auftrag Kinder zu bekommen und Eltern zu sein ist so grundlegend, dass im Umkehrschluss zwingend festgestellt werden muss: Ein Mensch, der keine Nachkommen hat, hat das Ziel seiner Existenz verfehlt. Ein Leben ohne Kinder ist sinnlos.

Es ist kaum der Erwähnung wert, dass derartige Aussagen sehr unangenehm sein können angesichts unerfüllter und vielleicht sogar unerfüllbarer Partner- und Kinderwünsche. Auch widerspricht die Bibel eindeutig den Maßstäben, die der Geist des 21. Jahrhunderts setzt.

Wer aber die Radikalität dieser biblischen Aussagen relativiert oder gar als nicht zeitgemäß abtut, wird einen Großteil der biblischen Geschichten nicht verstehen können. Erst auf dem Hintergrund der Schöpfungsgeschichte und ihrer maßgebenden Aussagen über den Sinn und Zweck des menschlichen Daseins wird verständlich, was es bedeutet, wenn die Stammmütter Israels, Sarah (1. Mose 11,30), Rebekka (1. Mose 25,21) und Rahel (1. Mose 30,1) unfruchtbar waren. Unfruchtbarkeit und die damit verbundene Zielverfehlung, das ist, „Sünde“, des menschlichen Daseins ist Thema der Bibel bis hin zu Elisabeth und Zacharias (Lukas 1,7).

Gleichermaßen kann nicht mehr verstanden werden, was die Heilige Schrift über das Land Israel und das Volk Israel sagt, wenn man die ursprünglichen, grundlegenden Aussagen über die Verbindung zwischen Gott, Seinem Land und Seinem Volk nicht in ihrer originalen Schärfe stehen lässt.

Für Singles ein Weg ganz „Mensch“ zu sein

Jesus und Paulus eröffnen im Neuen Testament einen Weg für Ledige, ganz Mensch zu sein. Beachtenswert ist, dass Jesus seine Aussagen in Matthäus 19,11-12 im Zusammenhang eines expliziten Rückverweises auf die Gültigkeit der ursprünglichen Schöpfungsordnung macht.

Paulus zeigt auf, dass es Berufungen und Aufträge im Reich Gottes gibt, die nur Singles erfüllen können. Im Blick auf seinen eigenen Lebensstil und wohl auch die Ehelosigkeit des Messias lässt sich der Apostel zu der Aussage hinreißen: „Ich wünschte, dass alle wären wie ich“ (1. Korinther 7,7). Allerdings bleiben auch in der paulinischen Lehre die ursprünglichen Schöpfungsordnungen unangetastet. Der studierte Rabbiner weiß, dass es eine Irrlehre ist, zu verbieten, eine Frau zu nehmen (1. Timotheus 4,3).

Zurück zur Frage nach dem Land

Wir halten fest: Die Trennung des Volkes Israel vom Land Israel ist nach Aussage der Heiligen Schrift eine Demütigung, Schändung, ja, Lästerung des heiligen Namens Gottes. An dieser Aussage soll und darf grundsätzlich nicht gerüttelt werden. Sie steht auch nach zweieinhalb Jahrtausenden Jahren jüdischer Diaspora in aller Welt ungebrochen fest – und zeigt, was dieses ganze Geschehen für unseren Vater im Himmel bedeutet.

Gleichzeitig dürfen wir aber auch in den biblischen Texten entdecken, dass eine Trennung des auserwählten Volkes vom verheißenen Land immer eine „Gnadenzeit“, eine Chance zum Heil für die nichtjüdischen Völker bedeutet hat.

Diaspora Israels als Heils-Chance für die Nichtjuden

Das galt für die „erste Diaspora“ in Ägypten. Gott erklärte Abram, unserem Vater, dass seine Nachkommen vierhundert Jahre Fremdlinge sein müssten, „in einem Land, das ihnen nicht gehört“. Der Grund dafür war, dass Gott ein Wort mit der Weltmacht Ägypten zu reden hatte. In einzigartiger Weise hatten die Ägypter durch Josef den Gott Israels kennengelernt, waren durch ihn dem Hungertod entkommen. Und auch für die Einwohner des Landes Kanaan bedeutete die Knechtschaft der Hebräer im Land am Nil eine Chance. Die Nachfahren Abrams mussten das verheißene Land verlassen und durften erst nach vier Menschenaltern wieder zurückkehren, „denn die Missetat der Amoriter ist noch nicht voll“ (1. Mose 15,13-16).

Ähnliches gilt für die „zweite Diaspora“ Israels in Babylon. Die Babylonier und danach die Perser wurden mit dem Wort Gottes konfrontiert, so dass sich viele dem Volk Gottes anschlossen. Man lese nur einmal, was die Bibel über Hesekiel, Daniel, Mordechai oder Esther berichtet.

Schließlich war die Zerstreuung des jüdischen Volkes in alle Welt im Laufe der vergangenen zweitausend Jahre, die „dritte Diaspora“, eine Zeit, in der das Evangelium einen einzigartigen Zugang für die nichtjüdischen Völker zum Gott Israels bedeutete. Gott hatte die Frage Abrams nach der Besitznahme des Landes mit dem Verweis auf Sinn und Ziel des Exils in Ägypten beantwortete (1. Mose 15). Genauso beantwortet Jesus die Frage seiner Jünger nach der Rückführung des Volkes Israel in das Land Israel mit dem Auftrag zur Weltmission (Apostelgeschichte 1,6-8).

Die Schändung des Namens Gottes…

Was es für den Vater im Himmel bedeutet, uns Nichtjuden einen Zugang zu Seinem Heil zu verschaffen, wird erst klar, wenn wir das gesamte biblische Zeugnis, alle Aussagen der Heiligen Schrift ernst nehmen.

Der lebendige Gott gab seinen über alles geliebten Sohn als Opfer. Jeschua erlitt für uns einen furchtbar qualvollen Martertod am Kreuz. Das war aber noch lange nicht alles. Dadurch wurde der, der eigentlich der Segen par excellence sein sollte, für uns zum Fluch, „damit der Segen Abrahams unter die Nichtjuden komme“ (Galater 3,10-14). Gott hat „denjenigen, der Sünde überhaupt nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gerechtigkeit Gottes würden in ihm“ (2. Korinther 5,21).

Wenn Israel heute seinen Messias sieht, sieht es einen Fluch – „Jeschu“, das Akronym für die Worte „sein Name und Angedenken sei ausgelöscht“. Wenn das jüdische Volk heute seinen Erlöser vor Augen hat, sieht es Sünde. Nur wenige Juden trauen sich tatsächlich in der Gegenwart von Christen auszusprechen, was sie sehen und empfinden wenn sie die Worte „Kirche“, „Kreuz“ oder „Christentum“ hören.

…um unseretwillen!

Und wenn Paulus davon schrieb, dass durch den „Fall Israels“ „den Heiden das Heil widerfahren“ ist (Römer 11,11), dann sah er nicht nur den Bruch zwischen dem jüdischen Volk und seinem Messias. Dann hatte er auch die Trennung seines Volkes vom Land Israel vor Augen. Und das alles geschah, damit die Erlösung im Messias Israels, Jeschua von Nazareth, für die nichtjüdischen Völker, für die „Heiden“, ihre Wirkung entfalten konnte.

Um das einmal ganz persönlich zu sagen: Um unseretwillen… für mich hat der Vater im Himmel nicht nur den Schmerz seines geliebten Sohnes am Kreuz, sondern auch die Trennung zwischen Volk und Messias, und dann sogar die ultimative Schändung des heiligen Gottesnamens, die Trennung von Volk und Land Israel vor den Augen aller Welt, auf sich genommen. Der lebendige Gott erleidet, bis zum heutigen Tag(!), diese extreme Demütigung, damit wir gerettet werden.

Paulus war bis zu seinem Lebensende der thoratreue Rabbinerschüler Scha’ul aus Tarsus geblieben. Wenn er an Nichtjuden(!) davon schrieb, dass er „in den Leiden für euch“ „erfüllt, was noch fehlt an den Bedrängnissen des Messias in meinem Fleisch“ (Kolosser 1,24), dann hatte er diese Zusammenhänge vor Augen, die ihn als Hebräer von Hebräern, als Mitglied des Stammes Benjamin, ganz konkret betrafen. Das Leiden seines Volkes Israel dient uns Nichtjuden zum Heil.

Nicht das letzte Wort!

Nicht einmal für das apostolische Glaubensbekenntnis ist Leiden, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Christi – und natürlich das dadurch bewirkte Heil für die Völker – das letzte Wort. „Von dort wird er [wieder]kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“, heißt es dort.

Jesus wusste, dass Jerusalem nur so lange von den Nichtjuden zertreten würde, „bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind“ (Lukas 21,24). Und Paulus erklärte, dass „ein Teil Israels verstockt wurde, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist“ (Römer 11,25).

Und dann?

Der nächste Schritt: Die Heiligung des Gottesnamens

Dann wird sich Gott an seinen heiligen Namen erinnern, „den ihr geschändet habt unter den nichtjüdischen Völkern“ (Hesekiel 36,22). Und Er wird die Ehre Seines heiligen Namens wiederherstellen. Wie? „Ich werde euch aus den nichtjüdischen Völkern nehmen und euch sammeln aus allen Ländern. Ich werde euch auf euren Erdboden [zurück] bringen“ (Hesekiel 36,24).

Lesen Sie einmal den Zusammenhang von Hesekiel 36, ab Vers 24 bis zum Ende des Kapitels – und darüber hinaus. Sie werden mit hineingenommen in einen spannenden Prozess. Das Volk wird aus aller Welt gesammelt. Letztendlich wird Gott „nicht einen von ihnen dort zurücklassen“ (Hesekiel 39,28). Der Herr verspricht seinem Volk ein neues Herz und einen neuen Geist. Da ist vom Land der Väter die Rede, das sie bewohnen werden, von Früchten auf den Bäumen und dem Ertrag des Feldes, von Städten, die einmal zerstört, öde und niedergerissen waren, aber nun fest gebaut stehen und bewohnt sind.

Gott tut das alles „nicht um euretwillen, ihr vom Hause Israel, sondern um meines heiligen Namens willen“. Das ist ernüchternd für uns Menschen, seien wir nun Juden oder Nichtjuden, dass Gott ein Kapitel aufschlägt, in dem es nicht mehr um unsere Erlösung geht. Das ist aber auch der Grund, warum diese Voraussagen als unumstößlich gelten: Es geht um die Ehre des Ewigen und darum, dass alle Menschen erfahren, dass Er der Herr ist.

Fußnoten:

[1] Rabbi Schlomo Ben Jizchak (1040-1105) oder auch „Rabbi Schlomo Izchaki“, gemeinhin „Raschi“ genannt, wurde im nordfranzösischen Troyes geboren, studierte zehn Jahre in Mainz und Worms, bevor er wieder nach Troyes zurückkehrte, wo er sich als Richter und Lehrer auszeichnete. In seinen letzten Lebensjahren erlebte er die Judenverfolgungen der Kreuzzüge mit. Raschi gehört zu den ganz großen Auslegern jüdischer Schriften und ist der Erste, der Bibel und Talmud umfassend ausgelegt hat. Seine Grundanliegen waren, die Heilige Schrift unters Volk zu bringen, die Einheit des jüdischen Volkes zu fördern und die theologische Auseinandersetzung mit dem Christentum. Raschi unterschied scharf zwischen „Pschat“ (wörtlicher Auslegung) und „Drasch“ (übertragener, allegorischer Auslegung), wobei der Pschat den Ausschlag gibt. Seine Schriftauslegung hat den Reformator Martin Luther entscheidend geprägt. Obwohl seine Kommentare bis heute zum Standard gehören, schreibt er nicht selten „das weiß ich nicht“.

[2] Rabbi David Ben Yosef Kimchi (1160-1235) der so genannte „Radak“, war der Erste unter den großen Schriftauslegern und Grammatikern der hebräischen Sprache. Er wurde im südfranzösischen Narbonne geboren. Sein Vater starb früh, so dass David von seinem Bruder Mosche Kimchi erzogen wurde. Radak erlaubte philosophische Studien nur denjenigen, deren Glaube an Gott und Furcht des Himmels gefestigt sind. Öffentlich setzte er sich mit Christen auseinander und griff vor allem deren allegorische Schriftauslegung und die theologische Behauptung an, das „wahre Israel“ zu sein.

[3] Vergleiche „Ein Brief D. Mart. Luther. Wider die Sabbather an einen guten Freund. 1538“, WA 50.309-327. Für unseren Zusammenhang sind besonders die Seiten 323 und 324 wichtig, die eingesehen werden können unter https://archive.org/stream/werkekritischege50luthuoft#page/322/mode/2up (29.11.2018).

Bitte informieren Sie mich über neue Artikel