Beängstigend chaotisch. Psalm 2 – zweiter Teil

  • Januar 25, 2017
Yasser Arafat's Funeral

Die Welt ist im Aufruhr. Hunderttausende von Menschen werden jedes Jahr ums Leben gebracht. Millionen sind auf der Flucht. Jahrtausende alte Kulturen verschwinden. Politische und gesellschaftliche Ordnungen, die unumstößlich schienen, wanken.

Der moderne jüdische Staat ist eine friedliche Insel inmitten eines blutigen Dschungels. Selbst feindlich gesinnte Nachbarn bewundern Israel ganz offen als Beispiel der Stabilität und des wirtschaftlichen Erfolgs. Im weltweiten Vergleich ist das Land ein Vorbild der Toleranz und Koexistenz ganz unterschiedlicher Ethnien, Kulturen, Religionen und politischen Überzeugungen.

Warum nur meinen fast alle namhaften Politiker von Amerika bis China, von Finnland bis Südafrika nichts Besseres zu tun zu haben, als „den Nahostkonflikt“ zu lösen? Nein, ich will nicht von den Problemen ablenken, die es in und um und im Zusammenhang mit Israel gibt. Der jüdische Staat sieht sich Herausforderungen gegenüber. Und es ist nicht alles gut im Lande Israel. Aber die Krankheiten Israels sind Haarausfall, unreine Haut oder im schlimmsten Fall vielleicht ein Schnupfen im Vergleich zu den Seuchen, die um uns herum und weltweit Millionen hinraffen.

„Warum nur“, fragt der Beter von Psalm 2, „toben die Völker? Warum murmeln die Staaten so unsinnig?“ (Vers 1). Mit wenigen Worten zeichnet er das Bild einer chaotischen, unkontrollierbar brausenden, unüberschaubaren Menschenmasse. Die weltumfassende Staatengemeinschaft, durch die die Nationen sich eine Ordnung zu geben suchen, ist im Aufruhr.

„Die Könige der Erde treten zusammen. Die Bürokraten beraten miteinander“ (Vers 2a). Die herrschenden Politiker sollten eigentlich die Zügel in der Hand haben. Aber sie schwimmen mit dem Strom der Mehrheitsmeinung und verabreden sich zu geheimen Beratungen. Anstatt sich dem Zeitgeist entgegenzustellen und Vernunft einzufordern, verfassen sie Resolutionen, die letztendlich zu Krieg führen, weil sie sich der Stimmenmehrheit des tobenden Pöbels beugen. Das alles sehen jüdische Schriftausleger in diesen hebräischen Worten.

Martin Luther bezeichnet die aufgebrachten Völker in seiner Auslegung als „unvernünftige Bestien“ und stellt fest, dass das hier verwendete Wort, das er mit „Heiden“ übersetzt, „sehr häufig im Gegensatz gegen Israel oder die Juden gebraucht wird“[1].

Zwei Feststellungen macht der Psalmbeter in den ersten beiden Versen, die nicht mit der normalen menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit festgestellt werden können. Sie setzen einen prophetischen Durchblick voraus, eine Perspektive, die dem menschlichen Auge unmöglich ist.

Erstens ist das Ansinnen der Völker und ihrer Anführer wörtlich „leer“, das heißt, „sinnlos“, „unsinnig“, „vergeblich“. Wenn es die Handlungsweise von Autoritätspersonen bezeichnet, die etwas mit Nachdruck vertreten oder gar einfordern, bedeutet das kleine hebräische Wörtchen „rek“ (ריק), das an dieser Stelle steht, sträflich „leichtfertig“.

Zweitens richtet sich die Rebellion der Völker „gegen den Herrn und gegen seinen Gesalbten“ (Vers 2b).

Biblische Wortstudien zeigen, dass „der Sohn“, „der Knecht“ und „der Messias“ Gottes zuerst das Volk Israel sind. So erklärt Gott dem ägyptischen Pharao: „Israel ist mein erstgeborener Sohn!“, und fordert: „Lass meinen Sohn ziehen, dass er mir diene!“ Um dann zu drohen: „Wirst du dich weigern, so will ich deinen erstgeborenen Sohn töten!“ (Ex 4,22f.). Ebenso zeichnet der Prophet Jesaja das Volk Israel als Knecht Gottes und König David weiß, dass Gott „Könige um Israels willen zurechtwies“, mit der Erklärung: „Tastet meine Messiasse nicht an!“ (1. Chr 16,21f.).

Ausgerechnet Martin Luther fühlt an dieser Stelle einen Zusammenhang mit Sach 2,12: „Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an.“[2] Völlig im Denken der Substitutionslehre[3] gefangen übersieht er dann allerdings die ursprüngliche Bedeutung von Sach 2 im Blick auf das jüdische Volk, die auch hier in Ps 2,2 möglich ist, und überträgt das Gesagte ohne weitere Überlegung auf Christus und die christliche Kirche.

Es muss kein Widerspruch sein, wenn das Neue Testament das Prophetenwort, „Ich habe meinen Sohn aus Ägypten gerufen“ (Hos 11,1) auf Jesus anwendet (Mt 2,15). Wenn es in ihm den Gottesknecht aus dem Prophetenbuch des Jesaja sieht, der die Schwachheit und Krankheit seines Volkes trägt[4]. Selbstverständlich erkennt es in ihm den Messias, den Sohn Gottes und König von Israel. Erst die Einheit aus dem Volk Israel mit seinem König ergibt das vollständige Bild des Gottessohns, des Gottesknechts und des Gesalbten Gottes. Das Volk Israel ist ohne seinen König nicht vollständig. Und Jesus Christus wird herausgelöst aus seinem jüdischen Volk zwangsweise zur leeren theologischen Floskel.

Die Völkermassen mögen sich gegenseitig zerfleischen und unendliches Leid zufügen. In dieser Zielrichtung „gegen den Herrn und gegen seinen Messias“ sind sie sich einig.

„Lasst uns zerreißen ihre Bindungen und von uns werfen ihre Stricke“ fasst Vers 3 den Emanzipationsaufschrei der Völkerwelt zusammen. Die hebräischen Worte zeichnen das gewaltsame Zerreißen[5] von Riemen, die ein Joch auf ein Zugtier binden (Raschi)[6]. Der orthodoxe Rabbiner Samson Raphael Hirsch[7] und der deutsche Reformator Martin Luther sind sich darin einig, dass es sich bei diesen „Banden und Stricken“ um die göttlichen Ordnungen handelt, ohne die ein Volk zugrunde geht. Eigentlich will das Wort Gottes den Völkern zum Heil dienen. Doch statt Heilung auf dem einzigen zum Ziel führenden Weg zu suchen, beklagt Rabbi Hirsch, bekämpfen sie das Heilsprinzip. Sie „suchen die Krankheit da wo gerade die Heilung liegt, und suchen Heilung in dem was nur noch das Siechtum mehrt.“[8]

Fußnoten:

[1] Johann Georg Walch (hg.), Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Vierter Band. Auslegung des Alten Testaments (Fortsetzung). Auslegung über die Psalmen (Groß Oesingen: Verlag der Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms, 2. Auflage, 1880-1910), 254.

[2] Johann Georg Walch (hg.), Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Vierter Band. Auslegung des Alten Testaments (Fortsetzung). Auslegung über die Psalmen (Groß Oesingen: Verlag der Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms, 2. Auflage, 1880-1910), 258.

[3] Lehre, dass die neutestamentliche Gemeinde Israel als Gottes Volk abgelöst hat und Israel damit als Volk keine heilsgeschichtliche Bedeutung mehr hat.

[4] Zum Beispiel Mt 8,17 mit Verweis auf Jes 53,4.

[5] Samson Raphael Hirsch, Psalmen (Basel: Verlag Morascha, 2. Neubearbeitete Auflage 2005), 8.

[6] Rabbi Schlomo Ben Yitzchak (1040-1105), oder auch „Rabbi Schlomo Itzchaki“, gemeinhin „Raschi“ genannt, wurde im nordfranzösischen Troyes geboren, studierte zehn Jahre in Mainz und Worms, bevor er wieder nach Troyes zurückkehrte, wo er sich als Richter und Lehrer auszeichnete. In seinen letzten Lebensjahren erlebte er die Judenverfolgungen der Kreuzzüge mit. Raschi gehört zu den ganz großen Auslegern jüdischer Schriften und ist der Erste, der Bibel und Talmud umfassend ausgelegt hat. Seine Grundanliegen waren, die Heilige Schrift unters Volk zu bringen, die Einheit des jüdischen Volkes zu fördern und die theologische Auseinandersetzung mit dem Christentum. Raschi unterschied scharf zwischen „Pschat“ (wörtlicher Auslegung) und „Drasch“ (übertragener, allegorischer Auslegung), wobei der Pschat den Ausschlag gibt. Seine Schriftauslegung hat den Reformator Martin Luther entscheidend geprägt.

[7] Samson Raphael Hirsch (1808-1888) stammte aus Hamburg und diente als Oberrabbiner in Oldenburg, Aurich, Osnabrück, in Mähren und Österreichisch-Schlesien. Als profilierter Vertreter der Orthodoxie war er ein ausgesprochener Gegner des Reform- und konservativen Judentums. Hirsch legte großen Wert auf das Studium der gesamten Heiligen Schrift. Ab 1851 war er Rabbiner der separatistischen orthodoxen „Israelitischen Religions-Gesellschaft“, engagierte sich im Bildungsbereich und veröffentlichte das Monatsmagazin „Jeschurun“. Hirsch hatte eine große Liebe zum Land Israel, war gleichzeitig aber ein Gegner der proto-zionistischen Aktivitäten von Zvi Hirsch Kalischer. Er wird als einer der Gründungsväter der neo-orthodoxen Bewegung gesehen.

[8] Samson Raphael Hirsch, Psalmen (Basel: Verlag Morascha, 2. Neubearbeitete Auflage 2005), 8.

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