Abu Ghosch: Mekka der Gaumenfreuden

  • Dezember 20, 2004
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Die meisten Touristenbusse fahren auf der Autobahn in Richtung Tel Aviv an Abu Ghosch vorbei. Das malerische Dorf schmiegt sich kaum mehr als zehn Kilometer westlich von Jerusalem ins judäische Bergland.

Der König des Rock ‘n Roll

Legendär ist die Elvis-Tankstelle. Tag und Nacht tönt die Stimme des Altrockstars aus Lautsprechern. Die Besitzer der Tankstelle rühmen sich der größten Elvis-Presley-Sammlung im Heiligen Land. Seit Mitte der 1990er-Jahre zieht das „Abu Ghosh Musikfestival“ zu den jüdischen Festen Schawuot und Sukkot Tausende von Besuchern an.

Der König des Rock ‘n Roll vor seiner Tankstelle

Unter Israelis ist die arabische Ortschaft Abu Ghosch vor allem aber als „Mekka der Gaumenfreuden“ bekannt und beliebt. Die orientalischen Restaurants sind legendär – vielleicht vor allem auch deshalb, weil sie am Schabbat geöffnet haben.

Israeliten, Römer und Kreuzfahrer

Zur Zeit des Alten Testaments lag hier die Ortschaft Kirjat Jearim. Hier hat zwei Jahrzehnte lang die Bundeslade gestanden (1. Samuel 6-7), bevor König David sie nach Jerusalem überführt hat (2. Samuel 6). Eine moderne katholische Kirche bezeichnet die Stelle heute. Sie wird von französischen Ordensleuten betreut.

Die Römer hatten ein Jahrtausend später ihre 10. Legion in der Gegend stationiert. Richard Löwenherz soll von Abu Ghosch aus seinen ersten Blick auf Jerusalem geworfen haben. Im zwölften Jahrhundert meinten die Kreuzfahrer dann endlich das neutestamentliche Emmaus gefunden zu haben (vergleiche Lukas 24,13-35). Deshalb bauten sie ihre Auferstehungskirche an dieser Stelle.

Die Kreuzfahrerkirche von Abu Ghosch

Das Tor nach Jerusalem

„Abu Ghosch bestimmt die Tore Jerusalems.“ Das erkannte nicht nur der ehemalige israelische Staatspräsident Jizchak Navon. Die strategisch wichtige Lage am Westzugang von Jerusalem bestimmt die Geschichte des Ortes. Wer nach Jerusalem will, muss an Abu Ghosch vorbei. Das Dorf beherrscht das „Bab el-Wad“, das „Tor zur Schlucht“ oder „Scha’ar HaGay“, wie es heute auf Hebräisch genannt wird.

Der alte Abu Ghosch

Das hatte auch ein kaukasischer Söldner erkannt, der sich im 16. Jahrhundert in der Gegend niederließ und dem Dorf seinen Namen gab. Subhi Salah, Besitzer des Restaurants „Ne’urah“, erzählt mir die Geschichte seines Stammes, während ich mir die Lammrippchen schmecken lasse. Er erwähnt neben seinem eigenen Salah-Clan die Großfamilien Ibrahim, Dschaber, Abdul Rahman, Kteisch und Kamanija. Die ungefähr 6 000 muslimischen Einwohner sind fast alle Nachfahren des alten Abu Ghosch. Das hat mittlerweile eine genetische Studie wissenschaftlich nachgewiesen.

Subhi Salah vor seinem Restaurant in Abu Ghosch

Krawallmacher, Zöllner, Wegelagerer…

„Abu Ghosch“ heißt übersetzt „Der viel Lärm macht“. Subhi Salah, der nach seinem ältesten Sohn auch „Abu Abed“ genannt wird, druckst herum. „Die waren nicht in Ordnung“, erzählt er über seine Vorväter und sieht mich prüfend von der Seite an. Als er merkt, dass mir Räubergeschichten Spaß bereiten, erzählt er bereitwillig weiter.

Abu Ghosch hat sich im Laufe der Jahrhunderte einen Namen als Nest von Wegelagerern gemacht hat. Wer nach Jerusalem wollte, musste hier Wegzoll bezahlen. Die Leute von Abu Ghosch beherrschten die umliegenden Dörfer. Das trug offensichtlich nicht zu ihrer Beliebtheit bei.

… und Mädchenräuber

Vom Stammvater Abu Ghosch erzählt man sich, dass er sich jedes Jahr eine neue Braut geraubt habe. Kein schönes Mädchen im judäischen Bergland war vor ihm sicher. Das ging so lang, bis er eines Tages mit seiner Meute in der Nähe des heutigen Latrun auf die zornige Mutter eines Mädchens stieß. Sie wusste ihm offensichtlich Paroli zu bieten.

Lachend erzählt Subhi Salah, dass die Matrone den Männern von Abu Ghosch vollkommen nackt entgegen gelaufen sei. Das hätte die Mädchenräuber so in ihrer Ehre gekränkt, dass sie die Dame aufforderten, sich zu kleiden. „Solange nur Weiber in der Nähe sind“, soll die zornige Mutter gekontert haben, „brauche ich mich nicht anzuziehen.“ Und: „Leute, die Mädchen rauben, können keine Männer sein.“ Zutiefst verletzt sollen die Banditen von Abu Ghosch abgezogen sein. Wie überall in der arabischen Welt spielt die Ehre eine wichtige Rolle in Abu Ghosch, bis heute.

Türken, Engländer und Israelis

Unter osmanischer Herrschaft wurde der Muchtar von Abu Ghosch zum Steuereintreiber. Er hat die umliegenden Dörfer beherrscht. Gegen Ende der Türkenzeit soll er gar Gouverneur von Jerusalem gewesen sein.

Im britischen Mandat herrschte der weise Muchtar Ali Salah Dschaber. Während der Unruhen in den 1920er- und 1930er-Jahren bewahrte das Dorf gute Beziehungen zu den benachbarten jüdischen Kibbuzim Kirjat Anavim und Ma’aleh HaChamischah. Ebenso im israelischen Unabhängigkeitskrieg.

„Dank eines brillanten Muchtars, Muhammad Abu Ghosh, durften wir in unseren Häusern bleiben. Abu Ghosh entschied, dass wir die Juden nicht bekämpfen sollten. Und jeder im Dorf hielt sich daran.“ Mehr als 30 arabische Dörfer in der Gegend wurden damals zerstört. Abu Ghosch existiert noch, „weil es gewagt hat, anders zu sein.“ Nicht nur Jizchak Navon und Jizchak Rabin erwähnt Subhi Salah wenn er die Freunde von Abu Ghosch aufzählt, sondern auch deren „rechtsradikale“ Rivalen Menachem Begin und Jitzhak Schamir.

Die Aschkenasen unter den Arabern

Die Leute von Abu Ghosch sind stolz auf ihre Geschichte und stolz darauf, anders zu sein als die übrigen arabischen Israelis. „Wir sind die Aschkenasen unter den Araber“, lacht Lastwagenfahrer Musa Abu Ghosch, „wir sehen sogar anders aus.“

„Die anderen Araber bezeichneten uns als Verräter. Sie machten uns gar verantwortlich für den Tod des legendären arabischen Anführers Abdul Khader el-Husseini. Der ist im April 1948 im nahegelegenen Kastell gefallen. Deshalb hassen sie uns.“ Aber: „Wenn sich alle so verhalten hätten, wie wir, gäbe es heute kein Flüchtlingsproblem.“ Abu Ghosch ist ein Zeugnis dafür, dass sich unkonventionelle Kooperationsbemühungen im blutigen Wirrwarr des Orients auszahlen.

Ein Wasserrad aus Syrien

Subhi Salahs Restaurant trägt den Namen „Na’urah“. „Na’urah“ heißen die riesigen Wasserräder, die im Tal des Orontes in Syrien das kostbare Nass auf die höher gelegenen Felder schöpfen. Im syrischen Hama sind diese Wasserräder bis zu zwanzig Meter hoch und Jahrhunderte alt. Ihr ächzender Singsang bildet eine ständige Geräuschkulisse in der von Massakern und Bürgerkrieg zerrissenen Stadt. Und genauso ein Wasserrad steht im Vorgarten des Restaurants.

Wasserräder in Hama am Orontes

Wie kommt ein „Na’urah“ aus Syrien nach Israel? – Subhi erzählt, dass sein Clan, genau wie die syrische Großfamilie Assad Supermärkte in den USA besitzt. So kam es, dass einer seiner Söhne in Amerika Basil Assad, den Lieblingssohn und designierten Nachfolger des damaligen Präsidenten Hafes el-Assad, kennenlernte.

Als der 31-jährige Basil im Januar 1994 bei einem Autounfall ums Leben kam, nahmen die arabischen Freunde aus Israel regen Anteil am Leid der Präsidentenfamilie. Später waren die Subhis dann in England bei der Hochzeit des heutigen Präsidenten Baschar el-Assad mit dabei. Das Wasserrad im Garten des Na’urah-Restaurants in Abu Ghosch ist ein Geschenk des heutigen syrischen Präsidenten. Über Jordanien kam das Wasserrad nach Israel.

Das Wasserrad in Abu Ghosch

Der Brunnen aus dem an trinkt

Während Subhi Salah die Story vom Wasserrad erzählt, sitzt am Nachbartisch Gideon Esra. Der ehemalige Vize-Geheimdienstchef hat ganz offensichtlich kein Problem mit den guten Beziehungen des israelischen Restaurantbesitzers mit der Familie des syrischen Diktators. Esra genießt das üppige orientalische Essen und wird nicht müde das Restaurant „Ne’urah“ als Ausdruck eines einzigartigen jüdisch-arabischen Zusammenlebens zu loben. Das sei typisch für Abu Ghosch.

Gideon Esra im Na’urah-Restaurant

Subhi Salah sieht das etwas nüchterner: „Mein Vater ist hier geboren. Ich bin hier geboren. Hier ist unser Leben.“ Mit einer alten arabischen Weisheit bringt „Abu Abed“ das Geheimnis des Überlebens der Nachfahren des Krawallmachers an der Autobahn Jerusalem-Tel Aviv auf den Punkt: „Man spuckt nicht in den Brunnen, aus dem man trinkt.“

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