Arroganz und Naivität

  • März 10, 2016
israelnetz

Liebe Leser!

„Jetzt reißen Sie sich doch einmal zusammen. Wir haben den Nordirlandkonflikt gelöst. Da werden Sie doch auch hier miteinander zurande kommen!“ Mit diesen Worten schulmeisterte vor ein paar Jahren einer der führenden deutschen Europapolitiker sein hochkarätiges Publikum in einem der renommiertesten Hotels Jerusalems. Selbstverständlich hatte er sich zuvor als „Freund Israels“ geoutet, seiner Betroffenheit über die deutsch-jüdische Vergangenheit Ausdruck verliehen und sich „mit Nachdruck zum Existenzrecht Israels“ bekannt.

Nach der Ansage, Freundschaft zeichne sich „dadurch aus, dass wir die Wahrheit sagen“, kam er zu seinem eigentlichen Anliegen: Der illegale Siedlungsbau ist das Hindernis für einen Frieden schlechthin und der Hauptgrund für die Isolierung Israels. Was die keineswegs der religiösen Orthodoxie oder des Siedlerextremismus verdächtigen Israelis an meinem Tisch auf Hebräisch über deutsche Politiker murmelten, konnte der Professor aus Brüssel nicht verstehen. Aber er hätte durchaus sehen können, wie nach seinem Nordirlandvergleich einige Besucher, die dem Aussehen nach zur Gründergeneration des jüdischen Staates gehörten oder gar selbst die Scho‘ah überlebt hatten, den Saal laut schimpfend verließen.

Die Frage: „Was ist der Grund dafür, dass die USA in den vergangenen Jahrzehnten von einem verlorenen Krieg zur nächsten militärischen Blamage taumeln?“, beantwortete ein Oberst d.R. der US-Armee: „Eine verhängnisvolle Mischung aus Arroganz und Naivität!“ Palästinenser in Ramallah behaupten ganz offen mit breitem Grinsen, Barack Obama sei der Muslimbruder mit der intelligentesten Strategie. Christen in Ägypten bezeichnen die Vereinigten Staaten von Amerika als „größten Christenverfolger, den der Nahe Osten jemals erlebt hat“. Wo immer sich die USA engagiert haben, blüht das Chaos, brechen Recht und Ordnung zusammen, füllen radikale Islamisten das politische Vakuum und läuten das Ende von zwei Jahrtausenden orientalischem Christentum ein.

Es gibt einen gemeinsamen Nenner, der die am tiefsten verfeindeten Menschen hier im Nahen Osten miteinander verbindet: Man erwartet von westlichen Nahostinitiativen nichts mehr. Es ist sehr schwer unter Juden und Arabern, Muslimen oder Israelis noch Menschen zu finden, die Ratgeber aus Europa oder Amerika ernst nehmen. Das tut weh. Das will niemand hören. Aber das muss gesagt werden, wenn sich etwas ändern soll.

Das Abkommen, das Sir Mark Sykes aus Großbritannien und der Franzose François Georges-Picot vor hundert Jahren erarbeitet haben, wurde zum Inbegriff westlicher Unzuverlässigkeit. Dass sich an der Nahostkompetenz der Politiker Europas und Amerikas nicht viel geändert hat, zeichnet der Artikel unseres Kollegen Daniel Frick über die Kapriolen der schwedischen Außenministerin Margot Wallström nach.

Mittlerweile ist es nicht mehr nur eine Frage, ob wir auf die Entwicklungen im fernen Orient Einfluss nehmen wollen. Unaufhaltsame Flüchtlingsströme, deren Ende noch lange nicht absehbar ist, haben das Morgenland, seine Religionen und Mentalitäten, seine Verletzungen und Probleme ins Herz Europas gebracht. Die Fehler der Väter zu analysieren, um aus ihnen zu lernen, ist der richtige erste Schritt in die Zukunft.

Mit einem herzlichen Schalom grüßt Sie aus Jerusalem,

Ihr Johannes Gerloff

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