Alle außer Sanders. Der US-Wahlkampf aus israelischer Sicht

  • Mai 4, 2016
Trump-Clinton

„Heute ist ein Schicksalstag“, verkündet der Nachrichtensprecher von Israels Kanal 1 zur abendlichen Hauptnachrichtenzeit, gesteht dann allerdings prophylaktisch gleich ein: „Richtig, wir sagen das jedes Mal. Aber dieses Mal ist es wirklich so.“ Im Laufe der Sendung kommen Experten zu Wort und amerikanisch-stämmige Israelis: „Hillary reitet eigentlich nur auf den Angstwellen vor Trump“, wird da analysiert, und: „Die Begeisterung in der Demokratischen Partei liegt bei Sanders.“

Fast täglich ist bereits der Vorwahlkampf in den USA Thema in Israels Medien. Man beobachtet genau und differenziert. Jeder einzelne Kandidat wird unter die Lupe genommen, sein Pfad Bundesstaat für Bundesstaat nachgezeichnet. Taktische Schachzüge der Politiker, die gerne zum mächtigsten Menschen der Welt werden möchten, werden registriert, beschrieben und bedacht.

Doch all das geschieht eigenartig emotionslos, fast schon übertrieben objektiv. Eigentlich scheuen sich Israelis nie, eine Meinung zu haben und diese auch zu sagen. Beim Fußball zum Beispiel hat sich Israel nie wirklich als Spieler auf der internationalen Wiese profiliert. Aber die Kommentatoren haben jedes Tor, jede verpasste Chance, jeden Fehler vorhergesehen. Zumindest erwecken sie beim Rückblick den Anschein. Die Meinungsstille in Israel um den amerikanischen Wahlkampf ist auffallend, fast schon verdächtig.

Laut einer Umfrage des „Israel Democracy Institute“ glaubten im April 2016 40 Prozent aller jüdischen Israelis, Hillary Clinton sei besser für Israels Interessen, gegenüber 30 Prozent, die Donald Trump für besser hielten. Der überwiegende Großteil der arabischen Israelis – etwa 20 Prozent der israelischen Staatsbürger sind Araber – wollten sich nicht festlegen. Wer sich äußerte, bezeichnete Clinton und Trump als gleich gut. Einen Monat zuvor, im März 2016, hatten noch 34 Prozent der jüdischen Öffentlichkeit in Israel einen republikanischen Präsidenten als „besser für Israel“ bezeichnet, verglichen mit 28 Prozent, die sich für einen demokratischen US-Präsidenten ausgesprochen hatten.

Schon früh gab es die üblichen Analysen nach dem Motto „Donald Trump, Israel und die Juden“. Darin wurde befriedigt festgestellt, dass Trump mehrfach pro-israelische Positionen vertreten, Präsident Obama kritisiert und Premierminister Netanjahu gelobt habe. Im Grunde habe Barack Obama es jedem republikanischen Herausforderer leicht gemacht, sich „pro-israelisch“ darzustellen.

Dass Obama für den Stillstand der palästinensisch-israelischen Verhandlungen ausschließlich Israel verantwortlich macht, habe die Palästinenser nicht kompromissbereiter gestimmt. Seine Weigerung, von „islamischem Terror“ zu sprechen und seine Versuche, den Islamischen Staat als „nicht-muslimisch“ darzustellen, widerspreche schlicht der Realität im Nahen Osten. Trump wisse, so die Analyse, Schwächen und Verwirrung von Obamas Nahostpolitik geschickt auszunutzen.

Andererseits aber, habe Trump „eine Politik vorgeschlagen und Äußerungen gemacht, die kein Jude guten Gewissens akzeptieren oder sich mit ihnen identifizieren kann“. Worauf diese Feststellung zielt, wurde deutlich, als Trump einen Israelbesuch, der eigentlich für den 28. Dezember 2015 geplant war, selbst absagte, „um Netanjahu nicht unter Druck zu bringen“. Grund dafür war, dass der vollmundige Neupolitiker nach dem Massaker von San Bernadino am 2. Dezember vorgeschlagen hatte, allen Muslimen die Einreise in die Vereinigten Staaten zu verbieten.

Ein grundsätzlicher Einwanderungsstopp ruft bei Juden ungute Erinnerungen wach. Im vergangenen Jahrhundert retteten Wanderbewegungen unzählige Juden vor Verfolgung, Pogromen und Vernichtung in Osteuropa, Russland und der arabischen Welt. Zudem hat man die geschlossenen Grenzen während des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen, die vielen jüdischen Menschen das Leben gekostet haben. Deshalb protestierten 37 Knessetmitglieder gegen den Trump-Besuch und forderten von Netanjahu, ihn abzusagen. Netanjahu weigerte sich. Zum Glück für ihn, sagte Trump dann selbst seinen Besuch ab.

Alles, was beim Ringen der amerikanischen Gesellschaft um einen neuen Staatschef in irgendeiner – auch indirekter – Weise Bezug zum Geschehen im Nahen Osten hat, wird in Israel wahrgenommen und analysiert. So wird genau registriert, wenn die russisch-stämmige amerikanisch-jüdische Journalistin Julia Ioffe antisemitische Hassmails bekommt, nachdem sie Melania Trump porträtiert hat. Trump-Anhänger bedienten sich alter judenfeindlicher Klischees, forderten gar mit Bezug auf den Holocaust „Zurück in den Ofen!“, nachdem sich die Trump-Gattin auf Facebook beschwert hatte, das ausführliche Porträt von Ioffe sei nicht korrekt.

Im Januar gab Mike Bickle, Gründer und Direktor des International House of Prayer in Kansas City, seine Unterstützung des republikanischen Präsidentschaftsanwärters Ted Cruz bekannt. Schnell fanden israelische Journalisten heraus, dass Bickle Juden zum Christentum bekehren will; dass er behauptet, Hitler sei von Gott gesandt gewesen, um die Juden zu verfolgen, die Jesus nicht als Messias anerkannt haben; und dass er dem jüdischen Volk noch einmal eine furchtbare Leidenszeit in der Zukunft inklusive Konzentrationslagern prophezeit als Gottes Gericht für die „Perversion und Sünde“ Israels.

Für Amerikas Juden ist Cruz der letzte Republikaner, für den sie ihre Stimme abgeben würden, spekuliert Chemi Shalev in der linksliberalen Tageszeitung HaAretz aus Anlass von Bickles Unterstützungszusage. Daran ändere auch die jüdische Desillusionierung über Obama nichts. Nur ihr Mitjude Bernie Sanders sei noch weniger wählbar, meint der israelische Kommentator. Ob der profilierte jüdische Harvard Professor Alan Dershowitz, der nicht nur einer der schärfsten Verteidiger Israels ist, sondern auch seinen ehemaligen Studenten Ted Cruz unterstützt, daran etwas ändern kann, bleibt offen.

In Israel wurde sehr wohl registriert, dass Cruz in Washington bei einer Veranstaltung für verfolgte christliche Minderheiten im Nahen Osten ausgepfiffen wurde, weil er den orientalischen Christen gesagt hatte, sie hätten „keinen besseren Freund als den jüdischen Staat“. Bevor er gezwungenermaßen die Bühne verlassen musste, ließ er es sich nicht nehmen, seinen Mitchristen zuzurufen: „Wenn Sie nicht zu Israel und den Juden stehen, werde ich nicht zu Ihnen stehen!“ Einen Teil der konservativen Israelfreunde stieß Cruz indes vor den Kopf, weil er es wagte, das militärische Vorgehen seines Landes im Irak, Syrien und Libyen infrage zu stellen. Aus israelischer Sicht ist unumstritten, dass die Nahostpolitik der USA in den zurückliegenden Jahrzehnten ein einziges Desaster ist.

Hillary Clintons jüdischer Herausforderer innerhalb der Demokratischen Partei hat sich wiederholt durch Äußerungen zur Lage in Nahost profiliert, die eine eigenartige Mischung aus Unkenntnis und offener Antipathie gegenüber dem Staat offenbaren, in dem er selbst einige Zeit seines Lebens verbracht hat. So meinte Bernie Sanders etwa, dass zwei Stadtviertel von Baltimore „eine höhere Kindersterblichkeitsrate aufweisen, als die Westbank in Palästina“. Prompt berichtete die Jerusalem Post die Frage von David Harris, dem Vorsitzenden des American Jewish Committee: „Was haben die Herausforderung der Leute in Baltimore mit dem täglichen Leben der Palästinenser in der Westbank zu tun?“ Unmittelbar gefolgt von dem Vorwurf: „Wer völlig zusammenhanglos den israelisch-palästinensischen Konflikt in einer amerikanischen Innenpolitikdiskussion anführt, dient nur denen, die nur darauf ausgerichtet sind, Israel für alle Versäumnisse der Palästinensischen Autonomiebehörde verantwortlich zu machen.“

Zur Faktenlage: Sanders hätte für seinen Vergleich auch die Türkei, Malaysia oder Brasilien anführen können, die alle eine höhere Kindersterblichkeitsrate haben, als die Palästinensischen Gebiete – ganz zu schweigen von Syrien, Saudi Arabien oder Jordanien. Israel lag 2015 nach Angaben des CIA-Factbooks übrigens mit durchschnittlich 3,55 Totgeburten pro 1000 Geburten beträchtlich vor den USA mit 5,87 Totgeburten.

Fragt man israelische Jugendliche nach dem Wahlkampfgeschehen in den USA, bekommt meist indifferente Antworten, wenn diese überhaupt über ein uninteressiertes Schulterzucken hinausgehen. Das gilt sogar für solche, die selbst einen amerikanischen Pass besitzen. Kaum einer weiß wirklich, was in Amerika vor sich geht. Geschweige denn, dass man sich eine Meinung dazu gebildet hat.

Der Historiker Joel Fishman ist in Kanada geboren, in den Vereinigten Staaten aufgewachsen und lebt seit vier Jahrzehnten in Jerusalem. Er meint im Blick auf das Geschehen in seiner alten Heimat: „Wir haben eine Wahl in den Vereinigten Staaten bei denen alle keinen mögen. Sanders ist ein Radikaler. Es gibt keine Möglichkeit, dass sein Programm verwirklicht werden kann. Er verspricht allen, was sie wollen. Wie einer meiner Freunde einmal sagte: Wenn man die Utopie mit der Realität vergleicht, sieht die Realität immer schlecht aus.“

Fishman meint, dass Sanders und Trump ihre überraschende Anziehungskraft dem verdankten, dass „es viele verärgerte und unglückliche Leute gibt, deren Sorgen niemandem anspricht. Es gibt gute wirtschaftliche Gründe dafür, warum die Leute unglücklich sind. Die Obama-Administration hat Fragen thematisiert, die nicht wirklich wichtig sind: Gender-Toiletten für Transsexuelle oder Meditationsräume für gestresste Studenten. Mit der schrankenlosen Immigration spricht Trump Fragen an, die die Mittelklasse bewegen.“

Der israelische Historiker greift Ängste auf, die von Verwandten und Freunden in den USA ausgesprochen werden. Man meint, Bemühungen feststellen zu können, die Bevölkerung der Vereinigten Staaten durch Migration zu verändern, um so die Politik des Landes neu ausrichten zu können. „Die Amerikaner mögen nicht, dass man das Christentum zur zweiten Religion in den Vereinigten Staaten zu machen sucht, während der Islam die bevorzugte Religion werden soll.“ Joel Fishman lacht zweideutig, während er diese Aussagen mit einer Anspielung an das Gedicht „Die Lösung“ kommentiert, das Bertolt Brecht nach dem 17. Juni 1953 verfasst hatte: „Vielleicht hat das amerikanische Volk das Vertrauen seiner Regierung verscherzt. Deshalb löst die Regierung jetzt das Volk auf und wählt sich ein anderes.“

Während Joel gedankenverloren das Glas mit kühlem Weißwein an die Lippen setzt und die warme Luft der letzten Pessachtage genießt, betritt seine Frau Rivka den Raum. „Trump ist ein Demagoge“, wirft die pensionierte Dozentin für jüdische Literatur und Geschichte an der Hebräischen Universität ein: „Vielleicht finde ich ihn gut, weil er keiner von den anderen ist.“ Sie erinnert an ihren Cousin aus New York, der meint: „Bei Hillary weiß ich, dass sie in puncto Israel 100% falsch liegt. Bei Trump besteht die Möglichkeit, dass er vielleicht nur 75% Unrecht hat.“ Dann fügt sie erklärend hinzu: „Wir vertrauen Hillary Clinton nicht, weil sie alle diese fürchterlichen Berater hat, wie Sidney Bloomenthal. Der ist jüdisch, aber sehr anti-israelisch.“ Bernie Sanders ist den Fishmans zu radikal: „Der ist Kommunist, noch nicht einmal Sozialist!“ Immer wieder betonen sie: „Wir kennen Trump nicht, wissen nicht, wer seine Berater sein werden. Hillary und ihre Berater kennen wir. Sie wäre auf jeden Fall besser als Obama. Jeder wäre besser als Obama, alle – außer Sanders!“

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