Israels Umgang mit Covid-19

  • Januar 22, 2021
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„Weißt du, warum Gott die Schnaken geschaffen hat?“ – Mit dieser Frage beantwortet die ultraorthodoxe Mutter von sieben Töchtern und sieben Söhnen meine Frage, was sie zur Covid-19 Pandemie zu sagen habe. „Um dem Menschen durch eine winzige, schwache Kreatur seine Grenzen zu zeigen“, beantwortet sie ihre eigene Frage. „So ist das auch mit dem für unsere Augen unsichtbarem Corona-Virus.“

Über die ultraorthodoxen Juden, die auf Hebräisch „Charedim“ genannt werden, wird momentan viel geredet. Das ganze Land befindet sich im dritten Lockdown. In geschlossenen Räumen dürfen sich maximal fünf, im Freien höchstens zehn Personen versammeln. Trotzdem musste die israelische Polizei wieder einmal Hunderte von ultraorthodoxen Hochzeitsgästen vor Augen des Brautpaares auseinandertreiben.

Sonderregelungen für Ultraorthodoxe?

In der Öffentlichkeit wird Kritik laut, die Polizei sei in der säkularen Gesellschaft viel mehr im Einsatz und verteile unter Nichtreligiösen viel mehr Strafzettel als in der ultraorthodoxen Gesellschaft. Dabei seien es die Ultraorthodoxen, die die Corona-Regelungen viel mehr umgehen und übertreten.

So hat zum Beispiel zu Beginn der Pandemie die Polizei mit viel Aufwand einen einsamen Surfer auf dem Meer vor Tel Aviv verfolgt. Gleichzeitig hatte der 93-jährige Rabbiner Chaim Kanievsky, eine der führenden Autoritäten in der ultraorthodoxen Welt, seine Schüler angewiesen, sich nicht auf Corona testen zu lassen.

Als der Corona-Beauftragte für ultraorthodoxe Juden, Generalmajor a.D. Ronny Ruma gefragt wurde, ob diese Nachsicht politische Gründe habe, antwortete er ohne zu Zögern mit Ja. Besonders jetzt, wenn wieder einmal Wahlen anstehen, würden politische Überlegungen eine große Rolle spielen.

Militär und Geheimdienst gegen den Virus

Warum wird ein Generalmajor a.D. zum Corona-Beauftragten? – So ist das in Israel. Auf ausdrücklichen Wunsch von Verteidigungsminister Benni Gantz soll sein Ministerium in dieser Angelegenheit enger mit dem Gesundheitsministerium zusammenarbeiten. Dem Jerusalemer Bürgermeister Mosche Leon steht für die Bekämpfung der Pandemie in Ostjerusalem als Berater Brigadegeneral Rafi Milo zu Seite.

Von Anfang an hat Israels Inlandsgeheimdienst „Schabak“ in so genannten epidemologische Untersuchungen mit einbezogen. Über Mobiltelefone kann nachvollzogen werden, wo sich Corona-Kranke aufgehalten haben, und mit welchen anderen Personen sie möglicherweise in Kontakt kamen. Diese Leute wurden dann benachrichtigt und vorsorglich in Quarantäne geschickt.

Verletzte Privatsphäre und öffentliches Chaos

Bei dieser Verfahrensweise traten zwei Probleme auf. Zum einen ein rechtliches Problem, weil in der Knesset nicht über derartige Notstandsmaßnahmen abgestimmt worden war und so eine Verletzung der Privatsphäre vorlag. Erst durch einen Gerichtsprozess, den die Vereinigung zum Schutz der Zivilrechte angestrengt hatte, wurden dann die Bedingungen für derartige Notstandsmaßnahmen definiert.

Das zweite Problem war praktischer Art. Da das Verfahren viele Irrtümer verursachte, beschwerten sich die betroffenen Personen beim Gesundheitsministerium über den falschen Alarm. Das führte dazu, dass dort die Leitungen überlastet waren und ein großes Durcheinander entstand.

Außer vom Gesundheitsministerium und medizinischen Fachkräften wird der unsichtbare Virus in Israel also auch von pensionierten Generälen und vom Schabak bekämpft. Alle Flüge von und nach Israel wurden radikal reduziert. Ins Land einreisen dürfen nur israelische Bürger oder Leute mit einer speziellen Genehmigung.

Politiker müssen sich entschuldigen

Ausgerechnet zur Zeit des Passafestes kam dann der erste, sehr strenge Lockdown. Passa ist normalerweise ein großes Familienfest. Jetzt waren nur Lebensmitteleinkäufe und die aller nötigsten Besorgungen erlaubt. Ansonsten durfte sich niemand mehr als 100 Meter von seinem Wohnort entfernen. Selbst Joggen war nicht mehr erlaubt. Spielplätze, Sportplätze und Strände waren geschlossen und Ausflüge in die Natur verboten.

Niemand durfte während des Festes seine Familie besuchen. Großeltern wurden von ihren Enkelkindern getrennt. Lediglich Eltern, die in Scheidung lebten, durften sich die gemeinsamen Kinder einander übergeben.

Nach dem Fest wurde dann in den Medien offengelegt, welche Politiker der Bevölkerung zwar schwere Bürden auferlegten, selbst aber nicht bereit waren, sich an ihre eigenen Regelungen zu halten. So musste sich Präsident Reuven Rivlin öffentlich dafür entschuldigen, dass er als Witwer das Fest bei der Familie seiner Tochter gefeiert hatte.

Familienfeste im Lockdown

Der nächste Lockdown in der Zeit der großen Feste, Neujahr, großer Versöhnungstag und Laubhüttenfest, war deshalb schon etwas gnädiger gestaltet. Bewegung an der frischen Luft wurde in Umkreis von 500 Metern vom Wohnort gestattet. Joggen und Sportaktivitäten von Einzelnen waren uneingeschränkt erlaubt. Im erlaubten Umkreis konnten sich Kinder im Park oder auf einem Spielplatz aufhalten.

Da Israels jüdische Bevölkerung kein Weihnachten feiert, begann der dritte Lockdown kurz vor Silvester. Säkulare begehen den Abschluss des so genannten „bürgerlichen Jahres“ nämlich gerne mit Partys und „die Russen“ haben den kommunistischen Weihnachtsersatz „Novy God“ mit nach Israel gebracht. Diese Art von Versammlungen wollte man vermeiden, zumal um den Jahreswechsel die Zahl der Neuinfizierten wieder anstieg.

Neue Virusmutationen in Israel

Da zwischenzeitlich der Luftverkehr wieder aufgenommen worden war, waren viele Israelis vor den Lockdowns ins Ausland geflohen, um dann von dort unter anderem neue Mutationen des Virus mitzubringen. Aufgrund dieser Sachlage entschied sich Israel alle Einreisenden gleich in so genannte Corona-Herbergen in Quarantäne zu sperren. Eine Ausnahme wurde nur mit Menschen über 70, Schwangeren, Kindern und Leuten mit einer ärztlichen Bescheinigung gemacht. Diese Maßnahmen führten dann teilweise zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Für orthodoxe und ultraorthodoxe Juden ist es entscheidend wichtig, sich zum gemeinsamen Gebet und zur Schriftlesung zu versammeln. Weniger als zehn Männer können keinen Gottesdienst miteinander feiern. Die Option christlicher Gemeinden, sich übers Internet zu versammeln und gemeinsam Gottesdienst zu feiern, entfällt für orthodoxe Juden, da man am Schabbat keine elektrischen Geräte bedienen darf.

Erfindungsreichtum zur gebotenen Versammlung

Deshalb „versammelten“ sich Orthodoxe auf Rufweite auf ihren Balkons und Terrassen. Vor Privathäusern wurden alternative Synagogen eingerichtet. In den Synagogen selbst wurde in den vorgeschriebenen Abständen gebetet und gesungen. Die Gebetspulte wurden durch Plastikfolien voneinander getrennt, so dass einzelne Gebetszellen entstanden, die aber auf Ruf- und Sichtweite miteinander verbunden waren. Ähnlich wurde der religiöse Unterricht orthodoxen Schulen fortgesetzt.

Unbestritten übersteigt die Autorität der Rabbiner in orthodoxen und vor allem ultraorthodoxen Kreisen die Weisungsbefugnis der Regierung. Deshalb müssen sich Regierungsvertreter mit den Rabbinern absprechen, damit diese „ihre Schäfchen“ in eine bestimmte Richtung führen.

Und ganz unflexibel sind die Ultras auch nicht. So hat sich Rabbi Kanievsky während des dritten Lockdown bereiterklärt, die orthodoxen Schulen eine Zeitlang zu schließen. Der 93-Jährige war selbst an Covid-19 erkrankt, hat sich mittlerweile aber mit Hilfe der Pflege seiner eigenen Leute wieder erholt. Viele Ultraorthodoxe haben keinen Zugang zum Internet. Neue Regelungen müssen per Lautsprecher in ihren Wohngebieten bekannt gemacht werden.

Orthodoxe für Impfungen

Momentan scheinen sich die führenden Rabbiner für eine Impfung gegen Covid-19 aussprechen. Neben dem Premierminister, dem Gesundheitsminister und dem Generalstabschef war der ehemalige Oberrabbiner und Holocaustüberlebende Israel Meir Lau einer der Ersten, der sich impfen ließ.

Rabbi Lau ließ verlauten: „Mit Gottes Hilfe haben wir nach monatelangem Toben des Corona-Virus eine Impfung, die helfen kann, den Virus einzudämmen. Jeder, der auf ärztliche Anweisung geimpft werden kann, sollte es tun. Covid-19 ist eine nachweisbare Gefahr, die größer ist, als mögliche Nebenwirkungen… Wir beten und hoffen, dass der Herr diese Pandemie stoppt und wir bald zu einem normalen Leben zurückkehren können.“

Sehnsucht nach Normalität

Bis zu Beginn der zweiten Januarhälfte haben sich über zwei Millionen Israelis impfen lassen. Warum? Israelis sind insgesamt mutig und haben keine Angst vor Innovationen. Im Gegenteil, viele Innovationen weltweit kommen gerade aus Israel. Sodann hört der eine oder andere auf seinen Rabbi. Und Viele haben die Lockdowns und Einschränkungen einfach satt. Die Hoffnung auf eine Rückkehr zu einem normalen Leben ist groß.

Israel ist ein besonderes Land. Auf jeder Liste von Corona-Einschränkungen ist immer auch aufgeführt, wie viele Menschen sich zum Gebet in Innenräumen und wie viele sich im Freien versammeln dürfen. Bis vor ein paar Tagen hat auch das Wetter mitgespielt. Deshalb begleitete uns an den Feiertagen durch die gesamte Pandemie-Zeit hindurch der Gesang der betenden Juden.

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