An „mehr als 10 000 unschuldige Tote“ will sich Bernie Sanders erinnern, die im letzten Gazafeldzug durch israelische Bomben ums Leben gekommen sein sollen. Dem jüdischen Staat wirft der jüdische Bewerber für das Amt des US-Präsidenten vor, „wahllos Krankenhäuser bombardiert“ zu haben. So jedenfalls äußerte sich Sanders am 4. April 2016 in einem Interview mit den New York Daily News.

Angenommen, jedes Hamas-Mitglied, jeder Kämpfer des islamischen Dschihad und jeder palästinensische Salafist, der während der 50-tägigen Auseinandersetzung im Sommer 2014 eine der mehr als 4 000 Raketen auf Israel abschoss und dabei von Israel entdeckt und liquidiert wurde, wäre als „unschuldig“ zu bezeichnen. Sanders Zahlenangabe wäre immer noch fünfmal so hoch, wie die von den Vereinten Nationen festgestellte Gesamtopferzahl – inklusive aller von den Palästinensern offiziell als „Märtyrer“ verehrten gefallenen Kämpfer.

Wenige Tage nach dem Interview in New York korrigierte sich Sanders – nur um dann zu behaupten, die UN rede von „mehr als 2 000 toten Zivilisten“. Tatsächlich spricht das Büro der Vereinten Nationen für die Koordination humanitärer Angelegenheiten (OCHA) von 1 423 zivilen Opfern der israelischen Operation „Zuk Eitan“ im Sommer 2014 auf palästinensischer Seite. Die radikal-islamische Hamas, die den Gazastreifen seit 2007 beherrscht, behauptet 1 462 Zivilopfer. Damit hätte Sanders mit seiner ersten, übrigens ausdrücklich wiederholten Zahl sowohl die Angaben der UN als auch die der Hamas um etwa das Siebenfache übertroffen.

Medien in Israel sprechen von insgesamt 2 125 toten Palästinensern, wobei nach israelischen Erkenntnissen etwa 44 Prozent bewaffnete Kämpfer gewesen sein sollen. Die unpräzise Unterscheidung der Hamas von „Zivilisten“ und „Kombatanten“, sowie die von Israel angeprangerte Praxis der Islamisten, Zivilisten als lebende Schutzschilde zu missbrauchen, erschwert eine objektive Zahlenangabe.

Der vor allem von jungen Intellektuellen verehrte Sanders betont seine jüdische Identität, dass er „als junger Mann einige Monate in Israel gelebt und dort Familie“ habe. Von Interviewern in die Enge getrieben, gibt der langjährige ehemalige Kongressabgeordnete und Senator aus dem US-Bundesstaat Vermont allerdings zu, nicht wirklich qualifiziert im Blick auf Israel Entscheidungen treffen zu können – trifft sie dann aber implizit eben doch.

Auch wenn die Äußerungen von Sanders, der gerne erster jüdischer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden möchte, weniger seine Haltung gegenüber dem jüdischen Staat zum Ausdruck bringen sollten, als vielmehr seine Ignoranz im Blick auf die Lage in Nahost, wären sie doch fatal. Die sachlich inkompetente Anklage Israels durch den Juden Sanders bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung viel eher haften, als sein Eingeständnis, er wolle nicht die israelische Regierung leiten und habe bereits genug Probleme mit dem Bemühen, „US-Senator zu sein und vielleicht Präsident der Vereinigten Staaten“ zu werden.

Wohlwollende israelische Beobachter bezweifeln lediglich die Fähigkeit des jüdischen Politikers Sanders, US-Präsident zu sein. Weniger Wohlgesonnene werfen ihm Boshaftigkeit vor. Israels ehemaliger Botschafter in Washington, Michael Oren, etwa verglich die Äußerungen des amerikanischen Präsidentschaftsbewerbers mit Blutlegenden, durch die im Laufe der Geschichte Juden immer wieder verleumdet wurden, nicht selten mit verheerenden Folgen. Oren appelliert an Sanders: „Zuerst einmal sollte er die Fakten richtig stellen. Zweitens schuldet er Israel eine Entschuldigung.“ Er bemängelt: Sanders „erwähnt mit keinem Wort, wie viele Raketen Hamas auf uns abgeschossen hat; dass sich Hamas hinter Zivilisten versteckt hat; dass wir uns aus Gaza zurückgezogen haben, um den Palästinensern ein Experiment der Eigenstaatlichkeit zu ermöglichen – das sie zu einem Experiment mit Terror umgemünzt haben.“

Ein eher rechts gerichteter politischer Kommentator in Israel beschreibt Sanders Äußerungen: „Da werden anti-israelisches und pro-israelisches Material nach dem Zufallsprinzip gemischt, ohne jeden Bezug zur Realität.“ Unter dem Strich signalisiert der amerikanische Jude Sanders vor allem sein Desinteresse am Staat Israel, wobei allerdings die anti-israelischen Ressentiments des demokratischen Senators definitiv überwiegen.

Selbst die dezidiert links-liberale israelische Tageszeitung HaAretz kann die Schlagzeilenfrage nicht vermeiden: „Wo steht Bernie Sanders im Blick auf Israel?“ Der beste Freund des 73-jährigen Sanders sei Richard Sugarman, ein Professor für jüdische Philosophie an der Universität von Vermont, der seinen linksgerichteten Studenten den Zionismus schmackhaft zu machen suche. Amerikas jüdische Komiker machen sich lustig über „Bernie“, der doch ganz offensichtlich traditionelle amerikanische jüdische Werte vertrete. So sei er für gleichgeschlechtliche Ehen, für Bürgerrechte und gegen den Krieg im Irak.

Mit Sanders-Zitaten bemüht sich HaAretz dann zu belegen, dass er für das Existenzrecht Israels eintritt, aber weniger für Israels Verteidigung ausgeben möchte. Bernie Sanders findet den „Anblick von israelischen Soldaten, die Arabern Arme und Beine brechen, abstoßend“. Dann fordert er aber Verständnis für Menschen, „die seit 30 Jahren im Krieg leben“ und erinnert daran, dass „manche arabische Führer die Vernichtung des Staates Israel und die Ermordung israelischer Bürger fordern“. Ferner wirbt er um Verständnis für einen „nicht vollkommenen Deal mit dem Iran“.

Traditionell sind Amerikas Juden demokratische Wähler. Auch Israelis ist die starke pro-israelische Lobby unter den amerikanischen Evangelikalen nicht selten unheimlich. Oft wird behauptet, dass der Einfluss reicher amerikanischer Juden die Außenpolitik der Vereinigten Staaten im Blick auf Israel entscheidend beeinflusse.

Allerdings können sich Israelis, die nicht erst seit 30 Jahren, wie von Sanders behauptet, sondern seit es einen modernen Staat Israel gibt nichts als Kriegszustand kennen, im Rückblick auf vergangene US-Administrationen des Eindrucks nicht erwehren: Je größer und offensichtlicher der Einfluss von Juden auf eine amerikanische Regierung, desto problematischer war sie aus israelischer Sicht.

Allenfalls ermöglicht ein Populist Donald Trump auf Seiten der Republikaner Israelis derzeit, eher unbeteiligt und vielleicht sogar „objektiv“ den Vorwahlkampf in den USA zu verfolgen. Oder sind es die Aussichten auf einen Präsidenten Trump oder Sanders, die dazu führen, dass man in Israels Medien gegenwärtig den Beziehungen mit Indien, China und Russland weit mehr Aufmerksamkeit schenkt, als dem US-Wahlkampf?